Schlag nach bei Goethe

Mittwoch, 6. November 2013

In Satire RETRO erinnern Beiträge aus der in mehreren Tageszeitungen publizierten Kolumne „Mein Freund, der Kanzlerberater“, welche politischen Entwicklungen vor zehn Jahren besonders bemerkenswert erschienen. Heute: 15.November 2003. Ähnlichkeiten mit aktuellen Ereignissen sind rein zufällig.

Mein Freund, der Kanzlerberater, stürmte an meinen Bücherschrank: „Ich brauche mal deinen Goethe!“

„Wieso, willst du Kulturstaatsminister werden?“

„Nein, aber der Boris hatte doch diese tolle Idee, sein neues Werk nach einem Zitat aus dem ,Faust' zu betiteln: ,Augenblick, verweile doch' - und jetzt suchen der Gerd und seine Truppe auch so was.“

Ich schlug den Text gleich selber auf. „Hier hab' ich's schon. ,Die Kraft ist schwach, allein die Lust ist groß.' Ist doch genau wie bei deinem Chef!"

„Sehr witzig!" sagte er.

„Oder hier: ,Ein Dilettant hat es geschrieben.' Klingt: doch nach dem Verkehrsministerium und seinem Maut-Vertrag, oder? Und hier: ,Du gleichst dem Geist, den du begreifst' - passt das nicht perfekt auf Olaf Scholz?"

Er entwand mir das Buch. „Da! Das passt wirklich: ,Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber' - Angela Merkel. Da ist ja auch was für Stoibi: ,Ich halt es wenigstens für reichlichen Gewinn, dass ich nicht Kaiser oder Kanzler bin!' Und für den Oskar: ,Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten!' Für Joschka: ,Da steh ich schon, des Chaos' viel geliebter Sohn.' Für Trittin: ,Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage.' Und für den Bundesrat: ,Ich bin der Geist, der stets verneint.'"

Ich schnappte mir das Buch wieder. „Und hier, für Eichel: ,Da steh ich nun, ich armer Tor.'"

Er verzog das Gesicht. „Nein, das wird dem Hans nicht gefallen."

Ich blätterte weiter. „Und das wäre doch ein guter Titel für eine Befindlichkeitsstudie des deutschen Wählers: ,Der Worte sind genug gewechselt.'"

„Nein, lassen wir es lieber bleiben, es ist zu riskant“, seufzte er enttäuscht, und auch mein bester Champagner konnte ihn nicht mehr aufheitern – aber vielleicht lag das ja an meinem „Faust"-Toast auf unsere Regierung: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Das Unzulängliche - hier wird's Ereignis…"

 

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