Elefanten: Oma ist der Boss

Montag, 11. November 2013

Beim größten Tier auf Gottes Erdboden geht es emanzipiert zu: Frauen sorgen für Futter, Frieden und freundliche Atmosphäre – aggressive Männer fliegen raus

 

Jeden Morgen führt Slit Ear ihre Familie bei Sonnenaufgang zwischen Lavabrocken und kleinen, dornigen Balanites-Bäumen zum Frühstück in einen kleinen Sumpf mit besonders saftigen Pflanzen. Dabei folgt sie einem tief in den harten Boden getrampelten, uralten Elefantenpfad. Auf ihm gingen ihre Vorfahren schon vor über 500 Jahren, noch ehe Kolumbus Amerika entdeckte und Luther seine Thesen an die Wittenherger Schlosskirche schlug.

Slit Ear ist 59 Jahre alt und Großmutter einer elfköpfigen Familie. Sie hat fünf Töchter, einen kleinen Sohn und vier Enkelkinder. Den Namen gab ihr die amerikanische Biologin Cynthia Moss, die seit über zwanzig Jahren im kenianischen Amboseli-Wiltschutzgebiet an den nördlichen Ausläufern des Kilimandscharo das Leben der grauen Riesen studiert und dabei verblüffende Parallelen zum menschlichen Sozialverhalten fand.

Slit Ear heißt "Schlitzohr"; der Name erschien der Forscherin aus zwei Gründen passend: Am rechten Ohr der großen Elefantenkuh klafft ein tiefer Riss, vermutlich durch den Speer eines Massai verursacht; außerdem ist Slit Ear aber auch besonders gewieft.

Von ihrer Schläue hängt das Wohl der ganzen Herde ab. Denn bei der Elefanten-Family ist Oma der Boss. Männer tauchen nur auf, wenn sie Vater werden wollen - den Rest des Jahres treiben sie sich, einzeln oder in Junggesellen Herrenclubs, fernab von Frauen und Kindern im Busch herum.

Lust und Last der Elternschaft bleiben ganz den Müttern vorbehalten: Sie tragen ihre Kinder 23 Monate lang aus, gebären sie in Sekunden, bringen sie nach wenigen Minuten auf die Beine, stillen sie fünf Jahre lang und lassen sie bis zur Pubertät nie mehr als zehn Meter weit von sich weg –  die afrikanische Savanne birgt auch für Elefanten viele tödliche Gefahren.

Klein-Jumbo kann zwar schon nach einer halben Stunde laufen, ist aber sonst so hilflos wie ein Menschen-Baby: halb blind, mit nackter, ganz dünner Haut, nur ein rotes Haarbüschel auf dem Kopf, nuckelt er am Rüssel wie an einem Daumen - erst nach vier Monaten hat er gelernt, sich mit dem kleinen Nasenschlauch Wasser in den Mund zu spritzen. Mutter Elefant sorgt für häufigen Hautkontakt und stößt ständig ein sanftes, tiefes, beruhigendes Summen aus: eine Art Koseworte in der Elefanten-Sprache. Erwachsene Dickhäuter unterhalten sich über große Entfernungen. Ihre mindestens 25 verschiedenen Signale sind noch drei Kilometer weiter zu hören. Schrilles Trompeten heißt: „Wo bist du?" Langes, weiches Brüllen: „Wir ziehen los!" Tiefes sehnsüchtiges Seufzen: „Ich bin auf Partnersuche."

Großmutter hat noch mehr Aufgaben als die Mutter: Da Elefanten ihr Leben lang immer weiter wachsen, ist sie die Größte und Stärkste in der Herde. Und weil sie nie aufhören zu lernen, ist Oma auch die Klügste Sie kann nicht nur jederzeit ein Rudel Löwen verjagen, sie weiß auch immer ganz genau, wo das Gras am grünsten, das Wasser am frischesten und der Schlafplatz am sichersten ist. Sie findet in der Dürrezeit die allerbeste Quelle. Und sie erkennt Jäger und Wilderer. Deshalb geht Oma stets voran.

Ihre größte Tochter übernimmt die Nachhut. Dazwischen wandern die anderen Mütter, die Kinder immer schön dicht bei sich - das gibt Schutz und Schatten. Mit zwölf Jahren sind die Töchter erwachsen und können selbst Babys bekommen. Die Söhne müssen spätestens mit 15 aus dem Haus, sonst wird es gefährlich, wenn Papa zu Besuch kommt und sie als Konkurrenz betrachtet.

Denn Elefantenbullen sind die Rocker der Tierwelt - wehe, wenn ihnen etwas in die Quere kommt, und schon gar bei einem Flirt! Dann gehen die sechs Tonnen schweren Riesen wild trompetend aufeinander los. Manchmal dauern ihre Kampfe acht Stunden. Nur der Sieger darf zu den Frauen. Ein Elefanten-Penis ist 1,20 Meter lang, aber der Sex ist nach 45 Sekunden vorbei. Danach bleibt das Paar noch vier Tage zusammen - er will, dass seiner Auserwählten kein anderer zu nahe tritt, und sie will jetzt ganz einfach erst mal ihre Ruhe haben.

Oma kann Kinder kriegen, bis sie 55 ist. Da sie am besten weiß wie ein guter Erzeuger auszusehen und sich zu benehmen hat, sorgt sie dafür, dass ihr Partner später auch der Partner ihrer Töchter wird. Darum haben die jüngeren Tiere einer Herde fast immer denselben Vater.

In der Paarungszeit herrscht immer viel Stress, die männlichen Familienmitglieder sind gereizt, die weiblichen genervt. Sind die Bullen wieder im Busch verschwunden, bleibt die Familie erleichtert zurück; dann sind wieder dicke, glückliche Elefantenfrauen unter sich.

Elefanten werden 65 Jahre alt; dann wachsen ihre vier großen Backenzahne nicht mehr nach, und sie müssen sterben. Slit Ear wird noch einige Jahre erleben. Sie hat dann ihre Familie zwei Jahrzehnte lang durchs Leben geführt, sich schützend vor ihre Kinder gestellt, wenn Wilderer Speere warfen, in Dürrezeiten Gras für die Entkräfteten gerupft, ihren Töchtern bei der Geburt der Enkelkinder beigestanden und jede Nacht über den Schlaf ihrer Lieben gewacht.

Die halten dann bei ihr Totenwache, bedecken ihren Leichnam mit Zweigen und Palmwedeln - und vergessen ihre Mutter nie: Als eine Elefantenkuh genau neben jenem uralten Pfad durch den Amboseli gestorben war, hielt ihre Tochter noch viele Jahre lang jedes Mal, wenn sie an den aus gebleichten Gebeinen vorbeikam, an und streichelte mit dem Rüssel zärtlich den Schädel - wie bei einem stillen Gebet.

 

Was Menschen von den Elefanten lernen können

Respekt: Ältere Elefanten dürfen zuerst auf das grünere Gras.

Gehorsam: Elefantenkinder sind brav und diszipliniert, was in der Wildnis lebensnotwendig ist.

Toleranz: Elefantenherden halten gute Nachbarschaft, Futterneid gibt es nicht.

Lebensfreude: Elefanten lieben Späße, bleiben bis ins hohe Alter unheimlich locker.

Manieren: Elefanten behandeln ihre Frauen höflich, beschützen sie ritterlich.

Selbstdisziplin: Elefanten vermeiden Völlerei und leben stets vernünftig.

Familiensinn: Elefanten, die miteinander verwandt sind, halten ein Leben lang zusammen.

Verantwortungsgefühl: Elefanten kümmern sich um alle Kinder, nicht nur um die eigenen.

Gelassenheit: Wird ein Elefant mal sauer, lassen ihn die anderen in Ruhe, auch wenn er sie mit seiner schlechten Laune nervt – sie wissen, dass er sich so am schnellsten wieder beruhigt.

Höflichkeit: Elefanten grüßen einander, wann immer sie sich begegnen. 

Hilfsbereitschaft: Wenn ein Elefant in Schwierigkeiten gerät, kommen ihm die anderen sofort zu Hilfe. Oft helfen Elefanten auch anderen Tieren, z.B. versprengten Büffeln gegen Löwenrudel. 

 

Der Jumbo von der Isar

Die Stoßzähne des Ur-Elefanten wuchsen wie riesige Dolche nach unten. Beim Münchner U-Bahn-Bau fanden Arbeiter einen solchen zehn Millionen Jahre alten Stoßzahn des Ur-Elefanten Deinotherium (griechisch: „Schreckenstier"). Der Dickhäuter wurde fünf Meter hoch und sieben Tonnen schwer. Mit den Stoßzähnen grub er Wurzeln aus und riss Äste oder auch Baumrinden ab. Ganz Deutschland war damals eine tropische Savanne wie heute die Serengeti.

 

Elefanten-Witz

Warum darf niemand am Montag durch den Urwald laufen? Weil an diesem Tag die Elefanten Fallschirmabsprung üben. Und warum sind Krokodile so flach? Weil sie am Montag durch den Urwald gegangen sind.

 

 

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