Die Kollateralschäden der Political correctness

Samstag, 2. November 2013

In MOMENT MAL zeigen Kolumnen aus dem Jahr 1998, welchen Themen damals die Öffentlichkeit bewegten. Ähnlichkeiten mit heute sind weder zufällig noch überraschend.

Zu den bedenklichsten Auswirkungen der Political correctness zählen die fortschreitende Verödung der öffentlichen Diskussion durch dogmatische Denkverbote, die inzwischen schon fast lückenlose Einmauerung der Meinungsfreiheit durch immer mehr Tabus sowie eine zunehmende Konditionierung vieler Politiker à la Pawlow, die sie auf bestimmte Stichwörter reflexartig "Betroffenheit" oder "Angst" bekunden lässt.

Jetzt tritt immer deutlicher ein weiterer Nachteil zutage: Im verführerischen Glanz einer publikumswirksamen Moral, der sich ohne größere geistige oder sittliche Anstrengung Folge leisten lässt, beginnt das Gold beschwerlicherer Tugenden zu verblassen. Während verbale Engagements für Windkraft, Tempo 30 oder den Schutz wandernder Kröten auf der Werte-Skala ständig steigen, scheinen Treue, Ehrlichkeit oder der Einsatz zum Schutz ungeborenen Lebens immer weniger gefragt.

Ein so guter Mensch wie der SPD-Bundesgeschäftsführer, stets an vorderster Front im Wortkrieg gegen deutsches Hungerelend und internationale Ozonlöcher, durfte der Presse schon mal die Hucke volllügen, damals mit seinen Dementis der bereits feststehenden Schröder-Kandidatur - Hauptsache, es bleibt beim Ausstieg aus der Atomkraft.

Eine so donnernd hilfsbereite Frau wie Brandenburgs Sozialministerin, die bis zum Zungeninfarkt für die Rechte ihrer Landsleute streitet, darf sogar Steuergelder zweckentfremden, ohne für unkorrekt zu gelten - die Staatsknete kam ja politisch korrekten Gesinnungsgenossen zugute.

Ein so heftiger Friedensfreund wie Daniel Cohn-Bendit muss nicht fürchten, dass ihm die finanzielle Unterstützung eines per Haftbefehl gesuchten Terroristen die politische Karriere knickt. Ebenso wenig hat sich sein kaum weniger pazifistischer Parteichef wegen unbeantworteter Fragen nach einer Mord-Pistole in seinem Auto zu sorgen.

Was zählen dann erst ein paar Privatfahrten mit dem Dienstwagen oder Weekend-Trips mit der Flugbereitschaft, wenn die Ertappten nur laut genug gegen Rechtsextremismus, Frauenfeindlichkeit oder Landminen wettern?

Hamburgs fahrerflüchtiger SPD-Innensenator bleibt im Amt, solange die autofeindliche Stilllegung wichtiger Verkehrsadern zügig voranschreitet. Dem Öko-Konzern Greenpeace rissen die falschen Horrorzahlen von der Bohrinsel kein Loch in die Spendenkasse.

Gewerkschaftsbosse dürfen Mitgliedsbeiträge ohne weiteres für Parteipropaganda verbraten, Gentechnik-Gegner sinnlos fremdes Eigentum zertrampeln, Antifaschisten gezielt Schaufenster ausräumen und Künstler Pornographie zeigen, sofern die Botschaft stimmt, z.B. Männer sind Schweine, Unternehmer sind Ausbeuter und Christen bigott.

Außerdem scheint die aufopferungsvolle Hingabe an öffentliche Moral die Anfälligkeit ihrer Prediger für private Unmoral zu erhöhen. Auf dem Weg in eine bessere Welt kommt ein Seitensprung schon mal vor. Man muss es ja nicht gleich so treiben wie der Präsident der Vereinigten Staaten, der seine Frau betrog, sein Volk belog und nach dem Willen der Wählermehrheit trotzdem im Amt bleiben soll, seiner fortschrittlichen sozialen Anliegen wegen.

Es scheint, als besäße die Gutmensch-Batterie nicht genug Power für alle Betätigungsfelder: Je mehr moralische Energie für politische Korrektheit abgezweigt wird, desto weniger bleibt für den Hausgebrauch.

Oder sollte es etwa so sein, dass die Leute, die öffentliche Moral am überzeugendsten vorführen, unter der Schminke gar nicht so moralisch sind? Fressen, Saufen, F....? Dann wäre Political correctness nur eine Art Münchhausen-Moral. Aber dann wären nicht die Darsteller schuld, sondern das zahlende (und wählende) Publikum.


Anmerkungen

Bei der Erstveröffentlichung der Glosse am 20. September 1998 waren Franz Müntefering SPD-Bundesgeschäftsführer, Regine Hildebrand (SPD) Sozialministerin in Brandenburg und Hartmuth Wrocklage Hamburgs Innensenator. Über den „Greenpeace“-Skandal um die Bohrinsel „Brent Spar“ schreibt „Wikipedia“: Am 5. September 1995 räumte Greenpeace ein, dass ihre Schätzung über die Menge giftiger Ölrückstände im Tank grob fehlerhaft war: Die genannte Zahl von 5.500 Tonnen war viel zu hoch. Laut Prüfungsbericht der norwegischen Schiffsklassifizierungsgesellschaft DNV (Det Norske Veritas) vom 18. Oktober 1995 beliefen sich z. B. die Ölrückstände auf 75 bis 100 Tonnen, also etwa 1,37-1,8% des Behaupteten. Die gemessenen Werte entsprachen weitgehend den von Shell vorgelegten Zahlen, welche anfangs auch von Greenpeace benutzt worden waren. Greenpeace hat sich für die falschen Zahlen bei Shell und der Öffentlichkeit entschuldigt.“ Der Schaden für Shell belief sich auf mindestens 50 Millionen Euro.

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