Der Kaiser tröstet sich mit einer Tasse Tee

Samstag, 2. November 2013

Vor 95 Jahren beginnt mit dem Matrosen-Aufstand in Kiel die Novemberrevolution

Als der preußische Innenminister Arnold Wilhelm Drews am 1. November 1918 im Kaiserlichen Hauptquartier im belgischen Spa Wilhelm II. die Abdankung nahelegt, sind die Offiziere empört. Der 71-jährige Feldmarschall Paul von Hindenburg poltert, in diesem Fall werde die Armee „nicht zusammenstehen"; die Leute würden nach Hause gehen wie eine Horde marodierender Banditen.

Es ist nur eine von vielen Fehleinschätzungen führender Militärs und Politiker, die am Ende des Ersten Weltkriegs vor 95 Jahren den Untergang der Monarchie begleiten: Schon wenige Tage später erweist sich, dass nicht nur die feindlichen Kräfte immer überlegener, sondern auch die eigenen Divisionen immer unzuverlässiger wurden – nicht trotz, sondern gerade wegen des Kaisers.

Besonders die Männer der Marine, die zum Teil schon viereinhalb Jahre lang ununterbrochen Kriegsdienst geleistet haben, lassen sich nicht länger zum Gehorsam zwingen: Sie wissen wie die meisten ihrer Landsleute, dass erst die von den Alliierten geforderte Abdankung Wilhelms II. den Weg zum Frieden ebnen würde.

Ende Oktober ist das Dritte Geschwader der Hochseeflotte auf der Schillingsreede vor Wilhelmshaven zusammengezogen worden. Die Mannschaften sind davon überzeugt, dass jede weitere militärische Aktion den verlorenen Krieg nur sinnlos verlängern würde, und verweigerten den Gehorsam. „Wenn die Engländer uns angreifen, werden wir unsere Küsten bis zum letzten Mann verteidigen“, erklärt einer von ihnen, „aber wir werden nicht selbst angreifen. Weiter als bis Helgoland fahren wir nicht."

Die Matrosen werden massenweise arretiert, aber die Meuterei greift zu rasch um sich: Am 1. November versammeln sich die Matrosen in der Kieler Stadthalle und verlangen die Freilassung ihrer Kameraden. Am 3. November verbrüdern sich Matrosen und Arbeiter. Sie erklären den Krieg für beendet - unter Hochrufen auf die Republik. An einer Straßenecke lässt ein Leutnant der Reserve in die erregte Menge feuern. Acht Tote und 29 Verletzte bleiben auf dem Platz - die ersten Opfer der November-Revolution. Am 4. November wird auf den meisten Kriegsschiffen die rote Fahne aufgezogen. Um 15 Uhr gibt der Gouverneur des Reichskriegshafens, Admiral Wilhelm Souchon, auf und empfängt Abgeordnete des ersten deutschen Matrosen-Soldaten-Rates.

Noch immer aber will die große Mehrheit der Aufständischen keine sozialistische Republik, sondern einfach nur nach Hause. Erst am 5. November ist aus der Meuterei endgültig eine Revolution geworden. Die gesamte Arbeiterschaft tritt an die Seite der Aufrührer. Tausende führen rote Fahnen mit sich. Auch Lübeck, Hamburg und Bremen fallen in die Hände der neuen Arbeiter- und Soldatenräte. Am 7. November weht die Flagge der Revolution auch über Köln, München und den meisten anderen Städten.

SPD-Regierungsmitglieder unter Philipp Scheidemann informieren Reichskanzler Prinz Max von Baden, sie würden die Regierung verlassen und den Umsturz organisieren, wenn der Kaiser nicht Mittag nächsten Tages abgedankt habe. Wilhelm II. aber plant stattdessen, Fronttruppen gegen die Revolutionäre zu führen. Am 9. November beruft er den Kronrat ein, um über „Operationen gegen die Heimat unter Führung des Kaisers" zu diskutieren.

Jetzt aber zeigen sich auch an der Front erste Auflösungserscheinungen. Hindenburg weint und ist außerstande, vor dem Kronrat zu sprechen. Für ihn sagt General Wilhelm Groener: „Eure Majestät haben keine Armee mehr. Das Heer ... steht nicht mehr hinter Ihnen."

Nun endlich begreift der Kaiser seine Lage. Hindenburg hat sieh wieder gefasst und erklärte: „Ich muss Eure Majestät dringend ersuchen, sofort abzudanken und nach Holland abzureisen. Ich kann es als preußischer General nicht verantworten, dass Sie von Ihren eigenen Truppen verhaftet und den revolutionären Bewegungen ausgeliefert werden."

Wilhelm II. gehorcht. Im Morgengrauen geht er bei Eysen über die Grenze in das neutrale Holland. Dort kommt es zu einer letzten operettenhaften Szenen: Der Monarch übergibt einem verdatterten Grenzposten seinen Degen. Und als Wilhelm II. später im Wagen des Grafen Godard Bentinck auf dessen Schloss in Amerongen zurollt, sagte er zu seinem Gastgeber: „Jetzt müssen Sie mir eine Tasse heißen, guten, echten englischen Tee geben lassen."

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