Er schenkte seinem König den Mississippi

Sonntag, 17. November 2013

Vor 370 Jahren wurde der französische Entdecker Robert de La Salle geboren.

Die Berichte der Indianer an den Ufern der Großen Seen Nordamerikas klingen wenig zuverlässig: Weit im Süden, erklären sie, fließe ein großer Strom nach Westen, nach einer Reise von sieben bis acht Monaten aber „höre das Land auf". In seinem Wasser lebten schreckliche Ungeheuer, die ganze Kanus verschlucken könnten; die Hitze sei so entsetzlich, dass kein Mensch sie ertragen könne.

Der Mann, dem diese Schauergeschichten um das Jahr 1670 aufgetischt werden, ist klug genug, die Hintergründe zu durchschauen: Die Indianer sind als Zwischenhändler im Pelztiergeschäft wohlhabend geworden und haben kein Interesse daran, dass ihr weißer Kunde selbst zu den Quellen des Reichtums vorstieß.

Verhindern können sie es nicht: Elf Jahre nach dem Gespräch fährt Robert René Cavelier Sieur de La Salle, am 21. November 1643 geborener Sohn eines schwerreichen Kaufmanns aus Rouen, als erster Europäer auf dem Mississippi bis in den Golf von Mexiko und nimmt das Herz des Erdteils für Frankreich in Besitz. Nur wenige Forschungsreisende haben ihrem Heimatland so großartige Möglichkeiten eröffnet - und nur wenige Male in der Geschichte wurde eine derartige Chance so kläglich vertan.

Zwölf Jahre bevor die „Mayflower" 1620 die ersten englischen Kolonisatoren an die Ostküste der späteren USA bringt, haben französische Siedler Quebec gegründet. Während britische Farmer dem Atlantik nach Süden folgen, ziehen gallische Händler durch das Tal des St. Lorenz-Stroms an die Großen Seen. 1673 erreichen der Waldläufer Louis Jolliet und der Jesuitenpater Jacques Marquette den Mississippi. Sie fahren bis zur Mündung des Arkansas, kehren dann aber aus Furcht vor den Spaniern um.

Der junge Pelzhändler La Salle erkennt nach der Reise Joliets und Marquettes, dass die Franzosen sich gegen die Engländer im Osten und die Spanier im Süden nur behaupten können, wenn es ihnen gelingt, die Mitte des Erdteils zu kolonisieren und zu verteidigen. Schlüssel zu diesem Plan ist die Eroberung des Mississippi-Gebiets.

1681 wirbt La Salle 23 Franzosen, 18 Indianer und zehn Indianerinnen an. Für die flache Hügelkette der Wasserscheide westlich des Michigan-Sees werden die Kanus auf Schlitten verladen. An der Einmündung des Illinois in den Mississippi hindert starker Eisgang La Salle eine Woche lang an der Weiterfahrt. Dann aber ist der Weg frei, und die Reise auf dem großen Strom beginnt.

Der geheimnisvolle Fluss erweist sich als Tierparadies wie aus den Anfangstagen der Schöpfung: Fische, Wild, Vögel und Bisons in schier unermesslicher Zahl. Die Indianer zeigen sich freundlich und gastfrei. Nur einmal schaudern die Europäer: Als sie feststellen müssen, dass der ihnen angebotene Braten aus Menschenfleisch besteht. Am 9. April 1682 erblicken die Reisenden den Golf von Mexiko. Feierlich nimmt La Salle im Namen seines Königs Ludwig XIV. Besitz von dem Land zu beiden Ufern des Flusses und nennt es nach seinem Herrn „Louisiana". Außerdem erklärt er den gesamten Strom für französisch.

La Salles Vorstoß bricht aus dem spanischen Kolonialreich das Mittelstück heraus: Die Spanier haben es versäumt, das Land zwischen Florida und Mexiko, das ihre Konquistadoren jahrzehntelang durchzogen haben, zu erschließen und zu besiedeln. Aber auch Ludwig XIV. verkennt die Dimension der Entdeckung: Er hat gerade mit seinen endlosen und teuren Kriegen begonnen. Das Geld, das für die Entwicklung Amerikas so dringend nötig gewesen wäre, wird sinnlos verpulvert.

La Salle hat von dieser enttäuschenden Entwicklung nichts erfahren: Statt auf dem Mississippi zurückzukehren, wendet sich der ehrgeizige Entdecker nach Westen und gründet an der texanischen Küste das Fort St. Louis. Dann aber verschlechtert sich die Versorgungslage rapide. In großer Not bricht La Salle im Januar 1687 mit sechzehn Gefährten nach Norden auf, um Hilfe zu holen. Unter unsagbaren Strapazen kämpft sich die kleine Gruppe durch Texas. Zwei Monate später, am Trinity River nördlich von Houston, meutern die Männer, schießen ihren Anführer nieder und lassen den Toten im Dickicht liegen. Es ist das traurige Ende eines kühnen Entdeckers, von dem nichts bleibt als eine ferne Erinnerung.

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