Mutter ist immer auf Streife

Sonntag, 3. November 2013

Die Hyäne ist hässlich wie die Nacht, bissig wie Dracula, riecht ziemlich streng und hat nicht viele Freunde. Aber ihre Kinder finden sie trotzdem klasse!
 

Dunkle Gestalten schleichen durch die Nacht. Sie lieben die Finsternis, aber scheuen auch nicht das Tageslicht. Ihre Uhr richtet sich nicht nach Stunden wie das deutsche Ladenschlussgesetz, sondern nach dem Magen: Für Hyänen ist die Fleischtheke immer offen. Denn sie sind teuflisch raffinierte Jäger. Und sie sind auch mit Ware zufrieden, deren Verfallsdatum längst abgelaufen ist.

Aber die Welt der gestreiften oder gefleckten Großmäuler ist auch gefährlich. Besonders wenn sie noch Babys sind. Wehe, wenn ihnen ein Löwe in die Quere kommt: Die großen Katzen sind auf Hyänen tierisch sauer, weil sie eine listige und lästige Konkurrenz im täglichen Kampf um das beste Steak sind. Weitere Todfeinde sind Leoparden, die besonders gern im Dunkeln munkeln. Aber zum Glück für die tapsigen Streifhammel haben sie eine ganz tolle Mama: Sie ist nicht nur sagenhaft lieb, sondern auch unheimlich clever. Und sie ist auch der Boss. Nicht nur zu Hause, auch unterwegs. Selbst Papa hält die Schnauze, wenn Mama kommandiert. Denn bei Familie Hyäne sind Weibchen zwölf Prozent größer und stärker als die Männchen.

Deshalb wird das Rudel immer von einem Weibchen geführt. Sie ist eine Art Räuberhauptfrau und übt ein strenges Regiment. Aber Hyänen-Ladys können auch charmant sein. Voraussetzung ist allerdings, dass die Herren sich wie Gentlemen benehmen. Die klassische Brautwerbung beginnt mit heftigen Verbeugungen und anderen Demutsgesten des Verliebten – tagelang! Die Hochzeitsnacht dauert nur zehn Minuten, die Schwangerschaft 100 Tage, die Geburt eine Viertelstunde.

Hyänen bekommen meist Zwillinge. Die Kinderstube liegt im Souterrain: Der klassische Hyänenbau besteht aus einer großen, gemütlichen Wohnstube für die gesamte Familie und einem separaten Appartement für Mutter und Babys. Kleine Hyänen kommen mit offenen Augen zur Welt und finden gleich zur Quelle: Die Muttermilch ist viermal so nahrhaft wie die Milch sogar der glücklichsten Kühe – Power-Drink für Mini-Kraftmeier, die schon buddeln, balgen und beißen können. Nach einem halben Jahr wird Zusatzkost gefüttert: kleine Fleischhäppchen, die sich die Kleinen selbst von dicken Beutekeulen abnagen müssen. Damit das klappt, trainieren sie ihre Beißerchen – an Holzstöcken, Knochen und was sonst noch in der Gegend herumliegt (manchmal auch Mutters Bein). Nach einem Jahr kriegen die Höhlenkinder dann erst mal Freigang. Mama steht an der Tür und passt auf.

Ein paar Tage später beginnt die Hyänen-Schule. Erstes Fach: Betragen. Sehr wichtig für Rudeltiere. Die Clan-Kinder lernen, wie man sich gegenüber Erwachsenen benimmt: Höflichkeit, Gehorsam, Respekt. Nur so können sie in eine Gemeinschaft hineinwachsen, in der ganz klare Regeln herrschen. Die wichtigsten: Clan-Chef ist immer das älteste Weibchen. Papa darf sich erst mal zu Hause nicht blicken lassen – er muss an den Reviergrenzen Patrouille laufen.

Zweites Fach: Riechen. Die Hyänen orientieren sich vor allem mit der Nase – für sie hat jeder Grashalm eine eigene Duftmarke. Deshalb finden sie auch in völliger Dunkelheit wieder nach Hause.

Drittes Fach: Biologie. Tiere sind zum Fressen da. Aber welches sollte man lieber meiden? Was schmeckt nach was? Leibgericht ist Gnu, je jünger, je lieber.

Viertes Fach: Sprachen. Hyänen verständigen sich durch laute Rufe, die in Menschenohren wie Gelächter klingen, und durch Schwanzsignale. Einziehen heißt: Achtung, Gefahr in Verzug! Hochstellen bedeutet: Mir nach!

Fünftes Fach: Sport. Mutter zieht als erste los, denn sie ist die größte Jägermeisterin. Für jedes Beutetier hat sie eine eigene Taktik drauf: Die kleinen Antilopen z.B. werden im Galopp verfolgt. Die großen Gnus werden erst mal unauffällig  eingekreist, und wenn Mutter sich das beste Schnitzel ausgesucht hat, stürmt ihr die ganze Meute hinterher. Kranke Tiere werden gar nicht erst zeitraubend umzingelt - Mutter sieht ganz genau, wie gut der Braten zu Fuß ist.

Sechstes Fach: Ökologie. Hyänen sind die Elite der Umweltpolizei. Sie schnüffeln Fleisch, das weg muss, auf acht Kilometer Entfernung. Ihre wichtigsten Assistenten sind die Geier - wo die kreisen, gibt's immer was zu speisen. Das Recyclingverfahren ist perfekt: Die Killer-Kiefer packen mit der Superkraft von 800 Kilo pro Quadratzentimeter zu. Kein anderes Tier hat so viel Biss! In dieser Hyänen-Hydraulik werden selbst Elefantenknochen ganz klein.

Nach der Schule kommt das große Fressen. Eine ausgewachsene Hyäne verdrückt 18 Kilo Fleisch auf einmal. Leider stören zuweilen ungebetene Gäste. Der größte Nassauer ist der Löwe. Wenn der sich mit Gebrüll einlädt, lässt Mutter Hyäne sogar das schönste Steak im Stich. Safety first!

Hyänen lieben ihre Heimat sehr. Die Weibchen gehen zwar in einem ziemlich großen Revier bis (550 Quadratkilometer) auf Streife, kehren jedoch wieder in denselben Bau zurück. Die Männchen aber verschwinden schon mal auf Nimmerwiedersehen, gehen auf Wanderschaft und machen irgendwo in der Ferne ihren eigenen Laden auf.

Mit zweieinhalb Jahren sind Hyänen erwachsen. Dann bekommen die Weibchen Kinder. Wenn alles gutgeht, haben sie 20 Jahre vor sich. Dann sind sie zum Jagen zu müde und geben ihr Kommando an eine Tochter weiter, ziehen sich zurück. Der Tod kommt gnädig über Nacht. Er beendet das Leben eines Tieres, das auf den ersten Blick wenig sympathisch wirkt, aber in der Natur eine großartige Rolle spielt.

 

Der Urahn war eine Schleichkatze

Hyänen stammen von Schleichkatzen ab, die vor 40 Mio. Jahren lebten. Als erste entwickelte sich vor 24. Mio. Jahren die Ur-Hyäne Progenetta. Dann folgte vor 15 Mio. Jahren die erste echte Hyäne Percrocuta und vor 11 Mio. Jahren die Borhyaena. Die heutige Hyäne gibt es seit 10 Mio. Jahren.

 

Die Domäne der Hyäne ist die freie Pläne

Hyänen gibt es vor allem in Afrika, aber auch in Asien. Ihr bevorzugter Lebensraum ist die baumarme Savanne. Die Tierfamilie teilt sich in zwei Gattungen: Zur ersten zählen die Streifen- und die Schabrackenhyänen. Zur zweiten gehören die Tüpfel- oder Fleckenhyänen. Alle Arten haben längere Vorder- als Hinterbeine und ein kräftiges Gebiss. Es funktioniert wie eine Brechschere und kann die dicksten Büffelknochen knacken. Nächster Verwandter Ist der Erdwolf.

Streifenhyäne Die verbreiteste: 120 cm lang, 70 cm hoch, 54 kg schwer, Mähne 30 cm, lebt in Afrika, Arabien und Indien.

Schabrackenhyäne Die Seltenste: Größe, Gewicht und Mähne wie bei Streifenhyäne, aber 11 cm langes Fell. Lebt nur in Süd- und Südwestafrika

Tüpfelhyäne Die größte: 160 cm lang, 90 cm. hoch, 82 kg schwer, Mähne 10 cm. Lebt in Zentral- und Südafrika.

Erdwolf Der harmloseste: 80 cm lang, 50 cm hoch, 15 kg schwer, kleine Zähne, weil er nur Insekten (Ameisen, Termiten) frisst.

 

Was Menschen von Hyänen lernen können

Höflichkeit: Wenn Hyänen nach Hause kommen, begrüßen sie erst mal jeden Nachbarn persönlich.

Familiensinn: Hyänen halten immer, fest zusammen.

Kameradschaft: Wenn eine Hyäne in Bedrängnis gerät, eilen die anderen sofort zu Hilfe.

Friedfertigkeit: Hyänen streiten sich so gut wie nie, regeln Meinungsverschiedenheiten immer am liebsten friedlich. Sie respektieren die Grenzen anderer Großfamilien.

Maßhalten: Hyänen fressen immer nur so viel, wie sie selbst brauchen, teilen gern mit anderen.

Heimatlebe: Hyänen-Weibchen verlassen nie die weitere Umgebung um ihren Bau.

 

Hyänen-Poesie

Das Tier, getüpfelt wie gestreift,

Hauptsächlich Afrika durchschweift;

Weint laut und lacht dann wieder grässlich,

Riecht schlecht, ist dumm und feig und hässlich;

Des Schlachtfelds Schrecken wär‘ erwähnlich

Und Schillers Weiber, die hy-ähnlich.

Eugen Roth (1895-1976)

 

 

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