Mama Kamel – Ganz schön clever!

Montag, 18. November 2013

Auf der Sonnenseite des Lebens kann es ganz schön hart sein: tagsüber viel heiße Luft (bis 60 Grad), nachts kommt dafür das große Zittern (minus 30 Grad). Manchmal gibt es tagelang nichts zu trinken. Und das Essen ist auch nicht gerade üppig: Ledrige Blätter von Dornbüschen sind schon ein Leckerbissen.

Doch in der lebensfeindlichen Einöde ist eine besonders tüchtige Mutter am Werk: Das Kamel hat seinen Kindern mehr zu bieten als nur den größten Sandkasten der Welt – es erzieht seine Kleinen zu erstklassigen Wüstlingen, die jeder Lage und Plage gewachsen sind.

Wie hart dieser Job ist, macht schon die Hochzeitsnacht klar. Denn wenn ein verliebter Kamel-Kavalier beim Brunftschrei sein Gaumensegel zu einem riesigen Brüllsack aufbläst und sich der Dame seines Herzens mit donnerndem „Blobloblo“ nähert, bedarf es starker Nerven! Zum Glück ist der penetrante Höcker-Romeo mit einer einmaligen „Liebesbezeugung“ von 20 Minuten zufrieden. Und der Braut reicht’s dann auch: Nach 12 bis 14 Monaten Tragzeit verlässt sie mit zwei Schwestern, Tanten oder Freundinnen die Herde und sucht sich einen Schlupfwinkel (Dünental, Oase, Felsschlucht). Die Geburt dauert nur ein paar Minuten, dann ist ein Buckelbaby in den Sand gesetzt. Es wiegt schon einen Zentner, hat wolliges Fell und steht bereits nach einer Viertelstunde auf wackligen Beinen.

Kamele sind für ein Leben auf der Walz gebaut und deshalb von Anfang an gut zu Fuß: Bereits nach zwei bis drei Stunden versuchen sie, die Kurve zu kratzen. Sie wachsen immer als Einzelkinder auf – Zwillinge könnte in dieser harten, gefährlichen Welt selbst die tüchtigste Kamelmutter nicht durchbringen. Obwohl die ganze Verwandtschaft sie kräftig unterstützt: Die Familie besteht gewöhnlich aus einem Hengst, sechs Stuten und drei Jungtieren. Sie alle sind stets unterwegs, immer auf der Suche nach der nächsten Wasserstelle und dem besten Futterplatz.

Das Tempo macht Papa: Er geht voran, weil er der Größte ist. Er kann am weitesten gucken (in der Wüste erweitert jeder Zentimeter Augenhöhe den Gesichtskreis um ein paar hundert Meter), und er kommt auch am ehesten mit Leoparden und Schakalen klar. Nicht einmal vor Schlangen müssen Kamele Angst haben, denn sie sind (niemand weiß warum) gegen giftige Biss immun.

Kamele gehen am liebsten in gemütlichem Fußgängertempo auf Wanderschaft: vier km/h sind völlig okay. Die Unterhaltung läuft per Blökophon: Kamele können bis zu 50 verschiedene Laute erzeugen und unterscheiden. Viele davon klingen in Menschenohren total gleich, aber jede Mama hört ihr Baby sofort und mit absoluter Sicherheit heraus, auch wenn ein ganzer Chor von Kleinkamelen quengelt.

Aber meist weichen Kamel-Kinder ihren Müttern nicht von der Seite – sie wissen ganz genau, dass sie dort immer an der Quelle sind. Kamele geben jeden Tag bis zu 20 Liter Milch, und was für eine: Fettanteil 6,4 Prozent – Kühe schaffen nur 3,5. Sie fließt mindestens ein Jahr und schmeckt so gut, dass sie auch von Menschen gern getrunken wird.

Die durchschnittliche Tagesetappe der Camel-Tours führt über 40 Kilometer. Dann heißt es: Mach mal Pause. Die langen Beine lassen sich nur nach einem komplizierten Schema zusammenfalten: Die Wüstentiere gehen erst vorn in die Knie, dann folgt das Hinterteil. Als letzter knickt Papa ein - er hat bis zuletzt die Stellung gehalten und aufgepasst, dass rundum Ruhe herrscht. Die stellt sich innerhalb der Familie nur langsam ein: Kamel-Knirpse spielen gern, am liebsten Fangen.

Manchmal ist die Durststrecke so lang, dass die Wüstenwanderer bis zu 40 Prozent abnehmen - eine Trockenfutterdiät, die sonst kaum jemand schadlos überstehen würde. Den entscheidenden Vorteil bringt der Reservetank auf dem Rücken: Er speichert bis zu 40 Kilo Fett und Flüssigkeit. An der nächsten Zapfsäule fließen dann bis zu 150 Liter durch die Kehle.

Kamel-Mütter sind kluge Erzieherinnen: Als erstes bringen sie ihren Sprösslingen bei, dass grundsätzlich gefressen wird, was auf den Tisch kommt. Als nächstes lernen die Kleinen Körperpflege: Ungeziefer fliegt in hohem Bogen aus dem Fell, wenn man sich kräftig an der Palme schuppt. Auf diese Weise wird man im Sommer auch die letzten lästigen Reste des dicken Winterfells los. Anschließend kommt der Kamel-Knigge: Die Woll-Wichte dürfen viel, über nicht alles; einfach weglaufen ist z.B. nicht drin, weil viel zu gefährlich. Und alle Kamele sind zwar kinderlieb, beanspruchen aber trotzdem einen gewissen Respekt (vor allem Papa, sein Geblöke ist Gesetz!).

Nach einem halben Jahr sind die wüsten Kinder schon zwei Meter lang und 120 Kilo schwer. Und nach drei Jahren sind sie erwachsen. Dann machen sich die Kamel-Knaben davon - und eine Junggesellenbande auf. Mit fünf oder sechs Jahren gründen sie vielleicht schon ihre eigene Familie. Mädchen bleiben dagegen ein Leben lang bei den Eltern, auch wenn sie längst selbst Mütter sind. 30 bis 40 Jahre lang ziehen sie immer der hohen Nase nach. Das Ende kommt sanft - Kamel-Opas und -Omas entschlafen über Nacht. Dann wird der Sand ihr Grab, ihr Requiem spielt der ewige Wüstenwind.

 

Auf großem Fuß: Schwielensohler denken global

Kamele zählen zu den Schwielensohlern (dicke Gehpolster). Weltweit gibt es 21,5 Mio. Exemplare: Zur Gattung der Großkamele (14 Mio.) gehören die zweihöckrigen Trampeltiere (Asien) und die einhöckrigen Dromedare (auch in Afrika und sogar in Australien - dorthin wurden sie vor 100 Jahren per Schiff gebracht). Zur Gattung der Kleinkamele zählen die Guanakos und die Vikunjas(züsammen7,7 Mio.) in den Gebirgen Südamerikas. Die Haustierart des Guanako wird Lama genannt.

Trampeltier: Das größte Kamel. 3,5m lang, 2,3 m Höckerhöhe, 1000 Kilo

Dromedar: So groß wie das Trampeltier, aber schlanker, langbeiniger und deshalb auch viel schneller (bis 80 km/h).

Guanako: 2,25 m lang, Schulterhöhe 1,25 m, 120 Kilo schwer. Sehr widerstandsfähig gegen Hitze und Kälte

Vikunja: Kleinstes Kamel. 1,75 m lang, 1 m hoch, 50 Kilo. Lebt in bis zu 6000 m Hohe, besonders großes Herz, muss täglich trinken

 

Der Urahn war ein Hasenfuß

Das Ur-Kamel Protylopus (Vorschwielensohler) lebte vor 50 Mio. Jahren in Nordamerika und war so klein wie ein Kaninchen. Seine Nachfahren waren vor 25 Mio. Jahren das rehgroße Gazellenkamel (Stenomylos) und das langhalsige Giraffenkamel (Alticamelus). Der nächste Prototyp, das Vorkamel (Procamelus), wanderte vor zwei Mio. Jahren über die damals trockene Beringstraße von Alaska nach Sibirien aus. Aus ihm entstanden alle Kamele der Alten Welt.

 

Was Menschen von Kamelen lernen können

Friedfertigkeit Kamele werden fast nie aggressiv, noch nicht einmal dann, wenn sie am Ende ihrer Kräfte sind.

Kinderfreundlichkeit Kamele fühlen sich durch Jungtiere kaum je gestört, machen ihnen sogar Platz, damit die Kleinen so richtig Selbstbewusstsein tanken können.

Genügsamkeit Kamele sind nicht wählerisch, fressen alles, was sich beißen lässt.

Umweltbewusstsein Kamele fressen immer nur so viel, wie sie brauchen, schonen ihren Lebensraum.

Sparsamkeit Kamele trinken nur, wenn sie Durst haben oder einen Vorrat mitnehmen wollen. Sie können im Notfall bis zu zehn Monate durchhalten, ohne einen Tropfen Wasser zu trinken!

Gemeinschaftsgefühl Kamel-Familien halten ein Leben lang fest zusammen. Und zumindest zwischen den Stuten gibt es niemals Streit.

 

 

 

 

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