„Noch eine Minute, Herr Scharfrichter!“

Donnerstag, 7. November 2013

Vor 270 Jahren wurde Gräfin Dubarry, die Geliebte Ludwigs XV., geboren

 

Die Nacht vom 10. zum 11. November 1791 verbringt die Gräfin Dubarry bei ihrem Liebhaber, dem Grafen Brissac. Unterdessen entwenden Einbrecher aus ihrer Wohnung Pretiosen im Wert von 1,5 Millionen Livres. Der Diebstahl vor 222 Jahren bringt die schönste Frau Frankreichs nicht nur um ihren Schmuck, er kostet sie auch das Leben - ein Leben, das sie aus ärmlichsten Verhältnissen an die Seite des schillerndsten Monarchen Europas geführt hat.

Vor 270 Jahren, am 19. August 1743, kommt die Tochter der ledigen Köchin Anne Bécu aus dem lothringischen Vaucouleurs unbeachtet in einer Küchenecke zur Welt. Als Vater verdächtigten Zeitgenossen einen Wandermönch, einen alten asthmatischen Herzog oder einen jungen Soldaten.

Schon bald ist klar, dass aus dem Kind der freien Liebe eine Meisterin derselben werden soll: Mit 14 Jahren treibt die blonde Jeanne Bécu einen Friseur zur Raserei und in den Bankrott. Danach dient sie einer wohlhabenden Steuerpächterswitwe als Gesellschafterin - bis die alte Dame merkte, dass sich nicht nur ihre beiden Söhne, sondern sogar ihre Tochter vor Leidenschaft nach der neuen Hausgenossin verzehren.

Als Verkäuferin in einem Modesalon begegnet Jeanne dem Mann, der ihr den Weg nach oben bahnte: Graf Jean Dubarry, ein Edelmann höchst zweifelhaften Rufs aus dem Languedoc, brutal, schlau und skrupellos. Die Pariser Polizei notiert über seine Eroberung: „Sie ist hochgewachsen und wohlgebildet, so dass wohl nicht daran zu zweifeln ist, dass er sie bald zu seinem persönlichen Vorteil an jemand anders weitergeben wird."

Der lebensfrohe Adelsmann weiß, dass seine Freundin ganz dem Geschmack des Königs entspricht: Ludwig XV., damals 62 Jahre alt, hat sich nach dem Tode der Marquise de Pompadour zwar weiter mit vielen Mätressen vergnügt, aber noch keine von ihnen zu seiner Favoritin gemacht.

Mit großem Geschick lenkt Graf Dubarry das Interesse des Monarchen auf seinen Schützling: Erst überlässt er die inzwischen 25-jährige dem Kardinal Richelieu, dann sorgte er dafür, dass der Kirchenmann die Schönheit seinem weltlichen Herrn vorstellte.

Der König fängt sofort Feuer: Jeanne Bécu ist mit ihrem samtenen Teint und ihren kornblumenblauen Augen die schönste Französin ihrer Zeit. Sie wird pro forma dem Bruder des Grafen angetraut: Nur als Ehefrau eines Adeligen darf sie das Bett des Königs teilen.

Als anerkannte Geliebte des neuen Herrschers wird die neue Gräfin Dubarry Frankreichs erste Dame: Sie kennt alle Staatsgeheimnisse, empfängt Diplomaten, fördert Künstler und schreibt Gnadengesuche für verurteilte Strafgefangene. Die Liebe des Königs macht sie nicht nur einflussreich, sondern auch wohlhabend: Weihnachten 1770 schenkt Ludwig ihr ein Schloss mit großartigem Blick auf die Seine. Dazu kommt eine fürstliche Apanage.

Die Gräfin ist klug genug, den Hofintrigen auszuweichen und sich aus der Politik herauszuhalten. Dankbar gesteht der König: „Sie ist die einzige, die mich vergessen lässt, wie alt ich bin." Für ihre festlichen Soupers führt sie nicht nur den bis dahin unbekannten Blumenkohl (aus Zypern) ein, sondern auch die Vorschrift, dass die Gäste nach jedem Gang ein Kleidungsstück ablegen müssen.

Als der König 1774 an Pocken stirbt, hinterlässt er seinem Land 400 Millionen Livres Schulden. Die Geliebte wird zunächst in einem Kloster inhaftiert, aber von Ludwig XVI. wieder an den Hof zurückgeholt. Dort entwickeln sich allerdings zwischen ihr und Königin Marie Antoinette, Tochter der sittenstrengen Maria Theresia, erhebliche Animositäten.

Ihre beiden einzigen Fehler begeht die Gräfin ausgerechnet in der Zeit der Revolution: Nach dem Diebstahl lässt sie von der Polizei im ganzen Land Listen der geraubten Stücke samt genauer Wertangabe verteilen - dadurch erst wird das Volk wieder auf sie aufmerksam. Und als Teile der Beute in London sichergestellt werden, reiste sie dorthin und lässt sich prompt mit adeligen Emigranten ein.

Als Hochverräterin verhaftet, versucht sie ihr Leben zu retten, indem sie ihre letzten Schmuckstücke preisgibt - vergeblich: Am 8. Dezember 1793 wird sie zum Schafott gekarrt.

Auf dem Blutgerüst setzt sie sich verzweifelt zur Wehr und ruft das berühmte Wort „Noch eine Minute, Herr Scharfrichter!" Dann wird die 50-jährige von dem berühmten Henker Sanson enthauptet.

 

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