Das Ende der Plastiktüte

Samstag, 9. November 2013

Die EU will eine Ikone der Alltagskultur für immer entsorgen. Die Umweltmaßnahme ist überfällig, bedroht aber einen Gebrauchsgegenstand auf dem Weg zum Kulturgut, wie diese Reportage vom Januar 2008 zeigt.

Er guckt in alle Papierkörbe. Er spricht auf der Straße fremde Frauen an. Er studiert sogar Todesanzeigen und telefoniert mit Hinterbliebenen, ob womöglich eine Haushaltauflösung winkt: Gerd Mittendorf, 64, Rentner aus Radevormwald, ist besessen von einem Alltagsgegenstand, der wie kein anderer unser Straßenbild prägt - der Plastiktüte. 80.000 bedruckte Billigbeutel hat er in ganz Deutschland erbeutet, mit den schönsten 2000 bestritt das Städtische Museum Hagen eine kulturhistorische Ausstellung: der Wegwerfartikel als Dauerleihgabe.

Jetzt aber droht dem Sammelobjekt womöglich die Stigmatisierung: Im 55. Lebensjahr, nach einer Karriere von der praktischen Tragetasche zum Prestigeprodukt, Kunstgegenstand, Kultursymbol und Kultobjekt, findet sich die komfortable Kunststofffolie von Naturschützern auf die Feindliste gesetzt. Die phänomenal niedrigen Herstellungskosten und die phantastische Langlebigkeit, von einer technikfreundlicheren Zeit als Vorzüge gepriesen, erweisen sich heute als ökologische Horrorfaktoren.

Weltweit erklären Regierungen, die Tüte komme ihnen nicht mehr in die Tüte. Spanien will ihre Zahl in zwei Jahren halbieren und biologisch nicht abbaubare Tragehilfen bis 2010 abschaffen. China verbietet ab 1. Juni erst einmal die ultradünne Folien, weil sie besonders häufig reißen und weggeworfen werden, und rechnet seinen Bürgern zudem vor, die Produktion der Kunstbeutel koste das Land jährlich fünf Millionen Tonnen vom knappen Rohöl. Auch Kenia, Tansania, Uganda und Ruanda zogen allzu leichte Tüten aus dem Verkehr. Als erste US-Stadt verbannte San Francisco die bequemen Behälter aus den Geschäften und droht müllitanten Plastikaktivisten Strafgelder bis 500 Dollar an. New York will Kaufleute zwingen, Sammelbehälter zu Recyclingzwecken aufzustellen. In England wollen mit London schon 80 weitere Kommunen die Kunststoffflut durch Verbote eindämmen. Australiens Umweltminister Peter Garrett wird den Abwehrkampf noch dieses Jahr aufnehmen.

Der Feldzug der Folienfeinde gilt einem Gegner, der den Globus wie ein Fremdorganismus befällt: Über einsame Strände und menschenleere Wüsten, durch dichte Urwälder und über die Weiten der Ozeane rollt eine Lawine aus Plastikmüll, und die Tüten sind seine stärksten Truppen. Sie segeln nach Alaska und in die Antarktis, fliegen durch Gobi und Sahara, erklimmen Alpengipfel und überqueren Pässe im Himalaya. Kein Bergsteiger und kein Taucher, weder Extremsportler noch Eremit können sicher sein, dass der nächste Windstoß ihnen nicht einen bedruckten Beutel in Gesicht oder Gedanken bläst.

Weit schlimmer sind die Folgen für die Natur: „Unser Zivilisationsmüll landet in Tiermägen“, sagt „Greenpeace“-Meeresbiologe Theo Maack. Über kurz oder lang gelangten die Tütenteile und ihre Gifte somit in die Nahrungskette, „und am Ende dieser Kette steht der Mensch.“

Der Tadel trifft ein Tragesystem mit Tradition, verformbare Transportbehälter aus Papier machen seit 1390 schon der Hausfrau des Hochmittelalters das Leben leichter. 1550 nimmt Erasmus Alberus den Begriff „Dott“ in sein Wörterbuch auf, und eine Streitschrift merkt an, wenn die Bibel sonst zu gar nichts diene, sei sie doch dazu gut, „dass man aus den Blättern, auf die sie geschrieben ist, Tütchen mache und Pfeffer oder andere Würze darein tue“. 1853 fertigt ein Automat in Allendorf die erste Fabrikspitztüte. 1901 ermöglicht die Klotzbodendeutelmaschine den ersten eckigen Papiersack.

Bald wendet sich moderner Erfindergeist auch dem Material zu, erste Ergebnisse sind 1910 die Klarsichtfolie aus Gelatine und das Zellglas „Cellophan“. Seit 1946 sammelt die Industrie Erfahrungen mit vollsynthetischen Kunststoffen wie dem Polyäthylen (PE), und schon 1953 kommt die Plastiktüte ans erfreute Publikum. Ende der 50er Jahre erhält sie einen Griff, in den Sechzigern läuft sie ihrer Papierschwester den Rang ab, und 1971 hat sie die Zweidrittelmehrheit der Marktanteile erreicht.

Der Aufstieg folgt den Gesetzen des Gottes Konsum, eine Studie aus den siebziger Jahren belegt, dass Kunden pro Tasche 21 Prozent mehr Lebensmittel kaufen. Die Weiterentwicklung mit verstärkter Tragevorrichtung, in Fachkreisen Grifflochtasche genannt, steigert den Umsatz größere Gegenstände um ebenfalls 21 Prozent, die Packzeit sinkt um 23 Prozent, der Taschenverbrauch um 17 Prozent.

Die Plastiktüte gewinnt und schenkt Prestige wie vor ihr die Zigarette und nach ihr die Atomenergie, deren schicksalhaften Ansehenswandel sie teilt. Als bedruckte Folien den Markenstolz der Deutschen wecken, gedeiht der schlichten Gebrauchsgegenstand zum Kultur-Beutel, Kunst und Wissenschaft nähern sich der Folie mit ästhetischem Sinn und forschendem Verstand. Bereits im Juni 1972 macht Joseph Beuys auf der 5. documenta in Kassel mit seinem Projekts „Soziale Plastik“ eine handsignierte Plastiktüte berühmt.

1980 stellt das „Haus der Industriereform in Essen die bunten Behälter in den Mittelpunkt der Gebrauchskultur-Ausstellung „An der Tüte sollt Ihr sie erkennen“, und die erste „Giessener Plastiktütenausstellung“ feiert die Folie im Frühjahr 1999 als „Wundertüte“. Der Kölner Kulturpsychologe Dr. Björn Stüwe ergründet für eine Studie der Universität in zwanzig Tiefeninterviews „Gedanken, Emotionen und Vorstellungen, die wir mit der Tüte verbinden“. Seine „tiefepsychologische Analyse zum Wesen von Tüten und Tragetaschen“ als „Ikone der Alltagskultur“ gebe „Aufschluss über verschiedene Umgangsformen mit der Wirklichkeit“. Resultat: Das Forschungsobjekt „scheint gekennzeichnet durch die Abwesenheit von Qualität – etwas, was man täglich benutzt, das beliebig einsetzbar ist und dem doch keine verbindliche Identität zugesprochen wird.“

Doch, so der Wissenschaftler, „darüber hinaus findet die Tüte Einsatz in anderen Zusammenhängen, zu denen wir mehr emotionale Bindungen herstellen: Als Schutz des Fahrradsattels oder des Hundes vor Regen, zum Schlittenfahren, zum Verstauen von Wäsche, Sportschuhen oder Liebesbriefen, zum Sortieren von Knöpfen und Schrauben über die Verwendung als Sexspielzeug und Bankräuberausrüstung bis hin zur künstlerischen Weiterverarbeitung.“

Damit, so Stüwe, könne die Tüte zum Ausdrucksmittel werden und Botschaften über den Nutzer transportieren, denn „sie verrät eine Menge, z.B. wo jemand einkaufen war – und verbergen gleichzeitig den Inhalt.“ Quintessenz: „Diese Ambivalenz in der Funktion der Tüte wird in der Studie auch auf die Emotionen der Nutzer übertragen. So ist die Tüte einerseits etwas Verführerisches, Sündiges und Sakrales und zugleich etwas Notwendiges und gelegentlich auch Unnötiges. Die Türen können ihrem Verwender einen Charakterspiegel vorhalten, der die eigene Stellung zur Wirklichkeit wie z.B. Beziehungen, Lebenseinstellungen, ökologische Verantwortung, Gruppenzugehörigkeit usw. zum Ausdruck bringen kann.“

Das steht Tütenträgern jetzt verstärkt bevor. Schon in der Ölkrise 1973 startete die junge Öko-Bewegung den ersten Angriff, „Jute statt Plastik“ hieß die Parole. In den achtziger Jahren formte sich der Widerstand gegen das unwillkommene Wohlstandssymbol vor allem in der DDR: Staatsbürger mit Westkontakten wurden aufgefordert, die kapitalistischen Prestigesäcke umzudrehen, damit die dekadenten Werbebotschaften nicht lesbar seien. In den neunziger Jahren weckten wachsende Müllberge ein schärferes Umweltbewusstsein, das sich bald auch gegen die Tüte wandte, und Fortschrittliche kehrten zurück zum Papier. „Die Leute schmeißen viel zu viel weg“, jammert der Passauer Stadtarchivar Richard Schaffer im Einklang mit den Umweltschützern, wenn auch aus gänzlich anderen Gründen: Seine „Kommunale Medienzentrale“ hütet das größte Plastiktütenarchiv der Welt, jede Woche finden Hunderte Sammelstücke aus allen Erdteilen den weiten Weg in die Dreiflüssestadt.

„Die Plastiktüte ist oft das einzige, was von einem Laden bleibt“, weiß der Archivar. „Wenn jemand nach 20 Jahren nach Passau zurückkehrt, kann er bei uns wieder finden, wie die Geschäftswelt zu seiner Zeit aussah.“ Solche Erinnerungen aber, meinen immer mehr Menschen, können keinesfalls etwa das Leben von jährlich 100.000 Seevögeln, Schildkröten und Meeressäugern wert sein, die allein an den Küsten Australiens durch treibende Plastiktüten umkommen. Das wird auch Sammler Mittendorf einsehen: Seine Leidenschaft hat zwar den angenehmen Effekt, dass ein gewisser Teil der Plastiktüten auf seinem Dachboden und nicht in der Natur landet, aber auf Nachschub mit immer neuen, immer moderneren Motiven darf er nun wohl kaum mehr hoffen.

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