Siege im Drogenrausch

Dienstag, 5. November 2013

Um Karthago und ihren berühmten Feldherrn Hannibal ranken sich viele Legenden. Jetzt fanden Archäologen spannende Beweise, wie das Leben in der antiken Metropole wirklich war.

 

Die Sonne sinkt hinter die Hügel Afrikas. Vom Meer kommt eine kühle Brise. Der Parfümproduzent Elimilk sitzt auf dem Dach seines Hauses und schaut auf die riesige Stadt. Die Götter meinen es gut mit ihm: Die Rohstoffe sind billig, die Märkte stabil, seine Duftwässer, Lippenstifte, Lidschatten, Seifen und anderen kosmetischen Artikel gehen reißend weg.

Gutgelaut gießt er etwas Wein auf den Boden: Möge Karthago noch viele Jahre gedeihen! 2700 Jahre später stehen ungewöhnliche Besucher in Elimilks Haus: Prof. Dr. Hans Georg Niemeyer, Archäologe der Universität Hamburg, hat Elimilks Haus unter Tonnen von Schutt gefunden. Zum ersten Mal wird klar, wie reich, prachtvoll, modern und mächtig Karthago wirklich war.

Bisher wusste die Wissenschaft über die Mittelmeer-Metropole nur, was antike Autoren überliefert hatten: gegründet zur Zeit des Trojanischen Krieges (ca. 1200 v.Chr.) von Phöniziern aus Tyros (heute es-Sur im Libanon). Die schöne Königin Dido verliebt sich in den Troja-Flüchtling Aeneas. Als er sie verlässt, verbrennt sie sich auf dem Scheiterhaufen. Jahrhunderte später greifen die Nachkommen des Untreuen, die Römer, Karthago an. Oberbefehlshaber Hannibal zieht mit 38000 Fußsoldaten, 8000 Reitern und 37 Elefanten über die Alpen – damals eine tollkühne Tat – und schlägt den Feind in vier vernichtenden Schlachten.

Doch dann rufen die kriegsmüden Karthager den genialen Feldherrn aus Italien zurück. Der Fehler entscheidet den Krieg, denn in der Defensive kann Hannibal sein Genie nicht entfalten. Nach der Niederlage flieht er nach Asien und versucht, mehrere Könige zum Angriff auf Rom zu überreden. Als das misslingt und die Römer seine Auslieferung fordern, vergiftet er sich (auch für Karthago ist es das Ende. 146 v.Chr. ist es nur noch ein Trümmerhaufen). Jetzt fand Niemeyer Beweise dafür, dass die Karthager Haschisch und Opium konsumierten – errang auch Hannibal seine Siege im Drogenrausch?

Auf dem Höhepunkt seiner Macht schickt Karthago Schiffe nach Ägypten, Griechenland, Frankreich, Spanien, Westafrika und vielleicht sogar Amerika. Exportgüter sind die Spitzenprodukte karthagischen Handwerks: Elfenbeinschnitzereien, Schmuck, Schalen aus Edelmetall, Kosmetika in speziellen Glasflakons, Ziermöbel, aber auch hochwertige Lebensmittel wie Wein, Öl und Würzsaucen für die Feinschmecker der alten Welt.

Wichtige Erfindungen bringen Erfolg: Karthagische Galeeren können Monate auf See bleiben, auch bei widrigen Winden und Strömungen navigieren. Die Waren werden in den Mini-Containern der Antike, den Amphoren, transportiert.

Größter Exportschlager ist die erste Software aller Zeiten – karthagische Experten verkaufen weltweit hochentwickeltes Wissen auf allen möglichen Fachgebieten: Ein einfaches Alphabet, das erste Medium überhaupt, gibt den rückständigen Europäern die Möglichkeit schriftlicher Aufzeichnung. Dazu kommen Maß- und Rechensysteme, Modelle für Recht und Verwaltung, Technologien der gewerblichen und industriellen Produktion, Einblicke in internationale Märkte und Handelsnetze sowie militärisch-strategische Ausbildung – Know-how für alle Gebiete des Lebens.

Die Götter der Karthager sind grausam: Baal Hammon verlangt von jedem Ehepaar den erstgeborenen Sohn. Das Baby wird der bronzenen Götterstatue in die ausgestreckten Arme gelegt und rollt von dort durch einen ausgeklügelten Mechanismus ins Feuer. Das grausige Ritual ist der Preis für ein Leben auf der Sonnenseite: Die Karthager schwelgen in allen Köstlichkeiten der Antike. Es gibt Edelrestaurants und Luxusbordelle. Für die Sicherheit sorgt eine internationale Friedenstruppe von Söldnern aus den verschiedensten Völkern, ausgerüstet mit dem ersten Superpanzer der Antike, Hannibals Kriegselefanten – bis die römischen Legionäre kommen.

 

Beweis entdeckt: Karthager waren Kiffer

Niemeyers bisher spektakulärster Fund brachte ans Tageslicht, dass die Karthager offenbar in großen Mengen Rauschgift, vor allem Haschisch und Opium, konsumierten. Paläobotaniker identifizierten Körner, die von den Archäologen in einem Bürgerhaus im Zentrum der Stadt gefunden worden waren, als Mohnsamen. Die Drogen wurden möglicherweise in Kuchen gebacken oder mit anderen Speisen verzehrt, vielleicht aber auch schon geraucht: Tonröhren aus Kreta zeigen, dass am Mittelmeer vermutlich schon 2000 Jahre vor Christi der Rauch belebender oder berauschender Kräuter inhaliert wurde, lange bevor der Tabak aus Amerika kam.

 

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