Das Fürstengrab von Glauberg

Mittwoch, 13. November 2013

Die Kelten erfanden die Fabrik, Greenpeace und den 1. Mai. Bauten sie auch Atlantis? Jetzt wird ihr letztes Geheimnis gelüftet

 

Onno klopft das Herz bis zum Hals, als er seinen Ochsenkarren in den Fürstenhof fährt. Der Bauernsohn (14) darf zum ersten Mal die Lebensmittel ausliefern: zwei schlachtreife Schweine vom Hof seiner Eltern im Tal, zehn Eimer frische Milch, zwölf Säcke Korn, Obst, Gemüse – Kelten lieben Kraftkost. Je mehr Kalorien, desto besser. Lieblingsessen: Schweinekotelett und Hammelkeule.

Hinter der fünf Meter hohen Mauer stehen die Privathäuser der Krieger um den Holzpalast mit dem riesigen Bankettsaal, aus dem brüllendes Gelächter dröhnt. Pferde wiehern in über hundert Ställen. Aus Werkstätten klingt das Hämmernd er Schmiede, die pausenlos Waffen, Rüstungen und Streitwagen zu reparieren haben. Der Fürstensitz auf dem Glauberg liegt 150 Meter hoch über den Feldern am Fluss Nidder und ist 20 Hektar groß (wie die Düsseldorfer Altstadt). Der Blick reicht 30 Kilometer weit – bis zum Main (wo heute Frankfurt liegt). Der Keltenkönig kontrolliert die wichtigste Straße vom Rhein zur Ostsee. Seine Vettern im Süden haben die Alpenpässe im Griff. Keltische Händler fahren über das Mittelmeer nach Afrika, Kreta und Persien.
Jetzt sind Archäologen den letzten Geheimnissen der Kelten auf der Spur. In zwei Furstengräbern entdeckten sie Atemberaubendes: eine bronzene Schnabelkanne im Stil der Etrusker, deren Hochkultur damals in Italien blühte - Beweis für den regen Fernhandel zwischen Main und Tiber schon vor 2500 Jahren. Dazu eine filigrane Goldkette am Schädel eines Toten – ein Schmuckstück, wie es noch nie gefunden wurde. Kleider und Waffen. Vor allem aber die l,86 m große und 240 Kilo schwere Sandstein-Statue eines Fürsten.

Zum Leben erweckt. „Der Fund gehört zu den größten archäologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte in Europa", schwärmt Hessens Landesarchäologe Dr. Fritz-Rudolf Herrmann. Weil Kleidung und Bewaffnung exakt der des toten Fürsten entsprechen, ist so gut wie sicher, dass auch Statur und Gesichtszüge originalgetreu sind. „Farbspuren verraten", so der Wiesbadener Bezirksarchäologe Dr. Guntram Schmitalla, „dass die Statue einst bunt bemalt war" - einst leuchtete sie wie eine barocke Heiligenfigur.

Zauberkräfte. Die „Mickv-Maus-Ohren" sind, so Herrmann, in Wirklichkeit zwei Mistelblätter aus einer rituellen Krone. Die immergrüne Schmarotzerpflanze, die auf Blumen wächst, ist den Kelten heilig. Weißgekleidete Druiden steigen mit Leitern zu ihnen hinauf und schneiden ihre Zweige mit einer goldenen Sichel ab. Kein Volk kennt die Pflanzen und ihre Heilkräfte besser! Die Blätterkrone symbolisiert die göttlichen Kräfte des Königs – sie ist der keltische Heiligenschein.

Kopfjäger. Ihre Ahnen kamen aus Russland. Jetzt, um 2500 v. Chr., herrschen die Kelten an Rhein und Donau. Bald werden sie auch nach Frankreich und England ziehen. Sie sind grausam, hangen die abgeschlagenen Köpfe ihrer Feinde über die Haustür. Sie kennen die Tricks der psychologischen Kriegsführung, beschimpfen und beleidigen ihre Gegner vor der Schlacht, um ihnen das Selbstvertrauen zu nehmen. Wenn sie in Wut geraten, reißen sie sich die Rüstung vom Leib und rennen nackt auf ihre Feinde los. Schon die Jungen ziehen bandenweise durch die Gegend. Kelten sind mobil, tragen ihre Habe auf der Haut: schwere Goldketten, die wie Kreditkarten sofort zu Bargeld werden können. Ihr Gold, das allen gehört, wird von ihnen in Tempeln aufbewahrt.

Die ersten Metaller. Aber die Kelten sind auch erstklassige Handwerker: Sie hauen Europas erste Eisenindustrie auf, hämmern feinstes Blech, produzieren Waffen, Geräte für Handwerk und Landwirtschaft, Textilien und Schuhe. Sie designen den ersten Modeschmuck: Halsketten und Armreifen aus Glas. Sie beten zu 374 Göttern. Sie lieben die Natur wie moderne Greenpeace-Aktivisten: Bäume sind heilig, denn sie tragen den Himmel, und ohne sie würde er einstürzen. Baumfrevler werden streng bestraft. Höchstes Fest ist der 1. Mai, denn dann wird das Vieh auf die Weide getrieben. Ihre Kühe haben alle eine weiße Blesse auf der Stirn - dorthin stößt der Opferpriester den Dolch.

Moderne Künste. Kelten schaffen, so Bestseller-Autor Rudolf Pörtner, „die erste bedeutende künstlerische Eigenleistung nördlich der Alpen". Ihre Metallarbeiten nehmen den  Expressionismus vorweg. Forscher nehmen inzwischen sogar an, dass die Atlantis-Sage, die Plato in Griechenland schuf, nach dem Vorbild der Kelten entstand. So hoch war ihre Kultur entwickelt. Was auch in ihrem monumentalen Totenkult (so Archäologe Herrmann) Ausdruck fand. Die große Prozessionsstraße auf dem Glauberg für Staatsbegräbnisse dürfte kaum den pharaonischen Bestattungen an den Pyramiden hinterher gestanden haben.

 

Detektiv-Arbeit: Röntgen, Video, Spezialsäge

Bei den Ausgrabungen auf dem Glauberg helfen modernste Methoden und hochentwickeltes technisches Gerät. Bei der Freilegung findet ein Spezialstaubsauger selbst winzigste Fundstucke. Jede Einzelheit wird sofort mit einer Videokamera dokumentiert. Außerdem werden bei den Grabungen laufend Zeichnungen. Fotos und sogar Röntgenaufnahmen angefertigt. Einen Teil des Fürstengrabes sicherten die Archäologen mit einer Blockbergung: Mit einer eigens entwickelten Lösssäge wurde der Boden der Grabstätte aus dem Erdreich geschnitten. Von starken Bohlen zusammengehalten und an einer Hebevorrichtung befestigt, konnte die Erde dann im Ganzen aus dem Grab in die Archäologische Restaurierungswerkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen in Wiesbaden transportiert werden. Dort findet die Feinarbeit jetzt unter optimalen Bedingungen, vor allem ohne strenge Witterungseinflüsse, statt. An den Untersuchungen sind auch eine Textilrestauratorin, zwei Botaniker für Holzreste und Pollenanalysen sowie Experten weiterer naturwissenschaftlicher Fachgebiete beteiligt.

 

 

 

 

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