Tiger: Der Dschungel geht auf Fauchstation

Montag, 2. Dezember 2013

Der gefährlichste Ort der Welt ist für kleine Tiger die coolste Kinderstube. Denn wenn Mutter von sich hören lässt, ist Ruhe im Karton

 

Es ist drückend heiß: 50 Grad. Und es ist immer Schatten: Riesige Bäume schlucken jeden Sonnenstrahl. Es ist schwül: Luftfeuchtigkeit 99 Prozent. Und es ist unheimlich: Vor allem nachts kommen von allen Seiten gruselige Geräusche. Wölfe heulen, Raubvögel schreien, Riesenschlangen zischen …

Der Dschungel ist der gefährlichste Ort der Welt. Trotzdem tollen dort den ganzen Tag lustige kleine Pelzknäuel durch die Gegend. Sie können sich das leisten. Denn sie sind bengalische Königstiger, und ihre Eltern sind noch viel gefährlicher als alles, was da sonst noch kreucht und fleucht. Deshalb ist das wilde Gewirr aus himmelhohen Baumstämmen, undurchdringlichem Gestrüpp, aus Schlingpflanzen und Lianen die schönste Kinderstube. Hier können die Mini-Miezen alles lernen, was sie zum Leben brauchen – von einer Mutter, die auf der Erde ihresgleichen sucht!

Schon bei der Hochzeitsnacht geht es heftig zu. Erst durchdringt ein donnerndes „Au-uuu-aa-uuu“ das Dickicht – das heißt: „Hallo, hier bin ich!“ Kurz darauf kommt die Antwort aus einer ganz anderen Ecke. Das Gebrüll ist kilometerweit zu hören. Dann pirscht sich der alte Katzelmacher mit viel Schleichwerbung an seine Braut heran. Die Liebe dauert nur ein paar Minuten. Dann muss der König des Dschungels gleich wieder auf Streife, damit kein Rivale in seinem Revier (55 Quadratkilometer) Rambazamba macht. 115 Tage später hat die Tigerin eine Katzenkammer (Höhle, dichtes Buschwerk) und bringt drei kleine Bengal-Bambini zur Welt: jedes 40 Zentimeter groß und 1500 Gramm schwer. An der Tiger-Tankstelle (Mutters Bauch) gibt es den Saft für die Kraft. Der Power-Drink macht Katzen flink: Nach zehn Tagen öffnet er ihnen als erstes die Augen, für den Dschungel-Durchblick. Zwei Wochen später kommen die ersten Milchzähne, und dann heißt es Achtung! Wenn die Kleinen zu sehr zwicken, dreht Mama den Hahn ab und serviert statt dessen einen Prankendank. Von der achten Woche an kommen feste Häppchen auf den Tisch. Und jetzt geht schon die Lehrzeit los.

Erstes Fach: Gehorsam. Mutter Tiger duldet keinen Widerspruch, und das ist auch gut so, denn wenn sie was zu beißen holt, muss sie sich auf ihre Kraftzwerge verlassen können. Sie entfernt sich immer nur für kurze Zeit, um den Katzentisch zu decken. Eine Tigerin mit drei Kindern benötigt täglich 14 Kilo Steak! Die kleinen Mitesser bleiben während dieser Zeit schön brav in ihrem Versteck und machen keinen Pieps. Erst nach zwei Monaten dürfen sie mit ihrer Mutter durch die Gegend tigern.

Zweites Fach: Geographie. Bei der Landschaftskunde kommt es nicht nur auf die Schönheit der Gegend an, sondern vor allem auf gute Verstecke. Hohe Bäume werden besonders in der Regenzeit angepeilt, damit die Sippe nicht ins Schwimmen kommt. Die Freizeit wird komplett verspielt. Das ist sehr wichtig für das spätere Jagen: Die Streifengnome schleichen sich immer abwechselnd an und versuchen, sich gegenseitig zu erschrecken.

Drittes Fach: Hygiene. Katzenwäsche wird nicht geduldet! Die Familie geht jeden Tag in die Badeanstalt (Fluss, Teich) und duscht sich kräftig ab. Tiger sind nicht wasserscheu. Sie lieben das Planschen und sind ausgezeichnete Schwimmer.

Viertes Fach: Sozialkunde! Die Dschungel-Gesellschaft ist mit Vorsicht zu genießen, denn es gibt viele kleine Raubtiere, die gefährlich werden können, wenn sie oft in Rudeln aus den Büschen brechen.

Fünftes Fach: Pause! Tiger müssen darauf achten, dass sie bei längeren Märschen immer wieder rasten, damit die Pumpe nicht heiß läuft. Tatzenregel: Je Kilometer 30 Minuten Nichtstun.

Sechstes Fach: Anatomie-Theorie! Wie muss man einen Braten packen, damit er nicht mehr zappelt? Welche Steaks sind am schnellsten zu kriegen? Tiger wählen sich gern alte oder kranke Tiere aus, denn sie sind nicht nur große Jäger, sie helfen auch, den Wildbestand zu regulieren.

Nach sechs Monaten wird die Milch abgestellt, und es geht über zum siebten Fach: Sport! Motto: Leicht fängt es an, schwer hört es auf. Bei den ersten Übungen sollen die Schleichtätzchen der Beute nur angst machen und sie auf Mama zutreiben. Mutter Tiger bleibt immer Sieger, aber sie killt den Braten nicht, sondern gibt dem Nachwuchs eine Chance: Solange sie den Speck am Boden hält, haben die Kleinen genug Zeit, das Nackenknacken zu üben. Das ist nicht einfach, denn sie haben noch nicht den nötigen Biss.

Achtes Fach: Ökologie. Keine Reste im Wald zurücklassen! Der Streifen-Clan bleibt so lange an einem Ort, bis alles verspachtelt ist. Tiger können bis zu 60 Kilo Fleisch auf einmal in den Tank füllen. Nach einem Jahr gehen die Jungtiere zum ersten Mal selbst auf Jagd. Auch dabei bekommen sie von Mutter noch viele Tipps: Wie schleicht man sich an? Wann spurtet man los? Wie versteckt man sich? Auch ein erwachsener Tiger hat nur bei jeder dreißigsten Safari Erfolg!

Im achtzehnten Monat kommt die Gesellenprüfung: ein Büffel (1,60 Meter hoch, 500 Kilo schwer). Wer den schafft, hat ausgelernt! Danach bleibt die Familie noch ein Jahr zusammen. Dann müssen die gereiften Junioren das Revier verlassen und ihren eigenen Laden aufmachen. Nach fünf Jahren gründen sie selbst eine Familie. 25 Jahre lang streifen sie durch den Dschungel. In dieser Zeit recyceln sie im Magen 87,5 Tonnen Biomasse (das sind 175 Büffel). Wenn das Leben Feierabend macht, legen sie sich entspannt zur Ruhe und lassen der Natur ganz friedlich ihren Lauf - ein würdiges Ende für ein herrliches Tier.

 

Genosse aus dem fernen Osten

Tiger gibt es in zwei Gattungen, vier Arten und sechs Unterarten. Weltweit leben nur noch 5000 Exemplare in Freiheit (aber 20 000 in Zoos). Ihre Heimat sind Afghanistan, Nordiran, China, Ostsibirien, Korea und Sumatra

Sibirischer Tiger Der größte: 300 cm lang, 350 kg schwer, Schwanzlänge 95 cm, nur noch 250 Exemplare

Chinesischer Tiger Der kleinste: 170 cm lang, 180 kg schwer, Schwanzlänge 70 cm, noch 200 Exemplare

KönigstigerDer häufigste: 250 cm lang, 275 kg schwer; Schwanzlänge 85 cm, noch 3700 Exemplare

Indochina-Tiger Der seltenste: 190 cm lang, 210 kg schwer, Schwanzlänge 75 cm, noch 150 Exemplare

 

Der Urahn

Der Urtiger Hoplophoneus lebte vor 30 Mio. Jahren fast überall auf der Erde. ER konnte sein Maul über 90 Grad weit aufreißen, seine sehr langen oberen Eckzähne dienten ihm als Dolche. Aus ihm entwickelten sich alle heutigen Tiger

 

Was wir Menschen von Tigern lernen können

Friedfertigkeit: Tigerinnen streiten sich nie

Heimatliebe: Tiger-Männchen verlassen nie ihr Revier, bleiben ihren Jagdgründen ewig treu!

Geduld: Tiger brauchen viele Versuche für eine erfolgreiche Jagd, verlieren aber nie die Nerven.

Sparsamkeit: Tiger fressen an ihrer Beute oft mehrere Tage. Erst wenn alles weggeputzt ist, wird wieder auf die Jagd gegangen.

Familiensinn: Tiger fressen immer im Familienkreis. Wer Hunger hat, darf sich gern bedienen.

Gehorsam: Tiger-Kinder widersprechen ihrer Mutter nie. Was sie brüllt, ist Gesetz!

Kinderliebe: Wenn Vater Tiger mal zu Besuch kommt, tobt er erst mal ausgiebig mit seinen Kindern durch den Dschungel.

Genügsamkeit: Tiger geben sich notfalls auch mit Beeren zufrieden.

Nächstenliebe: Wenn Tiger satt sind, geben sie gern etwas ab. Sie wissen, auch andere Tiere haben Hunger.

Anpassungsfähigkeit: Tiger stellen keine hohen Ansprüche und kommen mit fast allen Witterungsbedingungen zurecht.

Verantwortungsgefühl: Tiger-Väter warten so lange mit dem Fressen, bis Mutter und Kinder satt sind.

Ausdauer: Tiger-Mütter unterrichten ihre Kinder mit viel Fleiß und Sorgfalt. So lernen die Kleinen alles, was sie zum Leben brauchen.

Rücksichtname: Tiger-Männchen respektieren die Grenzen ihrer Nachbarn sehr genau, mischen sich nicht in fremde Angelegenheiten ein.

Hygiene: Tiger pflegen sich sehr intensiv und baden mindestens einmal am Tag.

 

Tiger-Poesie

Der Tiger wird drei Meter lang;

Mit seinem leisen Katzengang

Ging er noch jüngst zum Amurfluß

Und China bis zum Kaukasus …

Dem Menschen weicht der alte Krieger,

Der ist noch wilder als der Tiger

Ist es dem Tiger wohl, so schnurrt er;

Doch wenn er böse wird, dann knurrt er …

Eugen Roth (1895-1976)

 

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