Wie die Wikinger wirklich waren

Dienstag, 29. Oktober 2013

Von wegen, sie haben nur gesoffen und gerauft! Wikinger waren auch Unternehmer und Künstler, Entdecker und geniale Konstrukteure. Das Wirken der rauen Nordvölker sollte Europa für Jahrhunderte beeinflussen 


„Nie zuvor ist solch ein Schrecken über Britannien hereingebrochen“, klagten die Chronisten, „seht, die Kirche ist bespritzt mit dem Blute der Priester. Plündernd und mordend und zerstörend fiel der wilde Sturm der Heiden über das Haus Gottes her. Hornissen, schreckliche Wölfe der See ...“

Die Schreckensbotschaft vom ersten Wikinger-Überfall der Geschichte, am 8. Juni 793 auf das reiche Kloster Lindisfarne an der englischen Küste, prägte das einseitige Bild mordlüsterner Piraten aus dem Norden zwölf Jahrhunderte lang. Erste jetzt, nach neuen Forschungen, kippt das Klischee: Die blonden, blauäugigen Barbaren aus Dänemark, Norwegen oder Schweden waren keineswegs nur goldgierige Totschläger.

Der Lockruf des Goldes. Clevere Krämer und furchtlose Fernhändler seien sie vor allem gewesen, meint Professor Régis Boyer, Spezialist für altnordische Sprachen an der Pariser Sorbonne. Und das perfekte Etikett für die wagemutigen Wogenreiter sei nicht „blutrünstig“, sondern „geldkrank“. Besonders anschaulich schildert die Lieblingsanekdote des Professors, was Wikinger in Wahrheit bewegte: In einer altisländischen Saga wird ein Händler beim Zählen seiner Münzen vom Feind überrascht. „Sieben, acht, neun“, sagt er, „bevor das Schwert auf seinen Hals niedersaust, und als sein Kopf bereits über den Boden rollt, folgt noch, als letztes Wort, ein zufriedenes „zehn!“

Rund um die Erde. Der Wunsch, rasch reich zu werden, trieb die Söhne der Mitternachtssonne an die Grenzen ihrer Welt: Für Pelze, Walrosszähne und blonde Sklavinnen tauschten sie in Persien, Bagdad und Konstantinopel chinesische Seide, arabisches Silber oder auch mal einen indischen Bronzebuddha ein. Mit einer einzigen Handelsfahrt konnten sie ihr Kapital um das Hundertfache vermehren.

Der Gewinn entsprach dem Risiko. An Russlands Strömen lauerten räuberische Reitervölker den Reisenden auf, vor Spaniens Küste kreuzten Sarazenische Korsaren. Oft genug auch jagten die Weitgefahrenen selbst an irgendeiner weltfernen Klippe sich gegenseitig Waren und Bares ab.

Künstler. Aber die Wikinger waren noch auf anderen gebieten Spitze. Als Handwerker fertigten sie einzigartigen Schmuck aus Gold, Silber, Edelsteinen und dem weltweit begehrten Bernstein. Ihre eisernen Werkzeuge waren so unverwüstlich wie ihre stählernen Waffen; als Bildhauer und Holzschnitzer formten sie Kunstwerke von zeitloser Eleganz.

Der Vorläufer von Wilhelm Tell. Als Dichter schufen die Wikinger spannende Erzählungen und klangvolle Lieder, ihre Historiker hielten die Erinnerung an den alten Norden in schwungvollen Balladen lebendig bis in unsere Zeit. Die Nibelungensage geht ebenso auf eine Wikinger-Story zurück wie die Legende von Wilhelm Tell: In Wirklichkeit war es ein Däne, der den Apfel vom Kopf seines Sohnes schoss.

Konstrukteure. Als Schiffsbauer revolutionierten sie die Seefahrt ihrer Epoche. Ihre schnittigen Drachenboote fassten bis zu 70 Menschen samt Proviant und zweieinhalb Tonnen Trinkwasser. Sie waren ebenso schnell zu Segeln wie zu rudern und noch leicht genug, hundert Kilometer über Land getragen zu werden.

Entdecker. Die Wikinger wagten sich durch das Packeis nach Sibirien, segelten nach Grönland und erreichten vor 1000 Jahren, 500 Jahre früher als Kolumbus, als erste Europäer die Küste Amerikas.

Last-Minute-Tours. In der Geschichte jener Reise spiegelt sich das Alltagsleben der Salzwasser-Nomaden besonders plastisch: Wikinger waren kurzentschlossen, fuhren oft spontan und ohne festes Ziel in die Fremde – Reisen ohne Comeback-Garantie! Im offenen Frachtraum standen Pony, Kühe, Ziegen und Schafe. Als Proviant gab es Pökelfleisch, geräucherten Schinken. Vollkorn-Müsli, frische Eier (von Hühnern in Käfighaltung) und Honigwein, zur Abwechslung schoss man sich mit Pfeil und Bogen eine Möwe. Die Fell-Schlafsäcke waren warm und wasserdicht, dicke Wolle schützte vor eisigen Winden.

Der Steuermann las die Richtung vom Sonnenkompass ab. Nachts halfen die Sterne, in Küstennähe charakteristische Berge und bei Nebel Erfahrung und Gefühl. Ab Windstärke zehn allerdings mussten dann auch Frauen und Kinder pausenlos Wasser schöpfen.

In Amerika lebten die Wikinger wie zu Hause in Hütten aus Holz und Stein. Ein dickes Grasdach hielt die Temperatur wie eine Klimaanlage konstant. In den Lampen brannte Robbentran. Abends saß alles um das große Feuer in der Mitte des Wohnzimmers. Die Trinkhörner kreisten, ehe Männer und Frauen in die (nicht immer eigene) Schlafammer fanden. Die Liebe der Wikinger war viel freier als bei ihren Zeitgenossen; erst das strenge Christentum des Mittelalters machte damit - und mit den Raubzügen – Schluss.

 

 

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Wikingergeschichte

Interressanter Artikel. Von welchen Quellen stammen diese Infos? Auf www.wikinger.org wird z.B. erwähnt, dass es allgemein sehr schwer sei etwas über die Wikinger herauszufinden.