Kapitel 18: In St. Liederlich

Samstag, 15. September 2012
„Der Duft der Bratwürste“: Am Alten Fischmarkt 1884. © Museum für Hamburgische Geschichte

  In den Sündenbuden, die mein Onkel und der Husar nun aufsuchten, herrschte ein etwas derberer Ton. Es ging schon gleich feste los, im „Ninive“, dem größten von Landos Schuppen, gleich hinter den Karussells. Wegen der vielen Kinder auf den Straßen durften die Mädchen dort bis Mitternacht nicht vor der Tür stehen, sondern nur aus den Fenstern gucken.

  „Was sind denn das für Frauen?“ fragte ein Buttje. Die Mama antwortete: „Das sind alles Schauspielerinnen“ und hatte nicht mal gelogen.

  Über dem pompösen Pappmaché-Portal aus rosigen Damenbeinen stand der hoffnungsvolle Zweizeiler „In dem lustigen Matrosen / Bleibt das Geld nicht in den Hosen“. Über die Straße wehte der Duft der Bratwürste und Kartoffelpuffer aus den Fressbuden so gleichmäßig wie der Passat, aber das Publikum stammte nicht nur aus den Ross- sondern auch aus allen anderen Breiten: türkische Kohlentrimmer, indische Stewards, Matrosen von allen Küsten und Inseln der sieben Meere, chinesische Wäscher, schwarze Schauerleute aus dem Petroleumhafen, der ganze Schwalch des Hafens. Der um diese Stunde stets besonders luftige Schaum der seefahrenden Menschheit wurde in immer neuen und doch irgendwie immer gleichen Wogen vorübergeschwemmt. Unablässig floss er zwischen den Vorposten des Festlands dahin, den golden betressten Portiers, die jeden potentiellen Sünder eifrig ankoberten. Das zahlende Publikum war den schwindsüchtigen Zettelverteilern und barfüßigen Bonbonverkäufern und an jeder Ecke auch den akustischen Angriffen der berüchtigten Harmonika-Krüppel ausgesetzt, die mal mit mehr, mal mit weniger Phantasie Kriegsverletzungen vortäuschten, im Morgengrauen aber allesamt auf ihren angeblich „abben Beinen“ nach Hause latschten. Als bunte Beiboote der Vergnügungsflotte schwammen jede Menge grell geschminkter Einspännerinnen mit, kurz: es pulsierte das gastliche Leben der großstädtischen Nacht.

  Der Tanzsaal war proppenvoll, es roch nach Sprit und Kiss-me-Quick-Parfüm. Ein Spruchband warb für Habaneroschnaps: „Schärfer wird für euch die Liebe, habt ihr Pfeffer im Getriebe!“ Das Orchestrion klimperte gerade einen Gassenhauer, dessen Witz darin bestand, dass die Reime keine waren. Die Nachtvögel grölten lauthals mit:

  Adele liebt den Walzer sehr,

  doch auch die schnellen Tänze.

  Nur eines liebt sie noch viel mehr,

  das sind die langen schw-eren goldenen Ketten,

  ach wenn wir die nur hätten,

  Adele, Adele, du bist 'ne tolle Frau!

  Kowalski stürzte sich rücksichtslos ins Gewühl und schaffte auch gleich auf Husarenart Platz: An einem der ersten Tische kniff ein Betrunkener mit Glatze und bösen Augen einem zierlichen rothaarigen Mädchen, das er schon halb auf den Schoß gezerrt hatte, derb in den Busen, und als die Kleine aufschrie und sich wehrte, schlug er nach ihr, worauf Kowalski, der im Gedränge eben hinter die beiden gekommen war, dem Kerl wortlos eine furchtbare Backpfeife versetzte. Der Schlag fegte den Burschen wie einen alten Hut vom Stuhl, so dass er seitwärts wie eine Krabbe zwischen die Tanzenden taumelte. Seine beiden Kumpels, vierschrötige Kerls mit verbeulten Visagen, sprangen auf. Der eine rannte in eine weitere Maulschelle des Polen, den anderen stoppte Onkel Johnny mit einem blitzsauberen Uppercut, und die Burschen krachten ins Gestühl.

  Im Nu waren Onkel Johnny und der Husar von einem Dutzend Louis umringt, lauter Ringer- und Boxerfiguren. Mein Onkel juckte es in den Fäusten, so viel verriet er später denn doch, er fühlte sich an die alten Zeiten erinnert, als er noch mit Jack französisch kegeln ging, beherrschte sich aber und fuhr die Rausschmeißer an: „Was'n das für'n Laden, sind die Zibben zum Verprügeln da? Diese Krapüle versaut einem ja die ganze Zärtlichkeit!“ Er setzte sich neben die Gerettete und fragte: „Hast du nicht 'ne nette Freundin?“ Kowalski nahm kurzentschlossen den Stuhl auf ihrer anderen Seite.

  Die Louis, durch die Bank vorbestrafte Totschläger, guckten einander an, zuckten dann die Achseln und beförderten dann nicht Johnny und Kowalski, sondern die drei Verdroschenen nach draußen.

  Der kleine Feuerschopf hieß Martha, ich kannte sie flüchtig, sie war aus Barmbek und hatte sich eine Weile tapfer als Näherin durchgeschlagen, bis ihr Sailor sie mit einem Kind sitzen ließ. Darauf wollte sie nur für die berühmten „paar Monate“ Geld verdienen, das war jetzt sechs Jahre her, und es ging ihr wie den vielen anderen, sie hatte den Glauben an die Menschheit verloren, insbesondere an den männlichen Teil. Die Mädchen von St.Pauli respektieren nur zwei Arten von Kerl: den einen, weil er sie beherrscht, ausbeutet und verprügelt, den anderen aber, weil er sich für sie einsetzt, ohne ihr anschließend zur Belohnung an die Wäsche zu wollen. Martha war ganz hübsch, aber leider nur bis zum Achtersteven, darunter wurde es ziemlich krumm, „Rokokobeine“ sagten wir. Sie hoffte, dass Onkel Johnny zur zweiten Sorte gehörte. Als er ihr nach dem ersten Tanz vorschlug, nach oben zu gehen, war sie enttäuscht, ließ sich aber natürlich nichts anmerken.

  „Mein Freund kommt auch mit“, sagte Onkel Johnny.

  Marthe winkte einer Dänin, seegrasblond und apfelwangig, den Namen habe ich vergessen. An der Treppe standen zwei Louis und passten auf. Misstrauisch beäugten sie Kowalskis Säbel.

  „Ist was?“ fragte der Husar herausfordend.

  Widerwillig traten die Louis zur Seite, man sah, dass sie sich gern mit ihm angelegt hätten. Sollte aber noch kommen.

  Marthas Bude war schäbig genug eingerichtet, ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle, eine Waschschüssel, ein Paravent, ein paar Haken für die Klamotten, ein Heidschnuckenfell als Bettvorleger auf den kahlen Planken. An der Wand hing wie bei allen anderen Mädchen in St.Pauli die „büßende Magdalena“, nackt vor einem Felsen am Meer, mit dem leidenden Antlitz einer Heiligen, in der einen Hand die Bibel, in der anderen einen Totenschädel.

  Kowalski studierte das Wandbild mit dem Interesse des kundigen Christen. „Die hat ja an der einen Hand nur vier Finger!“

  „Den fünften hat sie sich weggeliebt“, sagte Marthe. „Wollt ihr Kaffee?“

  „Wir wollen überhaupt nur Kaffee“, erklärte Kowalski.

  „Sag bloß!“ wunderte sich Martha.

  „Ja“, bestätigte der Pole. „Es ist ganz schön kühl draußen.“

  „Ist es draußen kühl und nass, macht es auch im Zimmer Spaß“, sagte Martha und machte ihre Schlafzimmeraugen.

  „Nur Kaffee“, beendete Onkel Johnny die Diskussion.

  Martha schnitt ihm ein Gesicht. „Und ich hab’ gedacht, ihr habt die gute Hose an. Aber bezahlen müsst ihr trotzdem!“

  Die Dänin erhob sich, stiefelte auf den Flur hinaus und zur Küche.

  „Hör zu“, sagte Onkel Johnny zu Martha. „Wir suchen ein Mädchen. Eine junge Polin, fünfzehn Jahre alt. Sie heißt Agnes.“

  Martha, die sich neugierig vorgebeugt hatte, fuhr zurück. „Seid ihr von der Krimsche?“

  Johnny tippte sich an die Stirn.

  „Ich weiß von nichts“, sagte Marthe benaut und misstrauisch. Sie hatte Angst, und das war nur zu verständlich, Lando war ein barbarisch grausamer Patron.

  Kowalski war nicht für sensible Vernehmungsmethoden, er packte Marthe am Arm, dass sie erschrocken quiekte. „Sind hier Mädchen aus Pollen?“ Er sagte immer „Pollen“, nicht „Polen“.

  „Aua, du tust mir weh! Nein, hier nicht!“

  Kowalski ließ nicht locker. „Wo dann, vermaletracktes Weib!“

  „Drüben im 'Babylon' waren mal welche, aber jetzt sind alle weg, es kam ein ganzer Haufen Polacken mit Eisenstangen, die haben die ganze Einrichtung in Klumpen gehauen.“

  „Lass sie los“, sagte Onkel Johnny. Marthe rieb sich den Arm. „Verdammter Grobian!“

  „Pass bloß auf, du alte Nacktschnecke!“ sagte der Husar.

  Mein Onkel zog ein paar Golddollars aus der Tasche. „Kennst du die Nelly aus dem 'London'?“

  „Nell? Klar, die kennt doch jeder!“

  „Wenn du was hörst – sag es ihr. Sonst braucht keiner was zu wissen, verstanden?“

  Sie nahm das Geld und nickte. Die dicke Dänin klapperte mit dem Kaffee herein.

  „Puh, ist das eine Lorke!“ sagte Kowalski nach einem vorsichtigen Schluck.

  „So gut wie die Plörre in deiner verkackten Kaserne ist unser Kaffee allemal“, sagte Marthe beleidigt. „Der ist aus Guatamala!“

  Das Hamburger Missingsch, die Messingsprache aus dem plattdütschen Zinn und dem hochdeutschen Kupfer, hat eine unnachahmliche Art, „Guatemala“ zu sagen – so auch Marthe. Es klingt mit dem norddeutschen gedämpften „a“ ungefähr wie „Gwoddemoahla“. Am schönsten sagte es ein Heringsbändiger bei uns um die Ecke, in einem wunderbaren alten Laden, wo es nach Holz, Leder und Gewürzen, nach dem Staub der Jahrhunderte und dem Gerümpel der Sieben Meere roch, das Getriebe der Welt erstarrt in der Stille der Zeit. Wenn ich bei ihm einkaufte, sagte ich nie „bitte ein Pfund Guatamala“, sondern zum Spaß immer: „Bitte ein Pfund Kaffee, aber aus ... na, Sie wissen doch!“ Und dann ging es los:

  „Brasilien?“

  „Nein, aus...“

  „Äthiopien?“

  „Nein, dieses kleine Land in Mittelamerika, wie heißt es noch?“

  „Gwoddemoahla?“

  „Wie bitte?“

  „Gwoddemoahla!“

  Und ich stratzte raus und hielt mir den Bauch.

  Onkel Johnny und Kowalski blieben die übliche halbe Stunde, laberten ein bisschen herum, der Husar wollte dauernd los, aber mein Onkel bremste ihn immer wieder. Die Dänin kapierte gar nichts, es war ihr auch egal, sie war froh, dass sie das Sündengeld ohne Sünde bekam; sie hieß Dinne, jetzt fällt es mir wieder ein.  

  Als die vier dann wieder die Treppen runtergingen, standen die beiden Louis noch immer auf ihrem Posten, zwei große Kerle, der eine blond, der andere schwarz, die langen Haare zu Pferdeschwänzen gebunden wie die Mongolen, und tätowiert wie Südseeinsulaner, zwei besonders üble Subjekte, aber eben auch echte Hamburger Jungs. Der Blonde hieß Zottel, der andere war der Schwarze Schorsch. Als die Mädchen vorbeigingen, steckte Zottel den Fuß in die Rokokobeine, Marthe stolperte und wäre fast hingefallen. Die beiden Kerle lachten, aber Kowalski fand das gar nicht lustig, dachte wohl auch, er befände sich gerade in einem seiner berühmten Husarenheldenlieder, und haute dem Blonden gleich eine saftige Feige aufs Ohr. Der Schwarze Schorsch sprang hinzu, und da konnte natürlich Onkel Johnny nicht untätig bleiben, es gab eine kurze Rangelei, ein paar erprobte Griffe, dann segelten die beiden Louis durch die Luft, gefolgt von den staunenden Blicken der Mädchen, und machten bei der Landung aus Tischen Gerümpel.

  „Raus hier!“ rief mein Onkel, aber es war schon zu spät, andere Louis kamen von allen Seiten. Kowalski zog blank, Onkel Johnny schrie „Wahrschau“ und zerrte den Polen gerade noch hinter einen umgekippten Tisch. Ein paar Messer surrten über sie hinweg und löcherten die Wandverkleidung. Auf der Tanzfläche gab es Tumult, die Bumsorgel hörte auf zu spielen, und die Mädchen brachten die Männer in Sicherheit, nicht umgekehrt. Onkel Johnny hob im Knien den Kopf über die Kante und ließ einen seiner Sheffieldnägel von der Schulter fliegen. Ein wütender Schrei zeigte, dass er getroffen hatte. Dann Stille.

  Wenn eine Gesellschaft plötzlich schweigt, als gehe ein Engel durchs Zimmer – hier war es der Teufel: Fritz Landowiak, genannt Lando, der schlimmste Mädchenhändler westlich der Weichsel, so gewissenlos wie gerissen, Fluch der Stadt und Alptraum der Polizei, eine schwabbelige Kröte von dreihundert Pfund, Busen wie eine Berufsamme, Oberarme wie Schinken und eine echte Verbrechervisage mit bösen, geröteten Augen unter Speckwülsten, weder Körper noch Charakter scheuten billigstes Klischee, es war, als hätten hundert Polizeizeichner die Quintessenz ihrer Lebensarbeit zu einem Wachsporträt von Bösartigkeit, Gemeinheit und Laster vermengt, um das Resultat hinterher mit dem Nudelholz breit zu walzen. Ein übler Anblick. Auf Lando lief die städtische Lizenz als „Beherberger“ der Mädchen in diesem und einigen anderen Etablissements. Dreißig Jahre zuvor hatte er sich nach ein paar Morden, die nie aufgeklärt wurden, aus Berlin abgesetzt und im Hamburg heimisch gemacht. Es hieß, seine Eltern seien Hausierer gewesen, Kaschuben, oder Wasserpolacken, so ganz genau wusste das niemand, und ich denke, außer der Polizei wollte das auch niemand gern wissen, man befasst sich einfach nicht gern mit diesem fetten Ungeheuer, das aus seinem Büro geschlappt kam wie ein Lindwurm aus seiner Höhle, und auch so klang, seine Stimme glich einem heiseren Fauchen: „Wat'n det für 'n Brimborium, ihr Napfsülzen?“

  Onkel Johnny hob vorsichtig den Kopf, stieß Kowalski an, und beide standen auf.

  Landos Augenschlitze öffneten sich zu einem ungläubigen Blick. „Johnny!“ heiserte es aus dem Nilpferdhals.

  Die acht oder zehn Rausschmeißer warteten ab, was ihr Boss befehlen würde. Die Mädchen hinter ihnen begannen zu tuscheln. Sie alle hatten panische Angst vor Lando und hassten ihn von Herzen. Zottel zog dem Schwarzen Schorsch, den Johnny erwischt hatte, das Messer aus der Schulter und warf es wütend gegen den Tisch.   

  „Deine Macker machen man besser sutje, du bist am nächsten dran“, sagte Onkel Johnny. Es war ein gefährliches Patt, denn diese Speckplautze schien mit dem Wurfmesser kaum zu durchdringen.

  Lando kicherte wie ein dickes Kind. Wie viele dicke Männer hatte er etwas Säuglingshaftes, aber bei ihm wirkte es geradezu pervers, das Böse in Babygestalt, das Gemeine mit Pfannkuchengesicht. „Hab’ schon jehört, dass de wieder im Lande bist, alter Rumtreiber. Haste's jetzt mit'm Barras?“ röchelte er.

  Kowalski hielt immer noch den Säbel in der Hand, er kapierte nicht gleich, dass Onkel Johnny und Lando sich kannten, und wählte als Husar die Attacke. „Ich suche Mädchen!“

  „Det tun hier ville“, ächzte der Dirnenbeherberger, und einige hundert Muskeln unter der Fettschicht bemühten sich, auf dem Mondgesicht so etwas wie ein Grinsen entstehen zu lassen. „Aber die meisten machen nich soviel Zores, und ziehn erst dann blank, wenn sie mit dem Mädel alleene sind.“

  Die Louis stießen einander an und lachten.

  „Ich suche bestimmtes Mädchen!“ sagte Kowalski wütend. „Meine Schwester. Wo ist sie? Ich bringe euch um!“

  Lando schaute Onkel Johnny fragend an.

  „So’n paar Schweinesäcke haben seine kleine Schwester verschleppt“, sagte Onkel Johnny, da nun nichts mehr zu verbergen war. In Klein-Warschau. Sie heißt Agnes.“

  „Nebbich! Und wat wollt ihr dann bei mich?“

  „Weil hier solche Mädchen sind!“ sagte Kowalski zornig.

  „Ruhig“, mahnte Onkel Johnny, und sagte dann zu Lando: „Gab's nicht schon Ärger drüben im 'Babylon'?“

  Einige Louis wurden ungeduldig, aber ein Wink der fetten Hand brachte sie zum Schweigen, es war wohl dieser Augenblick, an dem Lando beschloss, ein ganz neues Spiel aufzumachen – ein Spiel, schlau und verschlagen und verhängnisvoll wie in einer Gauner-Oper. „Du warst det also, der da neulich nachts reinjejuckelt is wie der leibhaftije Klabautermann.“

  Die Louis schauten einander verblüfft an, die Mädchen tuschelten noch aufgeregter, die Gäste verstanden sowieso nichts, die ersten Nachtlampen riefen schon wieder ungeduldig nach der Musik.

  „Wenn du das Mädchen hast – ich kauf's dir ab“, sagte Onkel Johnny.

  Kowalski schnaufte zornig, hielt sich aber klugerweise zurück, erst musste Agnes her, später konnte man diesen Mistkerlen dann immer noch den Schädel einschlagen.

  „Nee, ihr seid auf'm janz falschen Dampfer“, quetschte es sich aus Landos fetter Kehle. „Mit de polnische Mädchen mach'n wa schon lange nischt mehr, die sin' uns viel zu katholisch.“

  Die Louis lachten wieder. Kowalski lief dunkelrot an. „Ihr vermaletrackten...“

  „Erzähl' keine Geschichten“, sagte Onkel Johnny zu Lando. „Vor ein paar Tagen gab's hier Theater, die Polen haben euch die Fresse poliert.“

  Die Louis wurden wieder unruhig.

  „Det war'n Missverständnis“, keuchte die Kröte. „Wir hatten die dree Kleenen nur fir jemand janz anneres zwischenjelagert, sie sollten nach Genua. Eine Agnes war nicht dabei.“

  „Das wissen wir schon“, sagte mein Onkel.

  „Jeh'n wa in mein Büro“ schlug Lando vor.

  Onkel Johnny lachte kurz. „Wir sind ja nicht aus Dummsdorf.“

  „Wie du willst, aber dann jehn wa raus, die Leute zahlen hier für die Musik, nich für Gequatsche. “ Er gab ein Zeichen, und die Kapelle intonierte den nächsten Gassenhauer:

  „Fürstin Clara von Sizilien

  hatt' zwei Schenkel wie zwei Lilien…“

  Lando nahm nur zwei Leute mit, sie gingen vorneweg, Lando hinterher. Onkel Johnny hob sein Messer auf und wischte das Blut an einer Tischdecke ab, Kowalski deckte den Rückzug. Auf der Straße herrschte ziemliches Gedränge und Geschiebe.

  „Was sagt denn der alte Jack dazu, dass du wieder da bist?“ schnaufte Lando.

  „Das geht dich einen Dreck an“, sagte Onkel Johnny.

  Lando zuckte die Achseln. „Wenn du polnische Mädels suchst, fragste am besten deinen alten Freund.“

  Onkel Johnny lachte höhnisch. „Jack! Ausgerechnet! Da hast du dir ja was ausgedacht.“

  „Doch, doch, det kannste mir globen. Jack hat da so'n Constabler an der Hand, Möller. Und der hat sich so'ne Kleene aus Polen versteckt. Müsst' mich sehr täuschen, wenn das nicht eure wär'.“

  „Wo ist der Kerl?“ rief Kowalski und wollte los, aber mein Onkel hielt ihn am Arm fest und sagte: „Jack würde bei so was nie mitmachen.“

  „Träume süß, Johnny. Dein Jack hat noch bei janz anneren Sachen mitjemacht.“

  „Lass es, Lando, das schlägt bei mir nicht an.“

  Die feiste Visage grinste böse. „Jou, die treue Freundschaft“, kam es aus der Fassbrust. „Na, denn viel Glück! Und bei Jelejenheit kannste Jack ja mal fragen, wo eigentlich dein Messer abjeblieben ist, du weeßt schon, wat du ihm damals jeschenkt hast.“

  „Hab' ich schon.“

  „Und?“    

  „Er hat's in seinem Büro.“

  „Ja? Und? Nachjeguckt?“

  Onkel Johnny gab keine Antwort. Landos Augen verschwanden unter den Speckwülsten, und ein heftiger Lachanfall ließ die Eunuchenbrüste beben.

  Sie ließen ihn stehen. Kowalski hat überhaupt nicht kapiert, was das mit dem Messer sollte, der arme Kerl war, wie ihr euch denken könnt, ganz darauf fixiert, so schnell wie möglich seine kleine Schwester zu finden, aber Onkel Johnny machte ihm klar, dass er nicht einfach zu einem Constabler aus Revier gehen und ihn am Kragen herausziehen konnte.

  „Und jetzt?“

  „Pass auf, Kowalski, mir tut's wirklich leid, das mit deiner Schwester, aber mit dem Kopf durch die Wand, das wird nichts! Wenn wir nicht aufpassen, ist sie tot, bevor wir auch nur in die Nähe kommen. Ist dir das jetzt endlich klar?“

  Der Pole nickte zornig.

  Onkel Johnny klärte ihn rasch über das Wichtigste auf. „Wir müssen hinter diesem Constabler her“, sagte er dann, „aber weder du noch ich können ihn beschatten. Klar? Ich hab'n paar Freunde, die werden uns helfen, muss sie nur erst auftreiben.“ Das sei aber nicht so einfach. Das sah der Husar schließlich auch ein.

  „Wieso rufst du polnische Hauptstadt?“ wollte er noch wissen.

  „Was?“

  „In dem schlechten Haus. Warschau.“

  „Ach so“, sagte Onkel Johnny. „Wahrschau, das heißt Obacht! - so ruft man an der Küste, wenn's gefährlich wird, das heißt ‚Ausguck’, du olen Butenlanner.“

  Der Pole verzichtete darauf, zu erkunden, was 'Butenlanner' bedeutete. „Morgen suchen wir weiter!“

  Onkel Johnny verabredete sich mit ihm für neun Uhr abends im „Reuigen Schächer“, einer verschwiegenen Ganovenkneipe am Pilatuspool im Gängeviertel der Neustadt. Er meinte, er habe nun genug Trubel gemacht und wolle jetzt mal eine Weile stekum bleiben.

  „Morgen finden wir sie!“ sagte Kowalski im Ton einer Drohung.

  „Morgen finden wir sie“, sagte mein Onkel im Ton einer Beschwörung.

  Ihr ahnt wohl schon, Lando sagte tatsächlich die Wahrheit. Nicht die Louis, sondern die Hafenratten hatten die kleine Agnes entführt, für Constabler Möller. Und der wollte mit dem armen Ding jetzt einen Skandal inszenieren, um Bulldog loszuwerden, der ihm auf der Spur war.

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