Kunst ist, wenn eine Lokomotive auf dem Rücken liegt

Mittwoch, 6. November 2013

In „TELE-RETRO“ zeigen „Von Tag zu Tag“-Kolumnen, welche Themen das Fernsehen vor 25 Jahren wichtig nahm und was es daraus machte. Heute: Die Ausgabe vom 6.November 1988.

Am Sonntag zeigte die ARD die erste Ausgabe der neuen

Show „Euro-Paare“ als Nachfolgesendung für das Quiz „EWG" mit Showmaster Kulenkampff („Kuli"). Kostproben:

Showmaster Ackermann zu einem Kandidaten: „Hier haben wir auch etwas zum Schreiben. Einen Kuli. Er verlässt mich nicht..."

Ackermann zu einem jugendlichen Pianisten: „Du spielst jetzt den Minutenwalzer von Chopin. Aber nicht überziehen!"

Ackermann zu zwei Kandidaten-Paaren: „Jetzt müssen Sie leider gekreuzt werden."

Ackermann zum Schluss: „Ich bin froh, dass ich es überstanden habe.“

Der Zuschauer auch.

*

Am Sonntag berichtete der ARD-„Weltspiegel" über Angola, wo die Freiheitsbewegung „Unita" unter Savimbi gegen eine von der UdSSR und Kuba gestützte marxistische Diktatur kämpft. Korrespondent Grosse: Die Kubaner seien stationiert, „um die Freiheit des angolanischen Volkes zu verteidigen". Jetzt gebe es „Hoffnung auf Frieden nach 28 Jahren Krieg - 15 Jahre gegen die Kolonialmacht Portugal, 13 Jahre gegen Unita und Südafrika". Moderator Pleitgen: „Der Rechtsrebell Savimbi."

Lichtenberg: „Nicht die Lügen, sondern die sehr feinen falschen Bemerkungen sind es, die die Läuterungen der Wahrheit aufhalten.'"

*

In der ZDF-„Tele-Illustrierten" vom Mittwoch trat der Schlagersänger Sebastian mit dem Lied „Rose vom Orient" auf. Auszug:

„Mitternacht im Bazar,

rabenschwarz war ihr Haar,

als ihr Schleier fiel,

war es noch Spiel.

Tausendundeine Nacht,

für die Sünde gemacht,

es kann sein,

dein Allah muss dir viel verzeih'n.

Mitternacht im Bazar,

und schon bald war mir klar,

was sie begehrt,

ist ihr heut' nacht die Hölle

Allah sei dir gnädig.

*

Aus der ZDF-„Super-Hitparade der Volksmusik" am Donnerstag:

„Ein Mann — ein Wort. Eine Frau - ein Wörterbuch."

„Liebe ist nach der Hochzeit: Lebenslänglicher Irrtum eines bedauernswerten Esels."

Unter Gastwirten: „Vom Bier kann man heute nicht mehr leben." - „Und wovon lebst du?" - „Vom Schaum."

„Bei uns werden die Kühe im Frühjahr auf die Alm getrieben, damit die Sommergäste im Tal mehr Platz haben."

Sapradi!

*

ZDF-Moderator Eser am Donnerstag im „heute-Journal": „Der bisherige niedersächsische Kultusminister Professor Knies hatte so viel davon - Knies nämlich - dass er den Bettel hinschmiss."

Danach Reporter Toppel: „Horrmann tritt an die Stelle des im Knies zurückgetretenen Kultusministers Knies..."

Einen dummen Streich muss man nicht zweimal machen (deutsches Sprichwort).

*

Am Freitag berichtete der NDR in „extra drei" über ein Berliner Kunstwerk, das aus einer auf dem Rücken liegenden Dampflokomotive besteht. Reporter Ortfeld: „Die Lokomotive ist ja eine Metapher. Wofür?" - Künstler Vostell: „Für die auf dem Rücken liegende Gesellschaft von heute am Ende des 20. Jahrhunderts."

Ja, da legst di nieder.



Anmerkungen

Der NDR-Unterhalter Lutz Ackermann präsentierte 1988-1989 die ARD-Samstagabendshow „Euro-Paare“.

SPD-Mitglied Fritz Pleitgen war 1970-1977 ARD-Auslandskorrespondent in Moskau. 1977 ging er nach Ostberlin, nachdem ARD-Korrespondent Lothar Loewe wegen seiner unverblümt kritischen Berichterstattung am SED-Regime des Landes verwiesen worden war. Bei Pleitgen hatte die ARD Ähnliches nicht zu befürchten, er blieb fünf Jahre auf diesem Posten. 1982 wechselte Pleitgen nach Washington, wo er ganz im Sinne seiner Partei die Politik US-Präsident Ronald Reagans scharf kritisierte. 1987 kehrte er zum WDR nach Köln zurück. 1988 wurde er Chefredakteur des WDR-Fernsehprogrammbereichs „Politik und Zeitgeschehen“. Besonders seine ARD-Kommentare gefielen den Genossen, und 1995 wurde er zum WDR-Intendanten gewählt. Später entzweite er sich mit seiner Partei und näherte sich den Positionen der CDU an, was ihn prompt die Wiederwahl kostete.

Ruprecht Eser arbeitete 1970-1972 in der ZDF-Redaktion Politik und Zeitgeschehen an und leitete bis 1984 in der Hauptredaktion Innenpolitik die Redaktion Reportagen/Dokumentationen. 1985 wurde er Moderator und 1988 Redaktionsleiter des „heute-Journal“. 1992 wechselte er ins Privatfernsehen, trat aber schon 1993 bei Vox nach miesen Quoten zurück. 1993 kehrte er zum ZDF zurück, 1994 übernahm er die Sendung „halb 12 – Eser und Gäste“. Zeitweilig war er auch Chefreporter des ZDF. 1997 wurde er ZDF-Hauptredaktionsleiter Gesellschafts- und Bildungspolitik, 2004 übernahm er das ZDF-Studio in London.

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt