Abtreiben ja, abhören nein

Dienstag, 5. November 2013

In MOMENT MAL zeigen Kolumnen aus dem Jahr 1998, welchen Themen die Öffentlichkeit bewegten, als Rot-Grün die schwarz-gelbe Koalition ablöste. Schon damals irritierten grüne Fundis die Republik vor und nach der Wahl.

Eine Paradoxie der Politik besteht darin, dass Absichten umso klarer hervortreten, je sorgfältiger man sie zu vernebeln sucht. Lügen enthüllen das Bild, Dementis bestätigen es. So zeichneten sich in diesem Bundeswahlkampf auch die Konturen der von grünen Fundis angesteuerten neuen Republik desto deutlicher ab, je dicker die Realos Tarnfarbe auftrugen.

Nachrichten der vergangenen Wochen fügten sich zu einem Mosaik von schillernder Faszination. Das Deutschland, das entstehen sollte, gleicht bis in die Einzelheiten jenem Entwurf einer neuen, vermeintlich besseren Welt, deren Verwirklichung erst die Blumenkinder, dann die Barrikadenkämpfer der 60er Jahre bisher vergeblich erstrebten.

Es ist vor allem ein Deutschland ohne. Ohne Technik (Atom, Gen, Transrapid), ohne Luxus (Autos, Fernreisen), ohne Macht (Bundeswehr, Polizeirechte), aber auch ohne Sorgen: Der Strom kommt aus der Steckdose, die Knete vom Staat, die Gesundheit von der Krankenkasse und das Glück aus der Natur.

Abtreiben ja, abhören nein. Drogen freigeben, Kirchenglocken verbieten. Bundeswehr bekämpfen, Mauerbauer mit ins Boot. Verfassungsschutz auflösen, Stasi & Gysi nicht mehr in die Produktion, sondern in die (rotgrüne) Koalition. Das Szenario:

Nach Abschalten der Kernkraftwerke natürlich kein Ersatz durch umweltverpestende Kohle, sondern Stromsparen, z.B. durch weniger Wäsche, Baden, Fernsehen. Abends Lesen im Räucherkerzenschein.

Exotische Urlaubsziele meiden, dafür Urlaub in Deutschland. Anreise mit Tempo 100 (Autobahn), Tempo 30 (Städte) oder Bummelzug. Nostalgisches Ideal: Früher konnte man während der Fahrt noch Blumen pflücken. Kiels grüner Umweltminister Rainder Steenblock legt seinen Bürgern bereits per Broschüre als "sanfte Mobilität" nahe, "Ziele zu Fuß oder mit dem Rad zu erreichen."

Überall werden Busspuren rückgebaut und Parkplätze vernichtet. Hamburgs rotgrüne Regenten machen gerade eine Hauptverkehrsstraße (20.000 Autos/Tag) dicht.

Außerdem in Steenblocks Katalog "Lebensqualität mit Zukunft": Wieder mehr Gemeinschaftseinrichtungen wie Waschküchen und Kompostanlagen. Und das Telefon des Nachbarn mitbenutzen. Der lange Marsch durch die Institutionen führt von der Kommune 1 zur Wohngemeinschaft Deutschland.

Haschisch, Marihuana und Ecstasy freigeben ("weiche Drogen"), harte Drogen durch Ärzte verabreichen lassen - die Verleugnung der Ursachen und die Verharmlosung der Folgen von Rauschgiftsucht ist ein Uralt-Ziel der neuen Weltbeglücker. Sie haben selber Joints durchgezogen, mancher Ministerkandidat kifft noch heute, was also soll daran schädlich sein? Drogentote sind schrecklich, aber die Koka-Bauern haben schließlich auch nichts zu lachen, wegen Ausbeutung der Dritten Welt durch den Kapitalismus.

Soldaten bleiben Mörder, auch wenn sie an der Oder Menschenleben retten. Deshalb raus aus der NATO, Bundeswehr abschaffen. "Bullen" gleich mit entwaffnen, Uniformen überhaupt verbieten (faschistoid). Ausnahme: Schwarzer Block. Die Autonomen schmeißen zwar Schaufenster ein, kämpfen aber immerhin auf der richtigen Seite. Deshalb weg mit dem Vermummungsverbot, das sich bei Castor und Co. sowieso keiner mehr durchzusetzen traut!

Noch besser getrennt werden müssen Ehepaare und Müll, die einen leichter (Scheidungsgesetze), der andere konsequenter - mancherorts inspiziert bereits eine Öko-Polizei den Inhalt von Abfalltonnen und mahnt Verstöße ab, möglicherweise bald per Bußgeldbescheid. Eine Flensburger Müllsünderkartei läßt sich rasch einrichten. Zehn Punkte: Dosenbierverbot, ab zwölf gibt es den Joghurt nur noch in mitgebrachte Mehrwegbehälter.

Der grünbeglückte Bürger der neudeutschen Fundirepublik geht werktags nach der Kurden-Demo zum Mindestlohnempfang und erholt sich sonntags friedensbewegt im Stroboskop-Schatten wohngebietsnaher Windkraftwälder, sofern nicht Ozon-Alarm den Freigang unterbindet.

Der einzige gemeinsame Nenner zwischen "Bündnis 90" und "Grüne" bleibt, das zeigen ihre Wahlplakate, das Ü (wie Übel oder Übermut). Einen Koalitionspartner brauchen sie noch. Die SPD ist bereit. Deutschland auch?

Damals klappte es mit Rotgrün, diesmal nicht. Noch nicht. Die Koalitionsverhandlungen von Union und SPD laufen gut. Wenn sie scheitern, droht Rot-Rot-Grün. Deutschland drückt sich die Daumen.

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