Nach den Genickschüssen gingen die Mörder tanzen

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Vor 25 Jahren, im Oktober 1988, berichteten sowjetische Zeitungen erstmals ausführlich über Erschießungen unter Stalins Herrschaft. Besonders schreckliche Beweise fanden sich im Wald beim weißrussischen Kuropaty.

Anfang 1937 entdeckt der Forstaufseher Karol Konomowitsch im Wald bei Minsk einige Unordnung: Irgendjemand hat Löcher gegraben, sie dann wieder zugeschüttet und Fichten darauf gepflanzt. Aber die Nadelbäume sind verdorrt. An einem Baum hängt ein Proviantbeutel; er enthält Brot und Wurst.

Der Forstaufseher eilt zum örtlichen Sowjet, um „dort anzurufen, wo man in solchen Fällen anzurufen hat". Aus dem Hörer antwortet eine metallische Stimme: „Schau nicht so genau hin, wenn du am Leben bleiben willst." Komonowitsch versteht.

Kurze  Zeit später bemerkt Karol Komonowitsch an der fraglichen Stelle in dem Wald bei Minsk einen mehr als drei Meter hohen, mit Stacheldraht gekrönten Bretterzaun. Dahinter kann man Tag und Nacht und zu jeder Jahreszeit Schüsse und Schreie, Bitten und Flüche, Hundegeheul und Motorengeräusche hören.

So schildert jetzt die Zeitschrift „Moscow News" die Einrichtung eines von zahlreichen Todeslagern, in denen der sowjetische Diktator Josef Stalin, von 1922 bis 1953 Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Regime-Gegner erschießen ließ.

„Moscow News" erscheint seit Juni 1986 als englischsprachige Ausgabe der russischen „Nowosti Moskowski". Eine deutsche Ausgabe der Zeitschrift wird in Köln gedruckt; die nächste Nummer soll am 22. Oktober erscheinen.

Es ist das erste Mal, dass ein sowjetisches Medium in einer für die internationale Öffentlichkeit bestimmten Ausgabe ausführlich Greuel in Stalins Vernichtungslagern schildert.

Autor des Berichts ist der sowjetische Archäologe Senon Posnjak. „Das Vernichtungslager war ungefähr zehn bis 15 Hektar groß und lag nicht weit von der Stadt Minsk in Weißrussland", schreibt er. „Der Name des Ortes war Brod oder Kuropaty. Es war ein Ort, in dem Menschen in Massen getötet wurden … Wenn wir die Zahl der durchschnittlich in jedem Grab gefundenen Leichen - zweihundert - mit der Zahl der bisher entdeckten Gräber - 511 - multiplizieren, kommen wir dort auf über 102.000 Tote. Aber die wirkliche Zahl der Opfer muss noch größer gewesen sein."

Solche Vernichtungslager, berichtet Posnjak, befanden sich auch in der Nähe anderer größerer Städte Weißrusslands. Allein in Minsk und Umgebung wurden bisher fünf große Anlagen für Massenhinrichtungen aufgespürt. Im Umkreis von eineinhalb bis zweieinhalb Kilometern um Kuropaty liegen die Dörfer Isna Jodkova, Drosdowo, Seljony Lug und Seljonovka, außerdem noch einige Einzelgehöfte.

„Mitte der 70er Jahre", schildert Posnjak, „hörten mein Kollege Jewgenij Schmygaljow und ich von Menschen, die dort schon sehr lange lebten, Details über die Massenmorde.

Das Vernichtungslager ist von 1937 bis Juni 1941 in Betrieb. Das Knattern der Schüsse wird für die Bauern der Umgebung Teil des täglichen Lebens. Manchmal, wenn sie Weizen ernteten oder Kartoffeln pflanzten, versuchen sie die Zahl der Opfer zu zählen: eines pro Schuss.

„Unsere Hände sanken herab und wir konnten nicht mehr arbeiten", erzählt Roman Batsjan, 75, aus Tsna-Jodkova den beiden Archäologen. „Unser gesamtes Dorf lebte in Angst und Schrecken. Fünf Jahre lang konnten wir wegen der Schüsse nachts nicht schlafen."

1987 und 1988 führen Posnjak und Schmygaljow in Kuropaty eine erst durch „Glasnost" und „Perestroika" möglich gewordene methodische Untersuchung in Kuropaty durch. Sie befragen dabei 170 Zeugen und öffnen einige der Gräber. Die Ergebnisse ihrer Arbeit veröffentlichen sie am 3. Juni 1988 in einem Artikel der Moskauer Zeitschrift „Literatura i Mastatstva". Darin teilten sie mit:

Die Todgeweihten wurden nach dem Abendessen erschossen, am Abend und die ganze Nacht hindurch.

Die Unglücklichen wurden in Lastwagen herbeitransportiert, gruppenweise mit Nagant-Revolvern erschossen und in tiefe Löcher geworfen.

Die Angehörigen der Hinrichtungs-Kommandos trugen Uniformen der sowjetischen Geheimpolizei NKWD („Narodny Kommissariat Wnutrennich Del" – „Volkskommissariat des Inneren der UdSSR“).

Wenn eine Gruppe von Menschen erschossen ist, werden die Leichen mit einer dünnen Sandschicht bedeckt und dann die nächsten Opfer herbeigeführt - so lange, bis die Grube gefüllt ist.

„Bei unseren Nachforschungen fanden wir auch heraus, dass in den 40er Jahren, nach dem Krieg, alle Gräber von Kuropaty exhumiert werden sollten", berichtet Posnjak. Zeugen hatten ihm erzählt, sie hätten damals dort„“Soldaten herumlungern" sehen. Posnjak: „Unsere Grabungen zeigen, dass diese Exhumierungen sehr nachlässig ausgeführt worden sind. Wir fanden die Überreste der Exekutierten auf dem Boden der Gruben, die ziemlich tief waren - etwa drei Meter."

Die Archäologen entdecken Dutzende von durchgeschossenen Schädeln, in der UdSSR hergestellte Leder- und Gummischuhe mit Herstellungsdaten aus den Jahren 1938 und 1939, Patronenhülsen aus einem sowjetischen Revolver, Knöpfe, Geldbörsen mit sowjetischen Münzen aus den 30er Jahren, Brillen, Porzellan- und Emaillebecher, eine Zahnbürste, die in Witebsk hergestellt worden war.

„Der Veröffentlichung unseres Artikels in der ,Literatura i Mastatstva' ging erheblicher Widerstand jener Kräfte voraus, die wir ,Bremser' nennen", schreibt Posnjak. „Die Zeitschrift hielt dem Druck jedoch stand, und der Artikel erschien in nur leicht verkürzter Form."

Zwei Wochen nach der Veröffentlichung wird eine Regierungskommission gebildet mit dem Auftrag, „die in dem Artikel beschriebenen Tatsachen zu erhärten". Das Historische Institut der Weißrussischen Akademie der Wissenschaften in Minsk erhält ein Schreiben der Staatsanwaltschaft, in dem es heißt: „Das Büro der Staatsanwaltschaft der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik ermittelt in einem Kriminalfall betreffend die Entdeckung von Gräbern in Wäldern auf dem Territorium Borovlansky im Distrikt Minsk. Es ist notwendig, die Überreste zu exhumieren, um die Umstände der Beisetzungen zu klären. Gemäß Artikel 44 der Strafprozessordnung der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik ersuchen wir um Amtshilfe. Bitte stellen sie einen Experten für Archäologie für die Teilnahme an selektiven Exhumierungen ab."

Diese Exhumierungen werden vom 6. bis 15. Juli von einer Untersuchungskommission der Staatsanwaltschaft, Archäologen der Akademie der Wissenschaften, darunter auch Posnjak, in Gegenwart von Zeugen durchgeführt. Die einzelnen Maßnahmen werden in einem Protokoll festgehalten und mit Fotos und Videoaufzeichnungen dokumentiert. Mitglieder der Regierungskommission sowie mehrere TV-Teams und Zeitungsreporter sind anwesend. Nach der Feldarbeit werden die Daten analysiert und zusammengefasst, Zeichnungen und Pläne angefertigt und ein Untersuchungsbericht fertiggestellt. Die wichtigsten Ergebnisse:

Bei insgesamt sieben Grabungen wurde eine Fläche von 44 Quadratmetern bis zu einer Tiefe von 2,75 Metern untersucht. In diesem Areal wurden 312 menschliche Schädel gefunden.

Nahezu alle Schädel wiesen ein Einschussloch am Hinterkopf auf. Oft fanden sich aber auch zwei oder drei Löcher, manchmal an der Seite oder Unterseite des Schädels. Die Wissenschaftler schlossen daraus, dass sich einige Opfer gewehrt haben könnten.

Einer der Zeugen, Nikolai Karpovich, 79, zur Tatzeit 28 Jahre alt, berichtete, er habe damals beobachtet, dass Opfer gelegentlich auch mit Gewehren erschossen wurden. Sie wurden dazu geknebelt und mit verbundenen Augen nebeneinander in einer Reihe vor der Grube aufgestellt. Dann trat ein Mitglied des Hinrichtungs-Kommandos von der Seite hinzu und schoss dem vordersten Opfer in den Kopf. Der Schuss tötete auch noch den Nebenmann. „Auf diese Weise", erklärte Karpovich, „sparten sie Munition."

„Es galt wohl auch als eine Art Bravourstück“, urteilt Posnjak, „als sportliche Leistung oder Demonstration besonderer Professionalität."

Die Ausgräber finden rund 200 Hülsen von Patronen für Nagant- Revolver. Auch Dutzende von Kugeln werden entdeckt, einige davon in den Schädeln.

Die Mehrzahl der Schädel weist große Ausschusslöcher an Stirn oder Scheitel auf - auch dies ein Hinweis darauf, dass die Pistolen an den Hinterköpfen angesetzt worden waren.

Einige Einwohner aus benachbarten Dörfern erinnern sich, dass damals an Samstagen etwa gegen 23 Uhr oft Männer in NKWD-Uniformen zu ihnen kamen, offenbar nach Beendigung ihrer Schicht, um an dörflichen Tanzveranstaltungen teilzunehmen.

Es gelang auch, die Geographie und Chronologie der Massengräber zu erkunden: Die Erschießungen beginnen im östlichen Teil von Kuropaty in den Jahren 1937 und 1938. Damals werden dort meist Bauern aus der näheren Umgebung umgebracht. In einem jüngeren Massengrab lassen Brillen, ein Monokel, Kneifer, Medikamente, modische Damenschuhe und andere Gegenstände darauf schließen, dass dort vor allem Intellektuelle aus dem Westen Weißrusslands vergraben wurden.

Dass die Zahl der Opfer von Kuropaty weit über 100.000 liegen dürfte, schließt Posnjak daraus, dass von März bis Mai dieses Jahres Bulldozer mindestens 100 Gräber einebnen, als dort eine Gasleitung verlegt wird. Schon in den 50er und 60er Jahren werden dort Gräber bei Straßenbauarbeiten vernichtet. „Ich möchte zwei Gedanken ausdrücken", beendet Posnjak seinen Artikel in der Moskauer Zeitschrift, „erstens, dass jetzt niemand mehr die Wahrheit über Kuropaty unterdrücken kann, und zweitens, dass jeder Mensch von Ehre den Stalinismus bekämpfen muss - dieses böse, verlogene, grausame, anti-humane Phänomen."

 

50 Millionen Stalin-Opfer

Erstmals vor einem knappen Jahr äußerte sich der Generalsekretär der sowjetischen Kommunisten, Michail Gorbatschow, öffentlich zu den Massenmorden des KP-Führers Josef Stalin. Gorbatschow sagte im November 1987, der Stalin-Terror habe „viele tausend" Menschenleben gefordert.

Angaben über die Gesamtzahl der Stalin-Morde werden in der Sowjetunion erstmals im April 1988 veröffentlicht. In der Zeitschrift „Nedelya", einer wöchentlichen Beilage der Regierungszeitung „Iswestija", schreibt Professor Igor Bestuschow-Lada, die Kampagne gegen die Kulaken während der Kollektivierung der sowjetischen  Landwirtschaft zu Beginn der 30er Jahre habe „ein Achtel bis ein Sechstel der einst 150 Millionen Landbesitzer zu„halbtoten oder toten Menschen" gemacht. Das sind rund 25 Millionen.

Über die Opfer der stalinistischen „Säuberungen" schreibt Professor Bestuschow-Lada: „Die absolute Zahl der unterdrückten und toten Menschen in den Jahren von 1935 bis 1953 ist kaum geringer als die Zahl derer, die von 1929 bis 1933 'dekulakisiert‘ wurden oder verhungerten“ - also noch einmal 25 Millionen.

Daraus ergibt sich eine Zahl, die sich mit den Schätzungen des Westens deckt: 50 Millionen Todesopfer des Stalin-Terrors der Sowjetunion.

 

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