Wie die ARD 1998 mit Helmut Kohl abrechnete

Freitag, 1. November 2013

In „TELE-RETRO“ zeigen „Teletäglich“-Kolumnen welche Themen das Fernsehen vor 15 Jahren wichtig nahm und was es daraus machte. Heute: Die Ausgabe vom 1.November 98.

Im „ARD-Presseclub" am Sonntag sagte Publizist Gross: „Nun ist

die Bevölkerung in dem Zustand eines Mannes oder einer Frau, der oder die sich gerade ein Auto gekauft hat. Es stockt etwas, aber man hört, wenn man nach Hause fährt nach dem Einkauf, ungern Kritik an diesem Auto. Denn man hat eine Entscheidung getroffen, man möchte sozusagen auch psychologisch dazu stehen."

Gogol: „Wie oft wird das Verständliche durch den Vergleich noch klarer!"

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In „Tagesthemen" am Montag sagte ARD-Kommentator Berg: „Was uns die neuen Bonner Helden seit ihrem Wahlsieg erzählen, klingt so: ‚Die neue Regierung ist notwendig geworden, weil die alte Regierung sich als unfähig erwies, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.' Erschrecken Sie nicht: Das ist gar kein Schröder, kein Fischer, kein Lafontaine, das ist Originalton Helmut Kohl, und zwar in seiner ersten Regierungserklärung im Oktober 82. Alles vor 16 Jahren schon mal probiert, seit 16 Jahren nix passiert, geistig-moralische Wende, Arbeitslose, Zukunftsperspektive für Jugendliche - alles erklärte Kohl-Ziele von 1982. Da kann sich der Kanzler heute keinen Pokal aufs Oggersheimer Sideboard stellen ... Ist es nicht völlig daneben, an diesem letzten Kanzlertag Helmut Kohl mit würdigen Worten zu verabschieden?"

Churchill: „Ein Fanatiker ist ein Mensch, der seine Ansicht nicht ändern kann und das Thema nicht wechseln will."

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In „Frontal" am Dienstag sagten

ZDF-Moderator Hauser: „Es ist so weit. Die Republik hat einen neuen Bundeskanzler: Oskar Schröder. Zwei zum Preis von einem – das gab's noch nie."

Co-Moderator Kienzle: „Muss am Vorgänger liegen. Kohl hat so viel Reformschutt hinterlassen - da muss beim Aufräumen jeder mit ran."

Hauser: „Bisher sehe ich nur: ran an die Posten, koste es, was es wolle!"

Kienzle: „Es war schon immer teurer, einen besonderen Geschmack zu haben. Außerdem gibt's viel anzupacken."

Hauser: „Wenn Sie das bisschen schon als besonderen Geschmack

ansehen, dann wird nach am Anpacken schnell das Einpacken kommen."

Kienzle: „Ich weiß, Wahlniederlagen sind bitter. Aber deshalb gleich mit den Wirtschaftsverbänden um die Wette jammern? Das ist ja schlimmer als Henkel trocken!"

Na denn prost.

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In „Tagesthemen" am Mittwoch sagte ARD-Kommentatorin Reim zur Schweriner SPD-PDS-Koalition: „Der Winter kommt auf roten Socken. Der Satz ‚Spiel nicht mit den Schmuddelkindern' gilt ab heute nicht mehr ... Den Untergang des Abendlandes wird auch dieses Bündnis nicht verursachen ... PDS-Kommunisten frühstücken kleine Kinder, wollen politisch zurück zu Marx und Murks und waren alle bei der Stasi - dieses böse Bild vom roten Mann zieht heute selbst in den südlichsten CSU-Domänen nicht mehr..."

Chesterfield: „Die Spötterei ist eine höchst schädliche und gefährliche Waffe, wenn sie in ungeschickte und täppische Hände gerät."

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In „Panorama" am Donnerstag sagte ARD-Moderatorin Schlesinger: „Wer wird nun unser neues Staatsoberhaupt? Johannes Rau ist das Amt schon lange versprochen. Als Bundespräsident soll er dann sensibler Kritiker, Inspirator, Visionär und Vermittler sein - aber ist er das Signal zum Aufbruch?"

Stanislaw Jerzy Lec: „Dinge, die schon an sich lächerlich sind, können nicht Gegenstand der Satire sein."


Anmerkungen

Der Publizist Johannes Gross (1932-1999) leitete im ZDF 1977-1984 die Bonner Runde und 1996 die Talkshow „Tacheles“. Mit seiner Bemerkung spielte er auf die Unzufriedenheit vieler Wähler nach dem Machtwechsel von Kohl zu Schröder an.

Der SPD-Journalist Ulrich Kienzle wurde 1980 Fernseh-Chefredakteur bei Radio Bremen („Radio Hanoi“), 1990 Leiter der Hauptredaktion Außenpolitik beim ZDF („auslandsjournal“) und 1993 Co-Moderator des ZDF-Politmagazins „Frontal“. Seit 2003 trat er in der ZDF-Sendung „Wiso“ in der Rubrik „Fahren mit Kienzle“ auf.

Bodo M. Hauser (1946-2004) moderierte seit 1993 mit Ulrich Kienzle das ZDF-Magazin „Frontal“. 2000 wurde er für das ZDF Programmgeschäftsführer des Nachrichten- und Dokumentationssenders PHOENIX, für den er auch die Talkshow „Unter den Linden“ moderierte. Außerdem leitete er das ZDF-„Nachtduell“.

Hans-Olaf Henkel war 1995-2000 im Ehrenamt Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und wurde durch seine Direktheit und kontroversen Standpunkte bekannt. Die SPD feindete ihn als politischen Gegner stark an.

Dagmar Reim leitete 1992 die NDR-Pressestelle, war 1993/1994) ARD-Sprecherin und wurde 1995 Chefredakteurin des NDR-Hörfunks und Programmbereichsleiterin von NDR 4. 1998-2003 war sie Direktorin des NDR-Landesfunkhauses Hamburg. Seit 2003 ist sie  Intendantin des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).

Patricia Schlesinger wurde 1990 Reporterin beim ARD-Magazin „Panorama“. 1995-1997 leitete sie das ARD-Auslandsstudios in Singapur. 1997 kehrte sie nach Hamburg zurück und moderierte bis 2001 „Panorama“. Danach wechselte sie ins ARD-Studio Washington. 2004 kehrte sie erneut zurück. Seit 2007 leitet sie den NDR-Programmbereich Kultur und Dokumentation.

Der SPD-Politiker Johannes Rau ließ sich 1994 als Kandidat für das Amt des Bundespräsidentenamt nominieren, unterlag aber dem Unionskandidaten Roman Herzog. Erst nach Gerhard Schröders Wahlsieg war ihm eine rot-grüne Mehrheit in der Bundesversammlung sicher.

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