Der 1. Deutsche

Montag, 25. November 2013

Er war ein Hüne. Er lebte am Rhein, jagte Nashörner, Flusspferde. Er kam aus dem Süden, vor 1 Million Jahren. Er erfand auch das Lachen – und die Welt wurde freundlicher

 

Die neuste Erkenntnis der Forscher: Der erste Deutsche kommt aus Afrika und brachte von dort einen Teil seiner Kultur mit. Und er wanderte schon vor 1 Million Jahren bei uns ein. Er gehört zum Urmenschentyp des Homo erectus (lateinisch: "aufrecht gehender Mensch") und zieht in kleinen Horden durch eine Welt voller Gefahren.

Wie sieht er aus? Er ist größer als wir (mindestens 1,85 m, Durchschnitt heute: 1,80). Seine Augenbrauen sind dichter, Stirn und Nase flacher. Er hat dunkle, dicht behaarte Haut, einen schwarzen Bart und lange Arme wie ein Affe. Seine Frauen sind allerdings höchstens 1,55 m groß.

Wie stark ist er? Er ist durchtrainiert wie ein Zehnkämpfer, hat die Kräfte eines Gewichthebers. 

Ist er klug? Seine Gehirn ist um ein Drittel kleiner (ca. 950 ccm) als unseres. Er lebt nach Instinkten (Töten, Flüchten, Sex), kann aber schon abstrakt denken (z.B. zählen). Werkzeuge (steinerne Faustkeile) und Waffen (Speere) herstellen.

Warum kam er hierher? Prof. Alan Walter von der Pennsylvania State University (USA): "Möglicherweise war es der Jagdtrieb, der ihn bewegte, nach Eurasien vorzudringen." Homo erectus brach vor 2. Mio. Jahren in Südafrika auf, der Wiege der Menschheit. 

Kam er allein? Der Homo erectus ist ein äußerst seltenes Lebewesen: Vor 1 Mio. Jahren gibt es auf der ganzen Welt nur 500000 Menschen. In Deutschland leben ca. 5000 Menschen, die meisten in Rheinland-Pfalz, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg. Alle gehen nackt. 

Wie sieht es damals bei uns aus? Wie heute in Ostafrika: endlose Savannen mit meterhohem Gras unter sengender Sonne. (Fellkleidung braucht er daher erst vor 100 000 Jahren - bei der ersten Eiszeit. In den Laubwäldern der Mittelgebirge weiden Elefanten, im warmen Rhein baden Flusspferde. Die Vulkane der Eifel rauchen, spucken Lava.

Wie wohnte er? Unter dichtbelaubten Bäumen, überhängenden Felsen oder in Höhlen, vor die er nachts zum Schutz große Steinbrocken rollt. Er schläft auf Graspolstern.

Was macht ihn erfolgreich? Vor 1. Mio. Jahren entwickelt er die wichtigste Technologie aller Zeiten: Er lernt, das Feuer z.B. vom Blitzschlag getroffener Bäume zu nutzen und zu transportieren. Gerhard Bosinski vom Museum für die Archäologie des Eiszeitalters in Neuwied: "Das Feuer bot Schutz vor Raubkatzen" – damals die eigentlichen Herrscher der Welt.

Wovor hat er Angst? In Deutschland leben damals wahre Monster: 3,6 m lange Riesenlöwen, Säbelzahnkatzen mit 30 cm langem Dolchgebiss, dazu Jaguare, Bären, Wölfe und Hyänen. Am gefährlichsten ist der Leopard, der nachts in die Höhlen der Schlafenden schleicht. Außerdem fürchtet sich Homo erectus vor Blitz und Donner, Vulkanausbrüchen, Alpträumen und bösen Geistern.

Wie spricht er? Wegen seines größeren Unterkiefers und der längeren Eck- und Schneidezähne kann Homo erectus noch nicht so gut artikulieren. Konsonanten wie H, L, R, S oder Z und Vokale wie A, E und U sind ihm fremd. Deshalb beschränkt sich sein Wortschatz auf 50 bis 100 kurze Ausrufe.

Kann er lachen? Er lernt es gerade. Bei seinen Vorfahren, den Affen, galt das entblößte Gebiss noch als Drohung, Homo erectus wandelt das Aggressions-Signal zum Zeichen friedlicher Begrüßung um.

Wie groß ist seine Familie? Der Homo erectus zieht wie unsere tierischen Vettern, die Schimpansen, in Horden von 20 bis 30 umher. Davon sind etwa die Hälfte erwachsene Männer sowie jeweils ein Viertel Frauen und Kinder. Die irische Anthropologin Real Tannahill: "Möglicherweise war es notwendig, dass jede Frau vier Kinder großzog, nur um ein Nullwachstum aufrechtzuerhalten." Es gibt zahllose Krankheiten, zum Beispiel Arthritis, Parodontose, Krebs. Zwei von zehn Kindern sterben schon als Baby.

Was hielt er von Sex? Praktisch kann sich jeder mit jedem paaren. Die Entscheidung liegt bei den Frauen. Anders als die Tiere hat der Homo erectus das ganze Jahr über Lust. Aber dass Sex schwanger macht, weiß er noch lange nicht (das findet der Mensch erst vor 10 000 Jahren heraus). Eifersucht, Sex von vorn und Tabus wie Inzest gab es noch nicht. 

Was isst er? Vor allem Fleisch. Die Männer jagen wilde Pferde, Rinder und Schweine, seltener Hirsche und Rehe, greifen Elefanten an, fangen Nashörner in Fallen, nehmen Aas mit. Die Frauen sammelen Pilze, Beeren, Vogeleier, Wurzeln wie Möhre oder Kohlrabi, Kräuter, Honig, Schlangen, Würmer oder Maden. Alles, auch das Fleisch, wird roh gegessen. Durch die energiereiche tierische Nahrung wird das Gehirn allmählich immer größer – die Urzeit-Steaks machten uns zum Denker!

Was wurde aus ihm? Vor 200 000 Jahren wird er von den beiden modernsten Menschen-Modellen überholt: erst vom Neandertaler, der vor 20 000 Jahren aber ausstirbt, und dann vom Cro-Magnon-Mensch, von dem alle heutigen Menschen abstammen.

 

Wie der Mensch nach Deutschland kam

Die Geschichte der Menschheit begann in Afrika, vor rund 3,5 Millionen Jahren. Schon damals besaß der Mensch Entdeckerdrang. Er trieb ihn nach Europa (z.B. Spanien vor 1,6 Mio. Jahren erreicht). In Deutschland hinterließ er die meisten Spuren an den wildreichen Ufern von Rhein, Mosel und Neckar oder geschützten Felsen (z.B. Miesenheim/Rheinland-Pfalz): Steinwerkzeuge mit scharfen Kanten zum Schneiden, Tierknochen mit Schlag- und Schnittspuren. Am interessantesten ist ein 630 000 Jahre alter Unterkiefer von Homo erectus, gefunden in einer Sandgrube des Dorfes Mauer (bei Heidelberg).

 

Wie aus einem Knochen ein Gesicht wird

Wenige Knochenreste des Urmenschen genügen heute, um sein wirklichkeitsgetreues Porträt zu schaffen. Besonders wichtig dabei: die Lasertechnik. Sie misst winzige Unterschiede und macht so kleinste Schritte der menschlichen Evolution sichtbar. Anthropologen der Universität Zürich verwenden in ihrer Grafik-Station die Technik die Steven Spielberg beim Dinosaurier-Film "Jurassic-Park" nutzte. Das Computerbild kann mit 3-D-Brillen (ermöglichen räumliches Sehen) betrachtet und verändert werden. Aus Vorsprüngen und Vertiefungen auf dem Schädelknochen (mit bloßem Auge kaum erkennbar) ergeben sich Rückschlüsse auf Gesichtsmuskulatur, Gesichtszüge und sogar auf die Breite von Lippen und Nasenlöchern. Dann wird das Computermodell in 600 Schichten unterteilt. Ein Lasergerät überträgt jede einzelne Schicht auf eine in Flüssiges Kunstharz getauchte Form. 20 Stunden braucht das Harz zum Aushärten – und das Porträt eines Menschen ist fertig, der vor einer Million Jahren gelebt hat. 

 

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