Den Deutschen die Taschen bis zum letzten Pfennig leeren

Dienstag, 5. November 2013

Vor 95 Jahren beendete der Waffenstillstand von Compiègne den Ersten Weltkrieg

Die Fahrt steht unter keinem glücklichen Stern. Sie fängt schon mit einer Panne an: Das Auswärtige Amt hat die Bestallungsurkunde nicht rechtzeitig ausgefertigt, die den Reichstagsabgeordneten Matthias Erzberger als Leiter der deutschen Delegation (zusammen mit Alfred Graf Oberndorff) ausweist. Erst Minuten vor Abfahrt des Sonderzuges von Berlin nach Spa, Sitz der Obersten Heeresleitung, trifft das Dokument ein.

Auf der Weiterreise von dem belgischen Kurort an die Front prallt das Auto, in dem Erzberger und Graf Oberndorff sitzen, gegen eine Hausmauer. Die folgende Limousine fährt auf, es regnete Glassplitter. Die beiden Männer bleiben jedoch unverletzt. Mit drei statt fünf Kraftwagen setzt die Kolonne die Fahrt zu den Franzosen fort.

Am 7. November 1918 um 21.20 Uhr passiert die Delegation die deutsche Front. Es folgt eine zermürbende Nachtfahrt, erst wieder im Auto, dann in einem französischen Sonderzug. Am 8. November gelangen die Emissionäre endlich nach Compiègne.

Dort warteten Erfahrungen auf sie, neben denen alle vorherigen Widrigkeiten verblassten. Denn der alliierte Oberkommandierende Ferdinand Foch, in dessen Sonderzug vor 95 Jahren der Erste Weltkrieg beendet werden soll, hat kurz zuvor erklärt: "Der Friede, den Frankreich braucht, kann erst nach völliger Vernichtung und Zertrümmerung Deutschlands geschlossen werden." Nun schicken sich die Sieger an, die Ankündigung in die Tat umzusetzen.

Dem feindseligen Empfang, den Foch und der britische Erste Seelord Sir Rosslyn Wemyss den Deutschen bereiteten, folgt ein Diktat, das keinen Spielraum für Verhandlungen lässt. Die Verlesung dauerte eine Dreiviertelstunde. Die Sieger verlangen 5000 Kanonen, 25.000 Maschinengewehre, 3000 Minenwerfer, 1700 Jagd- und Bombenflugzeuge sowie 5000 Lokomotiven und 150.000 Waggons - dem deutschen Heer soll jede Fähigkeit zur Weiterführung des Krieges genommen werden.

Weitere Forderungen: Rückzug der deutschen Truppen im Osten und freier Zugang der Alliierten in die dort geräumten Gebiete. Die Oberaufsicht über die deutsche Seemacht. Zehn Großkampfschiffe, sechs Schlachtkreuzer, acht kleine Kreuzer, 50 Zerstörer und alle 129 U-Boote sollen sofort ausgeliefert werden. Ersatz für alle Kriegsschäden. Diese Bedingung stellen die Sieger in der Hoffnung, Deutschland nach dem Friedensschluss auch ökonomisch ausbluten lassen zu können.

Den deutschen Delegierten bleibt keine Wahl: In der Heimat ist Revolution, Kaiser und Reichsregierung verlieren stündlich an Autorität. Im Heer zeigten sich Auflösungserscheinungen, und die hungernde Bevölkerung ist ohnehin längst des Krieges müde. Rückfragen der Delegierten bei Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg als deutschem Oberkommandierenden erbringe die resignierte Antwort, man möge doch versuchen, wenigstens in einigen Punkten Milderung zu verlangen. Gelinge das nicht, so sei "trotzdem abzuschließen", bevor die Front zusammenbreche und feindliche Truppen nach Deutschland vorstoßen könnten.

Tatsächlich erreicht der routinierte Parlamentarier Erzberger einige Abstriche bei den Ablieferungsziffern für Lokomotiven, Lastkraftwagen und Flugzeuge. Dann unterschreibt er die Waffenstillstandsvereinbarung, nach einer demoralisierenden Nachtsitzung, am Montag, 11. November 1918, um 5.11 Uhr.

Um elf Uhr endet das Blutvergießen. In Paris und London löst die Nachricht Begeisterung, in Deutschland Erleichterung aus - auch wenn der britische Premierminister Lloyd George als Slogan für Neuwahlen ausgibt, nun solle man die Taschen der Deutschen bis zum letzten Pfennig umkehren und den Kaiser aufhängen.

Den militärischen Sieger Foch erwartet indes eine kalte Dusche: Der französische Premierminister Georges Clemenceau hat für 16 Uhr eine Parlamentsrede vorbereitet, in der er den Sieg verkünden will. Die eigenmächtige Festlegung des Waffenstillstands schon auf elf Uhr durch die Militärs verdirbt dem Politiker den Triumph. Wütend ruft Clemenceau, Generäle seien eben zu dumm. Der Marschall erwidert gekränkt, aber diszipliniert, seine Arbeit sei getan, jetzt sei der Herr Premierminister an der Reihe.

Foch, gegenüber den Besiegten hochfahrend, nun selbst gedemütigt, fordert später bei der Friedenskonferenz von Versailles, die Grenze Frankreichs bis zum Rhein vorzuschieben - vergeblich. Erzberger aber bezahlt für seine Unterschrift unter das Dokument, in dem nationale Kreise einen "Schandvertrag" sehen, mit dem Leben: Drei Jahre später wird er von zwei ehemaligen Offizieren ermordet.

 

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