Die neuen Tarnkappen der Kommunisten

Donnerstag, 31. Oktober 2013

In MOMENT MAL zeigen Kolumnen aus dem Jahr 1998, welchen Themen die Öffentlichkeit bewegten, als Rot-Grün zum ersten Mal die Ablösung einer schwarz-gelben Koalition anstrebte. Schon damals ging es um eine mögliche Regierungsbeteiligung der Ex-Kommunisten.

In seiner Rede als Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels sagte Martin Walser: "Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt ... Ich möchte verstehen, warum in diesem Jahrzehnt die Vergangenheit präsentiert wird wie nie zuvor."

Ein Grund liegt im Untergang des real existierenden Sozialismus. 1989/90 waren die Heilsversprechungen der Kommunisten so rettungslos als falsch entlarvt, dass es für viele nur noch ein Vorwärts in die Vergangenheit gab. Deshalb stürzte sich ein großer Teil der deutschen Linken mit Feuereifer in einen neuen antifaschistischen Kampf.

In Wirklichkeit handelte es sich dabei natürlich um den Versuch, die Vergangenheit eben gerade nicht zu bewältigen, sondern sie im Gegenteil unbewältigt und damit brauch-, nutz- und verfügbar für politische Manöver zu erhalten.

Ein Motiv liegt in dem innigen Bestreben, die Verbrechen der Väter, Großväter und Urgroßväter auch im nächsten Jahrtausend zu vergelten. Vor allem wird dringend ein Ersatz gesucht für die von der Geschichte aufgehobene Strafe der deutschen Teilung, die Grass & Co. gern ad infinitum perpetuiert hätten.

Im Schattendunkel des Rachegedankens verbirgt sich zudem der heimliche Wunsch, die Verbrechen des Sozialismus/Kommunismus auch künftig hinter denen des Nationalsozialismus/Faschismus perspektivisch zu verkleinern. Aus diesem Grund wird jeder Vergleich der beiden mörderischen Systeme am heftigsten von solchen Historikern bekämpft, die Stalinisten waren oder noch immer sind.

Noch ein Stück tiefer stößt die Suche nach Ursachen häufig auf die besondere psychische Ausstattung einer verwöhnten und verzogenen Generation, der es in den sechziger Jahren so gut ging, dass vielen die natürliche Ablösung vom Elternhaus nur mit Hilfe weiterer, gewichtiger Gründe gelang. Am leichtesten fiel die Kündigung, wenn der Vater nur unbefriedigend auf die Lieblingsfrage nachgeborener Bessermenschen antworten konnte, warum er nicht gefälligst sein Leben für den Kampf gegen das Regime eingesetzt habe, und zwar ohne Rücksicht auf Familie und Kinder.

Da es indes unangenehm war, allein den eigenen Erzeuger am Pranger stehen zu sehen, empfahl es sich, gleich die gesamte Generation zu verurteilen. Aus der persönlichen Schuld einzelner Deutscher (z.B. der KZ- und Gestapo-Schergen) wurde die Kollektivschuld all jener, die damals angeblich nicht oder nicht ausreichend Widerstand leisteten - bis letztlich alle "Hitlers willige Vollstrecker" geworden waren.

Diese Ausweitung erwirkte der Linken den Nebeneffekt, dass sie einen umso größeren Teil des christlich-liberal-konservativen Bürgertums mit brauner Farbe besudeln konnte. Munition gegen Unionspolitiker wie Lübke, Kiesinger oder Filbinger lieferte und fälschte die Stasi gern.

Manchen anderen (meist erst spät berufenen) Antifaschisten lockt die Möglichkeit, den Wunsch, ein auffallend guter Mensch zu sein, unter bescheidenen ethischen und intellektuellen Mühen verwirklichen zu können. Das Lea-Rosh-Syndrom heißt so nach einer Journalistin, die dem bis zur Änderung des eigenen Namens reichenden Engagement für eine gute Sache ihre ganze Karriere verdankt.

Nach der Wende kam hinzu, dass die entlarvten Kommunisten eiligst neue Tarnkappen suchten. Als die Weltfriedensfreunde und Werktätigenbeglücker von Wandlitz plötzlich ohne Kleider dastanden, strickten die Stasis und Gysis mit fliegenden Fingern an der verhüllenden Antifa-Masche.

Der Versuch, die Wiedervereinigung mit Hilfe jüdischer Verbände zu vereiteln, scheiterte an deren Integrität, doch traf es sich, dass plötzlich Nazi-Schmierereien am Berliner sowjetischen Ehrenmal prangten. Mit schleimigem Eifer demonstrierten die Erben der rotlackierten Faschisten gegen die braun gebliebenen, um werbewirksam das neue demokratische Design zu präsentieren.

Die politische Instrumentalisierung von Auschwitz ist zwar weniger verwerflich als seine Leugnung, aber die menschenverachtende Trittbrettfahrerei früherer Mauerschützen und ihrer geistigen Nachfahren macht deutsche Schuld noch schwerer zu tragen.

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