Das Paradies – lag es wirklich im Iran?

Samstag, 2. November 2013

Adam und Eva, die Entstehung der Menschheit: War alles ganz anders? Vor 15 Jahren führten überraschende Erkenntnisse des britischen Archäologen David Rohl auf neue Spuren.

Mächtige Berge umrahmen einen herrlichen See. Im blauen Wasser spiegeln sich die schneebedeckten Gipfel. Blühende Bäume wachsen dicht an dicht, zweimal im Jahr tragen sie reiche Frucht: Orangen, Granatäpfel. Milde Lüfte säuseln durch einen ewigen Sommer: Die 1300 Meter hohe Ebene am Ostufer des Urmiasees zählt bis heute zu den fruchtbarsten Landschaften Asiens. Vor 6000 Jahren aber war sie weit mehr: Ursprungsort erster Zivilisation. Ausgangspunkt der Hochkulturen an Euphrat und Tigris. Vielleicht lag dort im Iran sogar das Paradies, jener mythische Ort, dessen verlockende Bilder seit allen Zeiten die Phantasie der Menschen, die Verheißungen der verschiedensten Religionen erfüllen!

Wiege der Kultur. Spuren des geheimnisvollen Gartens Eden findet der britische Archäologe und Abenteurer David Rohl an dem Gewässer seit Jahren. In "Die Entstehung der Zivilisation“ (1998) versucht er die Existenz des Paradieses aus der Bibel historisch zu belegen.

Uralter Menschheitstraum. Schon vor 5000 Jahren träumen die Sumerer, die aufwendige Bewässerungsanlagen bauen müssen und ständig von Flutkatastrophen bedroht sind, in der Hitze ihrer sonnendurchglühten Heimat von einem Land mit mildem Klima, in dem die Menschen ohne Mühe ernten können. Ihr Traum wird zum Urbild paradiesischer Vorstellungen vom Garten Eden bis zum Schlaraffenland. Später vermuten die Griechen ihre Götter nektartrinkend auf dem Olymp, suchen die herrlichen Inseln der Seligen und sehnen sich in ein Goldenes Zeitalter zurück, ohne Krankheit und ohne Krieg: Der Mensch im Einklang mit der Natur.

Adams Sprache. Mittelalterliche Kirchenväter nehmen die sagenhaften Überlieferungen so ernst, dass sie lange Diskussionen z. B. über die Frage führen, in welcher Sprache sich Adam und Eva unterhielten. Die meisten tippen auf Hebräisch. Später meinen manche, es könne Indogermanisch gewesen sein - jenes Steinzeit-Idiom, aus dem später die Sprachen Eurasiens von Irland bis Indien entstehen. Eine davon wird bis heute am Urmiasee gesprochen.

Park der Perser. Auch das Wort "Paradies” führt dorthin: Es stammt von dem altpersischen "pairi-daeza” ("umzäunter Park”), das in Babylonien zu "Pardisu”, bei den Hebräern zu "Pardes”, bei den Griechen schließlich zu "Paradeisos” wird. So nennt auch der griechische Historiker Herodot vor 2500 Jahren die Lustgärten der persischen Könige: riesige, von Mauern umgebene Parklandschaften mit allen Arten von Pflanzen und Tieren, harmonisch vereint und gehegt von überaus kundigen Gärtnern.

Geheime Mythen. Der erste dieser Gärten blüht, so Forscher Rohl, zu Anfang aller Geschichte am Urmiasee. Als seine Erbauer weiterziehen, bringen sie ihr geheimes Wissen um die Natur mit nach Indien, Mesopotamien, Ägypten, Europa - und damit auch jene Mythen, die nur im Schatten solcher Dreitausender entstanden sein können. Beispiele: der Himmelsberg, auf dem die Götter wohnen; der Baum des Lebens, dessen Frucht unsterblich macht, und das Flammenschwert des Engels, in dem sich eine Erinnerung an die besonders intensiven Gewitter der Hochgebirgswelt spiegelt.

Erster Gott. Überraschende Parallelen: Schon mittelalterliche Mönche errechnen, dass seit der Vertreibung aus dem Paradies 6000 Jahre vergangen sein müssten. Der Konflikt zwischen dem Bauern Kain und dem Hirten Abel spiegelt sich in den beiden Wirtschaftsformen am Urmiasee wider, wo die Herden der Nomaden die Felder bis heute bedrohen. Auch der Kult des sumerischen Schöpfergotts Enki, den Forscher mit dem Gott der Bibel gleichsezen, stammt aus dem iranischen Paradiesgebiet.

Wer war Eva? Bis vor kurzem werden die Ereignisse der biblischen Geschichte durchweg als legendenhaft betrachtet. Jetzt finden auch andere Wissenschaftler immer mehr Übereinstimmungen mit historischen Abläufen. Prof. Israel Finkelstein, Chefarchäologe der Universität von Tel Aviv, entdeckte z. B., dass sich die biblischen Geschichten der Erzväter Jakob und Josef fast exakt mit archäologischen Funden belegen lassen. Das stärkt weitere Thesen Rohls: Die Erinnerung an Eva (hebräisch "Leben”) habe zum Kult der sumerischen Göttin Ninhursag geführt, die als "Mutter alles Lebenden” verehrt wurde.

Die Frau aus der Rippe. Vom Schöpfergott Enki wiederum geht in Sumer die Sage, er habe im Paradies einst von verbotenen Früchten genascht und sei deshalb sehr krank geworden. Besonders in der Brust leidet er höllische Schmerzen, bis ihn die Göttin Ninti heilt - ihr Name bedeutet "Herrin der Rippe”. Durch mündliche Überlieferung von Jahrtausenden leicht verändert, kommt die Sage in der Bibel als Geschichte von Adams Rippe und dem verhängnisvollen Apfel an.

Jesus und Zarathustra. Sogar im Leben Jesu glaubt Rohl Hinweise auf den Urmiasee zu entdecken: Über die Jahre zwischen der Jugend des Erlösers und dem ersten Auftreten als Messias fehlt in der Bibel jeder Hinweis. Forscher glauben, Jesus habe diese Zeit bei indischen Brahmanen verbracht. Vielleicht, so Archäologe Rohl, sind seine Gastgeber aber auch Priester des persischen Religionsstifters Zarathustra (ca. 628 - 551 v. Chr.) - die Ruine eines seiner Feuertempel liegt direkt am Ufer des Paradies-Sees.

Das Paradies ist umgezogen. Bislang vermuteten Wissenschaftler das Paradies nicht im Iran, sondern 850 Kilometer weiter südlich im Irak. Grund für die ursprüngliche, auf Ausgrabungen gestützte Annahme: Die Ebene zwischen den mächtigen Strömen Euphrat und Tigris, heute größtenteils Wüste, ist vor 3000 Jahren überaus fruchtbar, und die damaligen Bewohner nennen die Region am Persischen Golf "Eden”. Heute gibt es eine neue Erkenntnis: Der Name Eden ist schon tausend Jahre früher für die fruchtbare Hochebene am Urmiasee im Iran, unweit der türkischen Grenze, gebräuchlich. Bis heute erinnern dort an vielen Hauswänden Paradiesdarstellungen an jene Zeit großer Ernten bei relativ leichter Arbeit. Nicht weit entfernt ragt der Berg Ararat auf, an dem die Arche Noah strandet. Direkt am Urmiasee liegt das Dorf Nodgi, angeblich das älteste der Welt überhaupt: Der Name leite sich vom biblischen "Nod” ab. So heißt das Land, in das Kain nach dem Mord an seinem Bruder Abel zieht. Die Erben dieser uralten Zivilisation - so der heutige Forschungsstand - wandern später nach Süden ab, ins Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Dort gründen sie den "zweiten Garten Eden” - der dann, in unserem Jahrtausend, als erster der beiden entdeckt wird.

 

Das Paradies der Bibel

Der israelitische Religionsgründer Moses liefert die Grundlage zum Buch Genesis. In ihm wird das Paradies beschrieben als Ort ewigen Gottesfriedens. Nach jüdischem Glauben leben dort die Seelen verstorbener Erzväter wie Abraham und Propheten wie Elias. Nach christlichem Glauben wohnen dort die Seligen nach dem Jüngsten Gericht.

Das Paradies der Moslems

Im Islam lässt Allah alle Gläubigen im Paradies wohnen. Als erster zog sein Prophet Mohammed ein: Er ritt auf seinem Lieblingspferd in den Himmel. Laut Koran verspricht Allah seinen Getreuen, oft Wüstenbewohner, "Gärten von Wasserquellen durchströmt, köstliche Wohnung”. Ersehnt werden auch Feste mit betörenden Mädchen.

Das Paradies der Sumerer

Schon vor der Bibel gibt es Paradies-Vorstellungen. Der Halbgott Gilgamesch, vor 5000 Jahren von den Sumerern im heutigen Irak verehrt, sucht den Garten Eden auf der Insel Dilmun, heute Bahrain im Persischen Golf. Vorstellung: Ein großer Garten um einen Stufentempel herum, darin Frieden und göttliches Glück.

Paradies der Buddhisten

Der Mahayana-Buddhismus, der sich 400 Jahre nach dem Tod des historischen Buddha (ca. 563 - 483 v. Chr.) entwickelt, kennt ebenfalls ein Paradies: das Glücksland Sukhavati. Hier lebt auch der Religionsstifter. Die Verlockungen sind eher geistiger Natur: Die durchscheinenden "Körper der Freude” genießen die im irdischen Leben erworbenen frommen Verdienste.

 

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