Wenn die Blätter brennen

Dienstag, 12. November 2013

Nirgendwo sonst auf der Welt kommt der Herbst so bunt wie im Nordosten der USA. Eine Reise im Herbst 1987.

Das Chlorophyll löst sich auf. An seine Stelle tritt Hypochlorid. Die Anthozyane nehmen rapide zu. Sie bilden mit Eisen und Aluminium Komplexe. Kalk und Kieselsäure bleiben, Kali und Kupfer werden abtransportiert.

Die chemischen Vorgänge bewirken ein Naturwunder, das alljährlich Millionen Menschen in aller Welt bestaunen, nirgends aber so sehr wie in Neuengland: Dort färben die gelben Hypochloride und die roten Athozyane das herbstliche Laub der Wälder bunter als irgendwo sonst auf der Erde.

Die vielen Farben vor dem Fall verdanken Einheimische und Gäste in den sechs nordöstlichen US-Bundesstaaten botanischen und klimatischen Besonderheiten: Anders als etwa in den Monokulturen der Bundesrepublik wachsen in ostamerikanischen Mischwäldern Bäume in bunter Vielfalt nebeneinander, darunter zwanzig verschiedene Eichenarten, jeweils ein Dutzend Ahorne und Birken, drei Sorten Buchen. Das Publikumsinteresse an den flammenden Wäldern ist so groß, dass nicht nur die „New York Times“ ihre Leserschaft in einem täglichen Laubbericht über die verschiedenen Schattierungen auf dem Laufenden hält. Auszug aus der letzten September-Nummer: „Hartford: Spitzbuchen purpurrot; Cambridge: Eschen goldfarben, Eichen ocker; Portsmouth: Buchen zitronengelb; Boston: Ahorn zinnober bis karmesin.“

Von Silber bis Dottergelb, Orange und Scharlachrot bis zur Farbe Lila reicht das Kolorit neuenglischer Wälder. Darum verstärken sich nun auch die Versuche der US-Touristenindustrie, Bundesbürger aus dem Land des Waldsterbens zur transatlantischen Baumbesichtigung zu bewegen: Zur „fall foliage“, zur „Herbstlaub-Tour“, einer Naturshow wie in Cinemascope.

Die sechs Neuengland-Staaten Maine, Vermont, New Hampshire, Massachusetts, Rhode Island und Connecticut sind zusammen so groß wie die Bundesrepublik ohne Bayern. Die Laubfärbung setzt Mitte September im nördlichen Maine ein und endet Anfang November, wenn nach den letzten Blättern manchmal schon die ersten Schneeflocken fallen. In diesen sechs Wochen fahren Sonderzüge mit Namen wie „Foliage Unlimited" durchs Land, sammeln sich „leaf peeper" („Laubkieker") auf „foliage tours", und eine „Foliage Hotline" gibt telefonisch Auskünfte über den aktuellen Stand des Farbenspiels bis zum „peak color", dem Höhepunkt des Spektakels, meist in der zweiten Oktoberwoche. Dazu kommen unzählige „foliage events", Jahrmärkte, Antiquitätenmessen, und Boston feiert feuchtfröhlich sogar ein „Oktoberfest" mit „Löwenbräu"-Bier - rechtzeitige Platzbestellung empfiehlt sich.

Die Tour durch die kolorierte Natur macht nicht nur die Augen, sondern auch die Geschmacksnerven an. Die Männer der „Mayflower", die hier im Jahr 1620 landeten, nahmen, was sie fanden, und veredelten es mit dem ganzen Erfindungsreichtum von Emigranten: Sirup aus Ahornbäumen, den Melonenkürbis „squash" und den Mais der Indianer, mitgebrachte Bohnen, Pökelfleisch und Melasse von den Antillen mixten sie zum neuenglischen Nationalgericht „Boston baked beans". Aus Äpfeln pressten die Pilgerväter den naturtrüben „cider", frisch zu genießen und deshalb nur im Herbst erhältlich. In den Wäldern jagten sie den Puter und verpassten ihm mit einem Kompott aus den preiselbeerähnlichen „cranberries" der Sümpfe von Cape Cod einen kongenialen Kontrapunkt. Aus Strandmuscheln und Milch entstand die herzhafte Suppe „clam chowder" – heute begleitet ihr Duft aus den riesigen, im Freien aufgestellten Töpfen professioneller Muschelköche den Autofahrer fast überall auf der legendären US-Route 1 zwischen Boston und dem kanadischen New Brunswick. Neuenglands Fischer ziehen jährlich 150 Millionen Flossentiere an Land, vor allem Heringe, Makrelen, Schellfische und Barsche. Maine liefert 90 Prozent der amerikanischen Hummer - der größte wog über 40 Pfund, wurde 100 Jahre alt und dient heute dem Naturwissenschaftlichen Museum von Boston als Attraktion. Bis vor 200 Jahren waren die Krustentiere aus den auch sommers kühlen Fluten dort Volksnahrungsmittel, und jeder freute sich, wenn es pro Woche nicht öfter als zweimal Hummer gab. Heute gibt's an jeder Ecke Hummer-Schnellimbissstände.

Den Rummel der „fall foliage" verkraftet das über weite Strecken fast menschenleere Land mühelos – beim Waldspaziergang sind die „leaf peeper" meist unter sich. Und durchaus nicht alle stehen das volle Programm durch - nicht wenige halten sich an die Devise des New Yorker Kolumnisten, der nach einer „foliage tour" ermattet feststellte: „Wenn man eine Milliarde Blätter gesehen hat, hat man sie alle gesehen."

Der Bundesstaat Maine erinnert an Skandinavien: mal finnische Seenplatte, mal schwedische Schären oder norwegische Fjorde. Laubgucker sammeln sich im White Mountain Forest hundert Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Portland. Ihr bevorzugter Rastplatz ist „The Bethel Inn and Country Club" im historischen Viertel des nahen Kleinstädtchens Bethel: Übernachtung, Frühstück und Abendessen um 130 Dollar für zwei Personen. Auf der Fahrt durch einsames Wald- und Farmland versorgt der Fremde sich wie einst im Wilden Westen aus dem „General Store", Imbiss, Tante-Emma-Laden und inzwischen auch Tankstelle unter einem Dach.

Bar Harbor ist Jachthafen und Künstlerkolonie. Hier bewohnte John F. Kennedy ein Strandhaus mit 80 Räumen, 28 Bädern, 26 Marmorkaminen und 52 Telefonen. Die Küste drumherum ist nicht zum Baden, sondern nur zum Betrachten geschaffen: Schon bei normalem Wetter steigt die Flut hier sieben Meter hoch, die Wogen des Atlantiks rollen ungebremst gegen schwarze Felsen, von denen sich Robben und Wale beobachten lassen. Der nahe Acadia-Nationalpark bietet auf 200 Kilometern Wanderwege Rundblicke wie sonst nur noch Hawaii. Viele der 1200 bewaldeten Inseln und Inselchen Maines warten auf Käufer. Das 16 000 Quadratmeter große Eiland Hog Bay wechselte kürzlich für 20.000 Dollar den Besitzer.

Der Westteil des White Mountain National Forest liegt in New Hampshire, einer Art Bilderbuch-England, dem die industrielle Revolution erspart blieb und dessen Dörfer deshalb immer noch so aussehen wie von den Brüdern Grimm erfabelt: ein sanftes Hügelland, in dem nicht nur die Angler, sondern auch die Seen noch blau sind. Die Einwohner, die sich als „Amerikas letzte Individualisten" feiern, verbreiten das Blätterfieber ab der zweiten Septemberwoche. Ihr Lockruf lautet: „Bei uns singen die Farben"; auch ihre „Foliage Hotline" dröhnt nur so mit Superlativen. In Glen an der Bundesstraße 302, wo Fremde hinter jeder Kurve Schneewittchens sieben Zwerge vermuten, nimmt der „Bernhof Inn" fürs Doppelzimmer 80 Dollar. Am Squam Lake wurden die Außenaufnahmen zu Henry Fondas letzten Film „On Golden Pond" gedreht, einschließlich der unvergesslichen Szene, in der Katherine Hepburn dem Liebesruf der Haubentaucher lauscht.

Durch hügeligen Nadelwald führt die Straße über den Connecticut River nach Vermont, einer Art Oberbayern für Amerikaner, wegen seines frankophilen Flairs auch Klein-Kanada genannt. Die „Foliage Hotline" antwortet vom 2. September bis zum 26. Oktober rund um die Uhr, gleich ob der Indian Summer bummelt oder sich beeilt. Hier ließ man die Kirche im Dorf, die bunten Häuser reihen sich um die typisch weißen Turmspitzen wie von Pedantenhand einem Modellbaukasten entnommen. Die Autos haben keine Fahrräder mehr auf dem Dach, sondern Kanus. Dorfläden verkaufen Regenwürmer samt Angellizenz, und Verbotsschilder warnen davor, pro Tag mehr als fünf Pfund Forellen zu fangen. Von weitem leuchtet die vergoldete Rathauskuppel des Hauptstädtchens Montpelier, das trotz des französischen Namens Liebhabern der Nouvelle cuisine nichts zu bieten hat, viel dagegen Freunden englischen Frühstücks mit Eiern, Speck und Würstchen. Das hundertjährige Hotel „Greenhurst Inn" im Queen-Anne-Stil nimmt zwei Personen für die gemeinsame Übernachtung nur 70 Dollar ab und liefert dafür noch ein paar blutrünstige Schmugglergeschichten. Klassische Farbrausch-Route ist die Interstate 100.

Noch mehr Histörchen hört der Gast in Massachusetts, der „Wiege der USA". Dem allherbstlichen Ansturm der Laubkieker steht dort mit dem Museumdorf Sturbridge ein beachtlicher Wellenbrecher im Weg: In Trachten des 19. Jahrhunderts gekleidete Müller, Schmiede, Apotheker, Weber und Bäcker führen vor, wie Neu-Engländer vor 150 Jahren die Brötchen verdienten. Im „Red Lion Inn" von Stockbridge, einer einstigen Posthalterei zwischen Boston und Albany, übernachten zwei Personen ohne Frühstück für zusammen 100 Dollar.

Connecticut gilt Spöttern als größter Golfplatz New Yorks. In Hartford, weitab vom Mississippi, ersann Mark Twain die Abenteuer Tom Sawyers und Huckleberry Finns. Das „Castle Inn" in Old Saybrook liegt nur eineinhalb Autostunden nördlich von New York und bietet für 110 Dollar ein Doppelzimmer ohne Frühstück sowie einen atemberauben den Blick über Long Island Sound. Hier hascht man den Herbst hauptsächlich auf der Interstate 9 A entlang des Connecticut Rivers, am besten vormittags gegen zehn Uhr, wenn sich der Nebel wie ein Vorhang langsam über dem Fluss erhebt.

Rhode Island, mit Fläche und Einwohnerzahl des Saarlandes kleinster aller US-Bundesstaaten, kriegt im äußersten Westen, im Pachaug Forest, einen Rest der beliebten Blätterbuntheit mit. Das Flachland um die inselreiche Narrangansett Bay ist ganz zum Meer orientiert. Sein Haupthafen Newport hält Liegeplätze für Kennedys & Konsorten bereit und sonnt sich im Glanz der Zuckerbäcker-Paläste, die sich die Astors und andere hier errichten ließen. Mary Astor, eine der elegantesten Gastgeberinnen Newports, beschrieb die Vorzüge dieser Ecke so: „Ein Mann, der eine Million Dollar besitzt, kann so behaglich leben, als wäre er reich."

Außer diesen sechs Staaten bieten auch Ost- und Westkanada, New York und Jersey im Indian Summer betrachtenswerte Baumbuntheit. Am Hudson River verbinden Touristen Laubgucken mit dem sogenannten „Mansion-Hopping": Stippvisiten auf den Herrensitzen der Roosevelts oder Livingstones, Amerikas spätes Pendant zu Europas Königspalästen. Statt uriger Granitköpfe wie in Maine geraten den Besuchern hier allerdings zunehmend nervöse Kaschmir-Typen vor die Kameras: New Yorker Yuppies, die dem überfüllten Manhattan aufs Land entflohen und nun unversehens vor die Optik ganzer Horden farbsüchtiger Foliage-Freaks geraten sind.

 

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