Ihre Herzen brechen vor Einsamkeit

Samstag, 2. November 2013

Fasziniert von der Schlichtheit, Kraft und Wahrhaftigkeit der Lehre Frére Rogers von Gott und seiner Liebe zu den Menschen strömen jedes Jahr 200.000 Jugendliche nach Taizé.

„Stehst du mit leeren Händen da, schließ sie zu Fäusten nicht, denn Gott kann sie dann nicht füllen. Am Ende des Lebens wird es die Liebe sein, nach der wir beurteilt werden.“ Frére Roger

Der schmale Weg, den kaum eine Karte kennt, streift eine verlassene Bahnstation, verrostete Schienen, ein paar Häuser um eine kleine romanische Kirche. Es ist nicht viel los in der Gegend, es gibt nicht mal eine Disco, und doch zieht es jedes Jahr zweihunderttausend meist junge Leute dorthin. Denn in dem winzigen Dorf in den Hügeln Burgunds in Frankreich lebt und wahrt eine Gemeinschaft frommer Weiser einen Mythos von überwältigender Faszination: das Friedens- und Liebesmysterium von Taizé.

Der erste der jungen Gottsucher radelt vor 73 Jahren durch die einsamen Felder und kleinen Weinberge: Roger Schutz, damals 25, Sohn eines reformierten Schweizer Pfarrers und Leiter der evangelischen Studenten in Lausanne. Mit ihm wollen zwanzig angehende Theologen „sich gegenseitig in ihrem spirituellen Leben anspornen und unterstützen“.

Schutz sucht einen abgelegenen Ort für gemeinsame Meditationen und findet in dem fast ausgestorbenen Dorf ein halbes Schlösschen. Zuerst lebt er dort als Schutzengel der von den Nazis Verfolgten, die es in den unbesetzten Teil Frankreichs geschafft haben. 1945 nimmt er sich misshandelter deutscher Kriegsgefangener an. Ostern 1949 aber gründen Schutz und sechs Gleichgesinnte endlich ihre Gemeinschaft, die „Communauté“.

Die Mitglieder wollen ehelos leben und alles miteinander teilen. Als geistliches Ziel nennen die vier Jahre später niedergeschriebene „Regel von Taizé“ die Aussendung von Impulsen des Friedens und der Versöhnung. Zentrale Themen sind inneres Leben und Liebe zu allen Menschen. Auszüge:

„Einfachheit und Schlichtheit heißt auch Loyalität gegen sich selbst, um zur Klarheit zu gelangen; sie ist ein Weg, offen zu werden für den Nächsten.“

„Die vollkommene Freude verschenkt sich; wer sie kennt, sucht weder Dankbarkeit noch Wohlwollen.“

„Es gibt keine Freundschaft ohne reinigendes Leiden. Es gibt keine Nächstenliebe ohne Kreuz. Das Kreuz allein hilft uns, die unergründlichen Tiefen der Liebe zu erfahren.“

„Der Geist der Armut nach dem Evangelium ist das Leben ohne Sicherung des Morgen, in der freudigen Gewissheit, dass gesorgt sein wird.“

„So wie Gott die Güter dieser Erde umsonst verteilt, soll der Mensch auch denen geben, die nichts haben.“

„Vergleiche dich nicht mit deinen Brüdern in der Ausübung deines Berufes. Fülle in aller Einfalt den Platz aus, an dem du notwendig bist für das Zeugnis des Ganzen.“

Der christliche Gegenentwurf zu den Parolen der studentischen Linken, deren spiritueller Weg häufig die Bewusstseinserweiterung durch Drogen sucht, zeigt schon bald seine Kraft: Im gleichen Jahr, 1969, als eine halbe Million junger Leute zum legendären Rockkonzert nach Woodstock strömen, ziehen junge Christen zum ersten Mal nach Taizé. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, bildet sich in den Hügeln Burgunds ein Zentrum der religiösen Erneuerung Europas und der Welt.

Heute kommen jede Woche bis zu sechstausend junge Menschen aller Konfessionen in das Zeltdorf, Becher und Löffel im Rucksack, Isomatte auf den Schultern, Holzkreuz am Hals. Ein Gymnasiast aus Heidelberg: „Es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl, zusammen mit mehreren tausend Menschen aus aller Welt, mit denen man sich oft nur mit Händen und Füßen verständigen kann, auf dem Boden in einer Kirche zu sitzen, zu singen, zu schweigen und zu beten“ – nur sanft angeleitet durch inzwischen rund hundert Brüder; weitere leben mit den Armen in Slums von Chicago bis Kalkutta.

Das Essen ist karg, das Waschwasser kalt, der einzige Kiosk wenig ergiebig, doch das einfache Leben verbindet die Menschen, öffnet die Herzen, weckt Emotionen: „Was mir am besten gefällt, ist, dass hier Geld keine Rolle spielt“, sagt Peter, 19, aus Bratislava. „Mich fasziniert die Ruhe zum Nachdenken darüber, was Gott eigentlich von mir will“, meint Franziska, 22, aus Freiburg. „Du kannst auch als Buddhist oder Hindu kommen, ohne vor die Tür gesetzt zu werden“, sagt Anne ,24, aus Zürich. „Ich wusste immer, dass es Gott gibt, aber erst in Taizé habe ich ihn zum ersten Mal gespürt“, schildert Mary, 23, aus Irland.

„Es ist doch eine Tatsache, dass in Europa besonders viele Jugendliche von allen möglichen seelischen Leiden gezeichnet sind“, sagt der charismatische Gründer, bevor ihn im August 2005 eine psychisch gestörte Frau mit einem Messer tödlich verletzt. „Ihre Herzen brechen mitunter vor Einsamkeit. Dabei leben diese Menschen im Überfluss. Das ist aber nicht, was ein Kind oder ein Heranwachsender erwartet. Oft wollen sie einfach nur gehört und verstanden werden.“

Seit 1974 versammelt sich die Jugend von Taizé außerdem zur Jahreswende jedes Mal in einer anderen großen Stadt - für Freré Roger sind diese Begegnungen „Pilgerwege des Vertrauens“, die Teilnehmer „Botschafter“, und ihr Aufbruch ist ein „Frühling der Kirche“, die sich ganz wieder den beiden zentralen Forderungen des Evangeliums widmen soll, dem Friedens- und Liebesgebot:

„Stehst du mit leeren Händen da, schließ sie zu Fäusten nicht, denn Gott kann sie dann nicht füllen“, lehrt Freré Roger, und: „Am Ende wird es die Liebe sein, nach der wir beurteilt werden.“

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