Als die SPD den Atommüll einfach in Frankreich lassen wollte

Freitag, 18. Oktober 2013

In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 15 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe vom 18.Oktober 1998.

SONNTAG

„Feuergesicht" von Marius von Mayenburg an den Münchner Kammerspielen. Handlung: Der Vater liest am liebsten über Hurenmorde, die Mutter menstruiert auf den Fußboden, die wahnsinnige Tochter treibt Inzest mit dem Bruder, und dieser schlägt die Eltern mit dem Hammer tot. Lessing: „Die Narren sind in der ganzen Welt platt und frostig und ekel."

MONTAG

Niedersachsens neuer Ministerpräsident Gerhard Glogowski will deutschen Atommüll aus Le Hague nicht mehr zurücknehmen. Diese Verpflichtung Frankreich gegenüber loszuwerden sei nur „eine Frage der Verhandlungen." Robert Vansittart: „Der Vertrag ist ein System, unter dem die Treuen stets gebunden, die Treulosen stets frei sind."

DIENSTAG

Der deutsche Physiker Horst Störmer erhält den Nobelpreis. Er arbeitet in den USA, wo wissenschaftliche Forschung nicht von Ideologen behindert wird. Norbert Blüm: „Wir haben einen Teil des technischen Fortschritts verschlafen - unter einem sozialistischen Eiapopeia in den Schlaf gesungen."  

MITTWOCH

Der deutsche Durchschnitts-Krankenstand sinkt auf das Rekordtief von 18 Tagen pro Jahr. 1991 lag er noch bei 26 Tagen. Die Betriebskrankenkassen meinen, die Kürzung der Lohnfort-Zahlung im Krankheitsfall spiele dabei nur eine untergeordnete Rolle. Katja Ebstein: „Wunder gibt es immer wieder..."

DONNERSTAG

Kino-Start: „Solo für Klarinette" mit Götz George. Handlung: Der Kommissar hat ein gestörtes Kind, wird von seiner Frau ausgesperrt, holt sich eine Prostituierte ins Hotel und bringt sie beinahe um. Der Ermordete hat seinen Sohn sexuell missbraucht, der Nachbar ist ein schwuler Spanner. Hans Maier: „Deutsch sein heißt eine Sache um ihrer selbst willen zu übertreiben."

FREITAG

Hamburgs Justizsenatorin Lore-Maria Peschel-Gutzeit will einen Spritzentausch für süchtige Häftlinge einführen - nach einem Pilotprojekt in Vierlande. In ebendieser Justizvollzugsanstalt beschäftigt ein Metall-Betrieb Strafgefangene und bezahlt sie sogar nach normalem Tarif - aber nur noch bis zum Jahresende. Denn, so der Firmenchef: „Die Klientel wird immer schwieriger. Wir finden einfach keine arbeitswilligen und geeigneten Häftlinge mehr." Wilhelm Busch: „Aber hier, wie überhaupt, / Kommt es anders, als man glaubt."

SAMSTAG

Im holsteinischen Bad Oldesloe klagen Anwohner auf Entfernung von Krähennestern im Kurpark: Die Vögel krächzen nachts mit 62 Dezibel, die Lärmschutzverordnung gestattet nur 35 Dezibel. Sollte das Amtsgericht die körperliche Unversehrtheit der Kläger nicht höher bewerten als das Landesnaturschutzgesetz, wollen die Anwälte vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Büchner: „Groß und erhaben ist es, den Menschen im Kampfe mit der Natur zu sehen, wenn er gewaltig sich stemmt gegen die Wut der entfesselten Elemente und, vertrauend auf die Kraft seines Geistes, die rohen Kräfte der Natur zügelt."

Anmerkungen

Der SPD-Politiker Gerhard Glogowski war 1990-1998 Innenminister und danach Dezember 1999 Ministerpräsident des Landes Niedersachsen. Er trat zurück, als ihm vorgeworfen wurde, sich im Amt private Vorteile etwa auf einer Ägyptenreise verschafft zu haben.

Die SPD-Politikerin Lore Maria Peschel-Gutzeit war 1991-1993 Justizsenatorin in Hamburg, 1994-1997 Justizsenatorin in Berlin und danach bis 2001 wieder Justizsenatorin in Hamburg. Sie arbeitet heute als Anwältin mit dem Schwerpunkt Familienrecht in Berlin.


 

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