Baustelle Babylon

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Die sagenhafte Metropole aus dem Alten Testament war das erste New York der Menschheit. Heute wissen die Forscher: Wolkenkratzer, Kaufhäuser, Imbiss-Stuben, Single-Treffs, Huren und Banken – alles gab es hier zum ersten Mal. Hier baute auch Herr Noah seine Arche. Und draußen auf dem Land steht noch heute ein Baum, von dem eine gewisse Eva einen Apfel pflückte

 

Mitten in der Wüste türmen zehntausend halbnackte Männer aus aller Herren Länder unter der glühenden Sonne riesige Mauern auf. Ununterbrochen wandern gelbe Ziegel aus Öfen, die Tag und Nacht brennen, in langen Menschenketten von Hand zu Hand. Vielsprachiger Singsang gibt den Rhythmus der Arbeit vor.  Ängstlich wachen Baumeister darüber, dass alle Befehle ihres grausamen Gebieters buchstabengetreu ausgeführt werden. Z. B. müssen alle zwei Meter speziell beschriftete Ziegel eingesetzt werden, auf denen zum Ruhm des Herrschers stehen soll: "Wiedererrichtet in der Epoche des großen Führers Saddam Hussein."

Richtig gelesen: Pläne, Stil und Material beim Wiederaufbau der antiken Weltmetropole Babylon stammen zwar aus der Zeit des biblischen Königs Nebukadnezar II. Die Idee, die Macht und das Geld dazu aber hatte ein moderner Diktator: der Präsident des Irak, der sein Volk nicht weniger brutal versklavte als die schlimmsten altorientalischen Potentaten.  Türme, Tempel, Paläste, Theater, Kanäle und heilige Straßen, vor allem aber die berühmte Mauer mit den hängenden Gärten der Semiramis sollten im alten Glanz wiedererstehen. Ein Vorhaben, dessen Vermessenheit an die der biblischen Babylonier erinnert: "Wohlauf, lasst uns Stadt und Turm bauen, des Spitze an die Erde reiche, dass wir uns einen Namen machen."

Mindestens 100 Mio. Dollar investierte Saddam Hussein in die gigantische Baustelle 80 km südlich seiner Hauptstadt Bagdad und ein Heer von Fremdarbeitern aus Ägypten, dem Sudan, Pakistan und Indonesien. Das Mega-Bauprojekt sollte eine vergangene Zeit wieder lebendig werden lassen…

600 v. Chr.: Mit 500 000 Einwohnern ist Babylon die größte Stadt der Welt. Die imposante Skyline am Euphrat krönt der 91 m hohe Turm des Hauptgottes Marduk, höchster Wolkenkratzer Asiens. Das New York der Antike ist eine Stadt der Superlative: 1400 Tempel (in einem sitzt ein Gott aus 420 Zentnern Gold) – mehr als Rom Kirchen hat.  24 Avenuen. Durch Manhatten führen nur elf. 95 km Stadtmauer. Europas längste, in Istanbul, misst 25 km. Der Ziegelwall ist 15 m hoch, 20 m dick. 250 Türme, 100 Tore – das wichtigste nach der Liebesgöttin Ischtar benannt. Die pflaumenblaue Glasur der Ziegel und die 575 Goldfiguren leuchten kilometerweit. 

Über die Mauerkrone ragen die Wipfel der Bäume, die in den Parks auf Terrassen an der Innenseite wachsen. Im Schatten der berühmten Hängenden Gärten wandern Spaziergänger wie durch Bergwälder. 10 000 Adlige, Priester, Kaufleute und hohe Beamte leben im Luxus. Wasserleitungen versorgen Küche, Bad und WC, Imbissbuden verkauften Fast-Food, es gibt Single-Treffs, eine Börse. Frauen bummeln durch Boutiquen, Männer tragen ihr Geld in Spielkasinos und Freudenhäuser.

Auch den einfachen Leuten geht es in Babylon besser als irgendwo sonst auf der Welt. Vieles wirkt verblüffend modern: Als der Töpfer Rimum die Sattlerstochter Baschtum heiratet, unterschreibt er einen Ehevertrag. Falls er sich von ihr scheiden lässt, muss er ihr  eine  Abfindung (ca. 30 000 Mark) zahlen. Baschtum  geht nicht als Jungfrau in die Ehe. Nach altem Brauch gibt sie sich vor der Hochzeit im Tempel zu Ehren der Liebesgöttin einem Fremden hin. Das Geld, das sie durch diese fromme Prostitution verdient, wandert in die Taschen der Priester, die dafür göttlichen Segen für Baschtums Ehe erflehen.  Rimum ist nicht eifersüchtig: Hätte Baschtum sich verweigert, das Gesetz zu erfüllen, hätte er sich von ihr abgewandt – ohne Ischtars Segen würde seine Frau keine Kinder bekommen.

Das junge Ehepaar lebt in einem Stadtviertel namens "Himmelsland". Ihr Lehmziegelhaus hat keine Fenster, aber einen offenen Innenhof, in dem die Familie ungestört ist. Die Luftkühlung funktioniert perfekt, aber im Winter muss geheizt werden, oft hängen Eiszapfen von den Dächern. Alle Möbel sind aus geflochtenem Rohr, denn Holz ist teuer. Es gibt Tische, Stühle, Teppiche, Öllampen, eine Badewanne und sogar einen Kühlschrank: ein Tonkrug, in dem Lebensmittel lange frisch bleiben.

Die Familie ernährt sich überwiegend vegetarisch: Brot, Bohnen, Erbsen, Graupen, Mehlbrei, Zwiebeln, Knoblauch kommen jeden Tag auf den Tisch, meistens auch Gurken, Käse, Kuchen. Honig und Datteln ersetzen Zucker. Fleisch oder Fisch gibt's nur an den Festtagen. Die Kinder knabbern das Popcorn der Antike - geröstete Heuschrecken. In porösen Tonkrügen bleibt das Wasser trotz der Hitze kühl. Es wird mit eingedicktem Obstsaft zu Limo vermischt. Das Bier (60 Sorten) wird durch Strohhalme gesogen, die Kneipen der Stadt sind meistens voll.

Bei der Arbeit im Schatten des Innenhofs trägt Rimum nur einen Schurz. Wenn er in die Stadt geht, zieht er Hemd und Wickelrock an. Baschtum bevorzugt Schalkleider, ihr Schmuck aus Armreifen, Ringen und Ketten zeigt, dass sie sich was leisten kann.

Es gibt auch Schattenseiten: Viele arme Babylonier arbeiten für  Großgrund- oder Fabrikbesitzer. Wenn sie ihre Kredite nicht abzahlen(Wucherzinsen bis 33 %), kommt der Gerichtsvollzieher. Manchmal müssen sie sich oder ihre Kinder als Sklaven verkaufen. Trotzdem ist der Reichtum Babylons in der ganzen Welt berühmt. Nur die Freizügigkeit seiner Oberschicht wird von Nachbarvölkern als Lasterhaftigkeit gebrandmarkt, der Stadt der Untergang vorausgesagt. „Wüstentiere werden sich dort lagern", droht der Prophet Jesaja, „und ihre Häuser voll Eulen sein."

So ist es gekommen: 300 Jahre nach Nebukadnezar II. verfiel Babylon zur Ruine. Glanz und Reichtum der ersten Weltstadt der Geschichte aber bleiben bis heute unvergessen.

 

Forschung, der neueste Stand: Sie hatten sogar elektrischen Strom

Bis vor kurzem war die moderne Archäologie überzeugt, dass die Bauleute des Turms von Babel das Material (ca. 400 000 t Ziegel) auf Rampen zu den oberen Stockwerken schaffen ließen. Neueste Forschungen zeigen jedoch, dass sie den Turm wahrscheinlich wie ein großes Gewinde konstruierten, über dessen runde Ränder der Nachschub nach oben kam. Eine noch größere Überraschung ist nach Ansicht einiger Wissenschaftler, dass die Babylonier elektrischen Strom kannten. Sie benutzten ihn zum Galvanisieren. vielleicht bauten sie sogar die 1.Batterie. Sicher ist: Kein anderes Volk hat mehr für den Fortschritt der Menschheit getan. Die Babylonier erfanden nicht nur das Rad, die Schrift und die Zahl, sie kannten auch schon die Null und rechneten mit 15stelligen Ziffern (Billionen). In Europa blieben bis zum Mittelalter 5stellige Rechen-Einheiten das Maximum. Feinmechaniker schliffen die ersten Linsen für Lupen. Anders lässt sich die Entstehung vor kurzem gefundener Täfelchen mit mikroskopisch kleiner Keilschrift nicht erklären. Maschinenbauer konstruierten einen Saatpflug als Vorläufer der modernen Drillmaschine. Er drückte Getreidekörner so gleichmäßig in die Furchen, dass die Bauern 200mal so viel ernteten, wie sie säten. Die Babylonier gründeten die ersten Banken, führten den bargeldlosen Zahlungsverkehr ein und spekulierten bei Warentermingeschäften. Es gab Mietwucher und Kredithaie, aber auch Umweltschützer und die ersten Öko-Bauern: Sie lehnten Düngemittel ab und machten versalzene Böden wieder fruchtbar. Weitere Überraschungen stehen bevor: Von 100 000 Tontafel-Büchern der Bibliothek von Babylon sind erst 30 000 ausgewertet. 

 

Turmbau zu Babel: Sogar Gott Vater staunte

Nach der Sage ließ König Nimrod den Turm zu Babel bauen. Sogar Gott staunte über den ersten Wolkenkratzer: "Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten" (Bibelzitat). Um zu verhindern, dass Sterbliche bis zum Himmel drangen, beschloss der Schöpfer die Sprachverwirrung. Da sich die Bauleute danach nicht mehr verständigen konnten, scheiterte das Projekt und wurde zum Symbol für menschlichen Übermut. Bibelforscher lokalisierten den Garten Eden (5500 v. Chr.) auf dem Gebiet Babyloniens, wo 500 Jahre später auch die Sintflut stattfand (Arche Noah).

 

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