Das Elend der Talkshows

Mittwoch, 23. Oktober 2013

In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 20 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe von Samstag, 23.Oktober 1993.

SAMSTAG

Die Hatz auf Heitmann geht weiter, die Widersprüche

werden immer grotesker: Während die einen ihm „Konturenlosigkeit" ankreiden wollen, werfen andere ihm „Polarisierung" vor. Trost bei Sebastian Brant, ‚Das Narrenschiff' (A.D.1494): „Es lebt auf Erden gar kein Mann, / Der jedem Narren recht tun kann."

SONNTAG

In der Predigt beklagt ein Pfarrer die Heuchelei derer, die selbst keine Sünde scheuen, von Geistlichen aber ein Idealleben fordern und jeden Fehler klammheimlich bejubeln. Dieses Verhalten ist Folge einer besonders in Deutschland verbreiteten verlogenen Moralisiererei, die auch dazu führt, dass Ehebrecher sich über Scheidungen von Politikern mokieren und Steuerbetrüger die Diäten von Abgeordneten kritisieren. Bacon: „Das menschliche Herz weidet sich gern an den eigenen Vorzügen oder an den Schlechtigkeiten der

anderen; und wer... nicht hoffen kann, es andern in Tugend gleichzutun, strebt danach, ihnen gleich zu werden, indem er sie von ihrer Höhe herabzureißen trachtet."

MONTAG

Der saarländische Ministerpräsident hat Kühnes zu Tarifpolitik in den neuen Bundesländern geäußert und wird nun von seinen Parteifreunden kräftig dafür geprügelt. Wilhelm Busch: „Neue Gedanken sind nicht häufig; / Sage uns die alten nur geläufig."

DIENSTAG

Die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD beschließen mit großer Mehrheit, dass Bundestag und Bundesregierung spätestens bis zur Sommerpause des Jahres 2000 nach Berlin umziehen werden. Schiller („Die Piccolomini" I, 1): „Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt."

MITTWOCH

Immer mehr Talkshows im TV. Alle folgen dem gleichen Prinzip und lösen, wenigstens beim Studiopublikum, die gleichen pawlowschen Reflexe aus: Priester werden geschmäht, Prostituierte gefeiert. Was Wissenschaftler erklären, wird angezweifelt, was Quacksalber von sich geben, geglaubt. Polizisten werden verhöhnt, Rechtsbrecher bewundert. Politiker der Mehrheitspartei finden sich stets in der Minderheit. Ex-Kommunisten erteilen Unterricht in Demokratie. Bescheidenheit wird verlacht, Frechheit beklatscht. Normales ist verpönt, Perverses gilt als moralisch. Erich Kästner: „Rings in den Wasserköpfen steigt die Flut, / Und Ebbe wird es im Gehirn der Klugen."

DONNERSTAG

Die Straftaten Jugendlicher an deutschen Schulen werden immer brutaler. In Berlin lassen sich Lehrer zur Selbstverteidigung in fernöstlichen Kampfsportarten ausbilden; die Kosten übernimmt der Senat. Shakespeare (Hamlet I, 5): „Die Zeit ist aus den Fugen."

FREITAG

Die Annahmestelle für Liebesgaben nach St. Petersburg liegt sinnigerweise in der Hamburger Mönckebergstraße, wo es kaum Parkplätze gibt. Prompt wird eine Hausfrau, die drei Riesenpakete mit dem Auto antransportiert, nach Sekunden wegen Falschparkens aufgeschrieben. Der Polizist lässt sich auf Diskussionen gar nicht erst ein und kündigt ein Bußgeld von 50 Mark an. Solch energisches Durchgreifen wünscht man sich auch an der Hafenstraße. Lichtenberg: „Die Polizeianstalten in einer gewissen Stadt lassen sich füglich mit den Klappermühlen auf den Kirschbäumen vergleichen: Sie stehen still, wenn das Klappern am nötigsten wäre, und machen einen fürchterlichen Lärm, wenn wegen des heftigen Windes gar kein Sperling kommt."

Anmerkungen

Der Theologe und CDU-Politiker Steffen Heitmann war 1990-2000 sächsischer Justizminister. 1993 war er Wunschkandidat Helmut Kohls und der CDU für das Amt des Bundespräsidenten für die im Mai 1994 anstehende Wahl. Nach Äußerungen zur Rolle der Frau, zum Holocaust oder über Ausländer, die von politischen Gegnern als ultrakonservativ oder sogar reaktionär diffamiert wurden, verzichtete er auf eine Kandidatur. Sein Fall erwies die starke Wirkung linker Propaganda: Seine Gegner behaupteten, seine Auffassungen würden nur von einer Minderheit geteilt. Umfragen schienen das zunächst zu bestätigen. Als jedoch die Meinungsforscher von Allensbach Heitmanns Äußerungen zur Diskussion stellten, ohne dabei seinen Namen zu nennen, fanden seine Ansichten breite Zustimmung: zur Rolle der Frau waren es 78 Prozent, zum Holocaust 71 Prozent und zu Ausländern 64 Prozent.   

Der heutige „Linke“-Politiker Oskar Lafontaine war 1985-1998 noch als SPD-Mitglied Ministerpräsident des Saarlandes, 1990 SPD-Kanzlerkandidat und 1995-1999 SPD-Vorsitzender.

 

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