Neue Enthüllungen über die Hanse

Freitag, 15. November 2013

Ein Bremer Forscher fand heraus: Das erste Monopol der Welt entstand durch geniale Erfindungen und eine brillante Idee

 

Das große Erfolgsgeheimnis ist seit sieben Jahrhunderten auf einem Siegel der Stadt Lübeck zu sehen, aber erst jetzt ist es auch enträtselt: Der Seemann mit friesischer Zipfelmütze und der Kaufmann mit der zum Schwur erhobenen Hand verkörpern die erste Sea-Land-Connection der Geschichte. Aus ihr wächst vor 800 Jahren das größte und mächtigste Handelsimperium des Mittelalters: die Hanse. Als Bund souveräner Stadtstaaten ist sie eine Art UNO, als Wirtschaftsgemeinschaft nimmt sie die EU vorweg, als Verteidigungsbündnis ist sie ein höchst erfolgreicher Vorläufer der NATO.

 Sand und See. Niemand weiß, wann diese sensationelle Erfolgsgeschichte genau beginnt. Bis zum 12. Jahrhundert funktioniert der Handel so: Seeleute fahren in fremde Länder und tauschen ihre Waren ein. In den Häfen verkaufen sie die Importe an fahrende Händler, die für einen Weitertransport in das Landesinnere sorgen. Umgekehrt holen die Händler auf ihren Fuhrwerken Exportgüter aus dem Binnengebiet und verkaufen sie auf die Schiffe. Gleich nach der Gründung Lübecks im Jahr 1159 aber schmieden See- und Landhändler ein raffiniertes Bündnis: Die friesischen Schiffer nehmen ihre Geschäftspartner, die meist aus Westfalen stammen, mit auf die Reise – das erste Sea-Land-Unternehmen beginnt. Motto: „Über Sand und See“.

Roll-on-roll-off. Das Wagnis scheint groß, denn wenn die Kaufleute den Weg zu den Rohstoffmärkten kennen, könnten sie den Friesen Konkurrenz machen. Deshalb schwören die Partner sich gegenseitig die heiligsten Eide: Sie gründen eine Genossenschaft – das altdeutsche Wort dafür heißt „Hanse“. Die Vorteile sind riesig: Die Westfalen können fortan in Schweden und Russland gezielt für die heimischen Märkte kaufen, die Friesen übernehmen den Transport, und die Gewinne werden geteilt. Weil der zeitraubende und preistreibende Zwischenhandel entfällt, kommt die Ware schneller und billiger vom Schiff auf den Wagen und zum Verbraucher – ähnlich dem modernen Roll-on-roll-off-System, bei dem die Container nicht mehr an Kränen auf die Schiffe schweben, sondern auf Lastwagen direkt in den Frachtraum rumpeln. Prof. Dr. Detlev Elmers vom Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven, der dem Geheimnis der Hanse als erster auf die Spur kam: „Was die reibungslose Abwicklung des Fernhandels bedeutet, können wir in Bremen besonders gut nachvollziehen. Vor knapp 30 Jahren lief das erste Containerschiff aus Amerika in Bremen ein. Die Reederei trug den bezeichnenden Namen ,Sea-Land‘. Innerhalb kürzester Zeit änderte sich die gesamte Stückgutschifffahrt.“

Mächtige Allianz. So läuft es auch bei der Hanse. Das neue System ist so erfolgreich, dass es sich innerhalb weniger Jahre an Nord- und Ostsee durchsetzt – wer nicht mitmacht, geht pleite. Immer mehr Städte treten bei. Auf dem Höhepunkt hat die Wirtschaftsgemeinschaft 199 Mitglieder, vom westfälischen Ahlen bis zum niederländischen Zwolle. Ihre Macht reicht von England bis Russland, von den Fjorden Norwegens bis in die polnischen Karpaten. Als mittelalterlicher Multi mit einem Monopol auf zwei Meeren dominiert die Hanse einen Markt von 30 Millionen Menschen – zwei Drittel der Einwohner Europas, darunter acht Millionen Deutsche.

Das Super-Schiff. Nicht nur die neue Organisationsform macht die Hanse unschlagbar. Sie hat ein neues Schiff entwickelt: die Kogge. Sie fasst fünfmal so viel Fracht und braucht nur die Hälfte der Besatzung, die dänische und schwedische Reeder anheuern müssen – ihre schnittigen Langboote, noch aus der Wikingerzeit, müssen gegen den Wind gerudert werden, die Kogge aber kann dank neuartiger Takelage bereits kreuzen. Der Unterschied ist so gewaltig wie später zwischen Dampfer und Segelschiff.

Der erste Lkw. Aber auch zu Lande helfen neue Erfindungen. Die Konstruktion der Wagenräder wird so verbessert, dass die Fuhrwerke zwei Tonnen tragen können – mehr als doppelt so viel Gewicht transportieren wie zuvor. Gleichzeitig wird ein neues Gespann für die Pferde erfunden. Dadurch reicht trotz größerer Frachtmenge die gleiche Zahl von Zugtieren und Begleitpersonal aus – ein technischer Fortschritt, vergleichbar nur mit der Erfindung des Lastkraftwagens mit Verbrennungsmotor. Für damalige Zeit sensationell.

Piratenkrieg. Der Aufschwung spült Millionen Goldstücke in die Kassen. Kaiser und Könige holen sich bei der Hanse Kredit. Gegen die Willkür der Monarchen schützen Söldner – wie auch gegen die anderen großen Feinde der Hanse, die Seeräuber. Der berüchtigste von ihnen: Klaus Störtebeker aus Wismar, der die Schiffe der „Pfeffersäcke“ plündert, von der Beute die Armen beschenkt. Die Angst der Hanse wird so groß, dass einzelne Kaufleute sich zusammentun – zum „Störtebeker-Kartell“. 4000 Söldner werden angeheuert, 84 Schiffe ausgeschickt, um den „Robin Hood der Meere“ zu hetzen. 1401 wird Störtebeker gefangen. Nach der Sage soll er nach seiner Enthauptung noch an sieben seiner Spießgesellen vorbeigelaufen sein. Die sieben wurden begnadigt.

 

Rationalisierung bereits im Mittelalter

Die Kogge revolutioniert im 12. Jahrhundert die Handelsschifffahrt des Mittelalters wie der Container den Seetransport unserer Zeit. Das berühmteste Wrack (aus dem Jahr 1380, wurde 1962 bei Baggerarbeiten im Bremer Handelshafen entdeckt) kann zur Zeit nur im Konservierungsbecken des Schiffahrtsmuseums Bremerhaven besichtigt werden, aber es gibt ein Modell und einen Nachbau: die „Hansekogge“ des „Verein Jugend in Arbeit Kiel e.V.“ (1987 auf Kiel gelegt. Stapellauf 1989). Die typische Kogge ist aus 35 Tonnen Eichenholz gebaut, trägt 25 Tonnen Ballast (Feldsteine) und fasst rund 300 Tonnen Fracht – fünfmal so viel wie die bis dahin üblichen Wikingerschiffe. Sie braucht nur halb so viel Besatzung (je nach Größe fünf bis acht Seeleute) und schafft dank neuer Takelage mit 200 Quadratmetern Segelfläche als erstes Schiff Kursänderungen von fast 180 Grad. Höchstgeschwindigkeit: 9 Knoten (16 km/h). Der bauchige Rumpf wirkt plump, aber das scharf geschnittene Unterwasserschiff hat hervorragende Strömungseigenschaften.

 

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