Die Ökologie überwältigt die Ökonomie

Freitag, 1. November 2013

In MOMENT MAL zeigen Kolumnen aus dem Jahr 1998, welchen Themen die Öffentlichkeit bewegten, als Rot-Grün die schwarz-gelbe Koalition ablöste. Bei der Energiewende zahlte der kleine Mann die Zeche. Heute sieht es nicht viel besser aus.

Nicht alles anders machen, aber besser, hieß es vor der Wahl. Erst mal geht jetzt alles schneller und konsequenter. Allerdings in die Gegenrichtung. Die Hunde bellen, die Karawane kehrt um. Das neue Ziel: Sozialismus light, östlich der Elbe mit kalorienarmem Kommunismus gemixt.

Die geistig-moralische Wende, 1983 versprochen, wurde nie geschafft. Materialismus und Hedonismus waren stärker. Dafür wird die jetzt gestartete Rolle rückwärts auch zum ethischen Salto. Für alte Werte gilt ein neuer Kurs, die aktuelle Währung drucken Lafontaine, Schily, Trittin. Neue Männer hat das Land. Neue Tugenden auch.

Die alten hießen Glaube, Liebe, Hoffnung, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit, Besonnenheit, Demut. Den Glauben ersetzt fortan die Gewissheit der Ideologie. Die Hoffnung gerinnt zum Programm für die Errichtung des Paradieses auf Erden. Aus Liebe wird Solidarität, und Parteitage spenden den Segen. Das hohe C hat ausgedient. Soweit der theologische Teil der Tugendlehre. Zum philosophischen:

Statt Gerechtigkeit gibt es nun Gleichmacherei, also die Abstrafung des Erfolgs durch den Neid, per Steuerreform. Wie stets belohnt die Sozialdemokratie ihre Anhänger mit dem Geld ihrer Gegner. Die Lenkungswirkung ist erwünscht: Der Weg führt in eine Gesellschaft, deren Mitglieder ihr Glück in der Selbstverwirklichung und ihre Sicherheit im Staat finden. Ehegattensplitting abschaffen, Homosexuelle heiraten lassen. Mehr Kindergeld, aber auch Abtreibungspille. Studenten und Rentnern bleibt allerdings noch einiges zu erklären. Und die neue Mitte merkt zu spät, dass sie ebenfalls auf der Zielscheibe der Umverteiler im Zentrum sitzt.

Statt Tapferkeit gedeiht der gefahr- und mühelose Eifer der Political correctness. Natürlich keine Ostermärsche mehr, sondern nur noch schnellsiedender McPazifismus, aber immerhin. Doppelte Staatsbürgerschaft für ausländische Mitbürger. Im Sozialamt deutsch, im Kreiswehrersatzamt leider nicht. Die Niederlage vom September blies Nebel in wackelnde Köpfe. Einige Verlierer wollen die Sieger links passieren. Dort befindet sich zwar nach deutschem Verkehrsrecht die Überholspur, doch wo sich alles drängelt, kommt erst Kolonnenfahrt und dann Stillstand.

Statt Klugheit wird Schläue modern. Mecklenburgische PDS-Wendekommunisten verlangen als Morgengabe 5000 Dauerstellen im Sozialsektor - Staatsknete für verdiente Genossen. Gewerkschafter, kaum von jahrelanger Kritik an Waigelschen Kreditaufnahmen erholt, fordern höhere Neuverschuldung. Ein Kulturkommissar, Modell 68, soll Fördermittel auf die Konten Geistesverwandter lenken. Die einst den Staat bekämpften, beuten ihn nun aus.

Besonnenheit wird von Beschränktheit abgelöst. Angsttrunkene Atomgegner schlagen die Energiesorgen der Industrie in den Wind. Die Ökologie überwältigt die Ökonomie. Die Zeche zahlt der kleine Mann: Benzin, Gas, Strom. Der Trotz gegen den Transrapid

ähnelt dem Widerwillen, der vor hundert Jahren lieber Postkutschen polierte, statt Autos zu bauen. Trau keinem über Tempo 30. Im Idealfall transportiert der mülltrennende Homo teutonicus novus seine Recycling-Fracht aus Glas und Altpapier per Fahrrad durch den Archipel der Wertstoffinseln. In langen Oppositionsjahren angestauter Reformübereifer füllt jeden Tag mit einer neue Idee. Der Unterhaltungswert ist hoch, der Nährwert nahe Null.

Demut wird durch öffentlichkeitswirksame Bescheidenheit ersetzt: kleineres Kabinett, weniger Nebenjobs, Flugbereitschaft nur noch, wenn wirklich nötig. Hinter wohlfeilen Opfern aber hält das Ego sich nur schwer im Zaum: Die neuen Champions konkurrieren um ihre Kompetenzen mit der Contenance von Kesselflickern. Der ehrliche Scharping ist immer der Dumme. Stollmann stieg quer ein und flog hochkant raus. Mobbing auf hohem Niveau.

Parallelen zur ersten SPD-Kanzlerschaft? Schröder ist Brandt als Enkel ungefähr so nah wie Clinton Kennedy. Immerhin raucht der Niedersache seine Zigarren selbst. Obwohl die letzte der neun klassischen Tugenden, die Keuschheit, schon lange keine mehr ist und wohl auch nicht so bald wieder eine wird.

 

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