Blutige Tränen im Paradies

Dienstag, 3. Dezember 2013

Wo die Geschichte der Menschheit begann, regierte bis vor wenigen Jahren Teufel Saddam. Neueste Erkenntnisse über das Grundstück von Adam und Eva

 Am Persischen Golf bombardierte Saddam Husseins Luftwaffe aufständische Schiiten. In Bagdad brachte seine Geheimpolizei Regimegegner um. Im Gebirge schoss seine Artillerie auf Kurden. Hass und Mord zerstörten ein ein Land, das einst das Paradies war: Im Irak, dem früheren Mesopotamien, schuf Gott den Garten Eden. Im Mündungsgebiet von Euphrat und Tigris schuf er Adam und Eva. Dort erschlug Kain seinen Bruder Abel. So kam Hass und Mord in die Welt. Was ist legende, was ist Wahrheit?

Der liebe Gott, wer war er? Für die primitiven Ureinwohner am Persischen Golf war es der prächtige Priesterkönig der Sumerer. Per Schiff kamen sie aus Indien, schufen die erste Hochkultur.

Das Paradies, eine Realität? Ja, vor 6000 Jahren. Das errechneten mittelalterliche Mönche nach der Bibel, und es stimmt überein mit neuester Forschung der Archäologen: Das war die Zeit der sumerischen Hochkultur! Damals war das Land an Euphrat und Tigris so fruchtbar, dass die Menschen ernten konnten, ohne zu säen. Denn diese Ströme brachten mit dem Wasser Humus und Saatgut mit. Getreide, Gemüse und Obst wuchsen deshalb das ganze Jahr über von selbst. Außerdem hielten Gebirge im Norden und die Wüste im Süden Räuber von Adam und Eva fern. Damals reichte das Meer noch tiefer in den Irak, Schwemmland füllte den Trichter langsam auf.

Adam und Eva, wie sahen sie aus? Sie waren Steinzeit-Menschen, kannten weder Ackerbau noch Viehzucht, Hütten oder Kleider. Sie waren ca. 1,60 Meter groß, hatten schwarzes, krauses Haar, braune Augen und helle Haut.

Wie erschuf Gott die Welt? Für die Züricher Forscherin Eva Maria Borer ist der Schöpfungsbericht eine verschlüsselte Chronik der Urbarmachung des Landes: Der Satz “Die Erde war wüst und leer“ beschreibt die zwar fruchtbare, aber unkultivierte Einöde. In dem Vers „Gottes Geist schwebte über dem Wasser“ ist Geist als „Wind“ zu verstehen – der Hauptgott der Sumerer hieß Enlil, zu deutsch „Herr Windeshauch“. Schließlich der Satz: „Das Wasser sammle sich an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde“. Er weist auf Dammbau hin.

Wie kamen damals Adam und Eva zu ihren Namen? Nach dem ältesten schriftlichen Bibeltext (2800 Jahre alt) hauchte Gott seinen eigenen Atem einer Figur aus fruchtbarer Ackererde („adama“) ein – und Adam war lebendig. Eva bedeutet „die Mutter alles Lebendigen.“

Wo pflückte Eva den Apfel vom verbotenen Baum? Im Tempelgarten der dunkelhäutigen Sumerer. Es war freilich kein Apfel. Die Bibel schreibt auch nur von einer „Frucht“ – für Apfelbäume war es in Mesopotamien zu heiß.

Wer war die Schlange, die Eva zum Mundraub verführte? Ein Mensch: ein aufsässiger Priester namens Samael, der vom sumerischen König abgefallen war und Mitstreiter suchte. Als Eva die Frucht verzehrt hatte, geriet der Glaube der Menschen an den vergötterten Priesterkönig der Sumerer ins Wanken.

Was ist dran, dass Adam und Eva Kleider aus Blättern trugen? Es stimmt. Die Ureinwohner nahmen allmählich die Gebräuche der kulturell überlegenen Einwanderer an, die geschickte Handwerker und Krieger waren. Das typische Kleidungsstück der Sumerer war der aus Schafwolle gewebte Netzrock, der optisch einem Blätterkleid ähnelt.

Wo lag der „Garten Eden“? Heute wird „Eden“ meist als Synonym für „Paradies“ genutzt, aber ursprünglich waren es zwei verschiedene Orte: Das Paradies in der Flussmündung von Euphrat und Tigris war schon tausend Jahre alt, als der sumerische Priesterkönig nordwestlich davon Be- und Entwässerungskanäle bauen ließ – aus der Wildnis wurde blühendes Kulturland. Sumerisch für Steppen: „Edena“ – Eden.

Wann kamen die Araber ins Paradies, lösten die Sumerer ab? Der Irak wurde 635 im „heiligen krieg“ („Dschihad“) von muslimischen Arabern erobert. 762 gründeten sie Bagdad („Stadt des Friedens“) als Sitz der Kalifen (Nachfolger des Propheten Mohammed). Sie pflegten die paradies-legende weiter: Biblische Gestalten wie Adam, Noah oder Abraham sind auch den Arabern heilig, Jesus ist einer ihrer sieben Propheten.

Warum erschlug Kain seinen Bruder Abel? Nach der Vertreibung aus dem Paradies mussten die Menschen arbeiten. Anfangs gab es nur zwei Berufe: Kain war Bauer, Abel Hirte. Zu den ersten kriegen der Menschheit kam es , wenn die hungrigen Tiere der Nomaden auf den Feldern der Bauern fraßen oder die Bauern die Herden nicht an ihren Bewässerungskanälen trinken ließen.

Warum verschwand das Paradies? Als sich Menschen immer stärker vermehrten, endete das goldene Zeitalter der individuellen Freiheit – plötzlich gab es Herren und Sklaven. Vor 4000 Jahren entstanden die ersten Großreiche – und die ersten Umweltschäden: durch übertriebene Bewässerung versalzten die Böden und wurden unfruchtbar. Trotzdem blieb der Irak das reichste Land der Welt, bis im 13. Jahrhundert die Mongolen einfielen und alle Bewässerungsanlagen im Garten Eden zerstörten. Seitdem erstreckt sich dort eine Wüste. Das einstige Paradies dagegen hat heute zu viel Wasser, ist ein Sumpf, halb so groß wie Hessen. Statt Adam und Eva leben dort 100 000 sogenannte „Wasseraraber“ zwischen den Resten von Krieg und Zerstörung: Flugzeugwracks, ausgebrannte Panzer, Trümmer von Raketen.

 

War Evas Erschaffung eine Eifersuchtsszene, die „Rippe“ ein Dolch?

Die Sumerer hielten Alltag und Großereignisse im Bild fest, sie unterschrieben auch mit Bildern. Den Füllhalter ersetzten Rollsiegel: kleine, mit stempelartigen Bildern versehene Walzen aus Ton. Abgerollt entstand unter Urkunden eine Bildfolge wie im Film. Prof. Hans Nissen leitet an der FU Berlin ein Zentrum der internationalen Rollsiegelforschung. Neueste These: Die Bibel-Story von der Erschaffung Evas aus einer Rippe geht wahrscheinlich auf einen Irrtum zurück. Denn ein häufiges Rollsiegel-Motiv zeigt einen Gott, der im Kampf um eine Frau einem Nebenbuhler das Messer in die Brust sticht. Rollt man es verkehrt herum ab, läuft die Geschichte rückwärts – dann sieht es aus, als hole der Gott aus der Männerbrust einen länglichen Gegenstand (Adams Rippe). Das heißt: ein jüdischer Bibel-Autor könnte sich so haben täuschen lassen ...

 

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