König Chlodwig - Der Mörder, der Europa einte

Sonntag, 1. Dezember 2013

Neue Erkenntnisse aus dem frühen Mittelalter. Wir hatten eine gemeinsame Währung, und Köln war größer als Paris

 

Der Mann regiert seit 14 Jahren. Er ist seinem großen politischen Ziel, dem vereinten Europa, ein ganzes Stück näher gekommen. Name: Helmut Kohl. Ein anderer Mann blieb 30 Jahre an der Macht. Er schuf die Grundlagen des christlichen Abendlandes und einte Europa, lange vor dem Bundeskanzler. Name: Chlodwig (456-511).

Comeback des Königs. Am 22. September 1996 feierte Papst Paul II. mit einem Festakt in Reims das Andenken Chlodwigs. Und zwar über jenem uralten Steinbecken, den dem der Franke vor 1500 Jahren getauft worden war. Gerade rechtzeitig war es dank Hightech unter dem Schutt der Jahrhunderte aufgespürt worden (siehe Kasten). Wer war Chlodwig?

Die Horror-Familie. Als sich König Chlodwig taufen lässt, handelt er nicht aus Gottesliebe – ihn lenkt kühles politisches Kalkül. Der Täufling ist kein frommer Mann, sondern ein Mörder, der fast seine gesamte männliche Verwandtschaft ausrottet. Ein Monster, das zum Ahnherrn einer wahren Horror-Familie wird: der blutrünstigen Merowinger.

Ein Reich aus Blut. Chlodwig ist der Sohn des heidnischen Kleinfürsten Childerich in Tournai (heute Belgien). Mit 15 beerbt er seinen Vater, mit 16 heiratet er die katholische Burgunderprinzessin Clothilde, was ihn nicht abhält, auch Kirchen zu plündern. Er mordet und raubt sich ein Reich zusammen, das von der Weser bis zu den Pyrenäen reicht. Besiegte Gegner lässt er grundsätzlich umbringen, unterworfene Verwandte tötet er persönlich. Seine gefangenen Vetter z. B. erschlägt er mit seiner Streitaxt.

Der erste Europäer. Chlodwig weiß auch zu regieren: Er erlässt eine neue Rechtsordnung und fördert die Verschmelzung der fränkischen Sieger mit den romanischen Besiegten. Aus dem Mix zwischen kampftüchtigen Heiden und kultivierten Christen entsteht die französische Nation. Er macht Paris zum ersten Mal zur Hauptstadt. Wie wir heute wissen, zählt die Stadt damals kaum 5000 Einwohner, das ebenfalls von Franken beherrschte Köln ist fast doppelt so groß.

Die Währungsunion. Chlodwig sorgt für einheitliches Geld. Zahlungsmittel in seinem Reich werden Münzen, die aus den alten römischen Prägestätten Trier, Lyon und Arles stammen. Sie werden von jedem Kaufmann zwischen der Weser und den Pyrenäen entgegengenommen - 1500 Jahre vor dem Euro. Es gibt Münzen aus Gold (nach heutigen Maßstäben ca. 100 bis 1000 Mark), Silber (1-10 Mark), Blei (10-50 Pfennig).

Politische Kunst. Chlodwigs größte Leistung ist, dass er sein zusammengeraubtes Reich über seinen Tod hinaus sichert. Er erreicht dieses Ziel nur. weil er die mächtigste Religion seiner Zeit, das Christentum, zur Staatsreligion macht: Am 22. September 496 lässt er sich mit seinen 3000 besten Kriegern taufen. Das Salböl bringt nach der Legende ein Engel vom Himmel.

Die Bruderkriege. Die Allianz zwischen Krone und Kirche trägt reiche Flüchte. Die größten Gefahren für das junge Reich kommen von innen: Nach Chlodwigs Tod mit nur 45 Jahren teilen sich vier Söhne die Nachfolge; ihre Erben ringen drei Jahrhunderte lang mit Schwert und Gift um die Macht - die Greueltaten der Merowinger sind legendär. Auch die Frauen mischen mit. Königin Brunichilde wird nach einer ganzen Serie von Morden gevierteilt. Trotzdem wird das Reich der Merowinger die politische und kulturelle Keimzelle, aus der schließlich im 8. Jh. unter Karl dem Großen das frühe Europa wächst.

 

Der Schatz der Merowinger

Die merowingischen Könige nahmen die Reichtümer, die sie in halb Europa zusammengeraubt hatten, mit ins Grab: vor allem Schmuck (schwere goldene Arm- und Fingerringe, kostbare Halsketten), Kleidungsstücke (golddurchwirkte Mäntel, Broschen mit Edelsteinen}, Waffen und Bares. Schon beim Chlodwig-Vater Childerich, der nur ein wenig bedeutender fränkischer Kleinkonig war, fanden sich neben zahlreichen Pretiosen auch Hunderte römische Gold- und Silbermünzen. Das Grab Chlodwigs selbst wurde wohl schon zur Zeit der Normanneneinfälle im 9. Jahrhundert geplündert: Als es 1000 Jahre später auf Wunsch Napoleons gesucht und in Paris wieder gefunden wurde, war es leer.

 

Computer finden den Taufstein Europas

Schon in den 20er Jahren suchten Archäologen in Reims nach Chlodwigs Taufstein. Doch erst moderne Technik brachte Erfolg. Der französische Forscher Walter Berry, der seit 1992 für Kultusministerium und Stadtverwaltung in der Kathedrale gräbt, entdeckte mit Computerhilfe zwei Meter unter dem heutigen Kirchenboden die Taufzelle: das sogenannte "Baptisterium", mit einem Taufbecken, einem Bleirohr als Wasserleitung und einem Abflusskanal. Die dort gefundenen Glas- und Keramikteilchen konnten zweifelsfrei in die Zeit Chlodwigs datiert werden. 

 

 

 

 

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