Honecker & Ceausescu: Wahrheit à la SED & ARD

Mittwoch, 20. November 2013

In TELE-RETRO zeigen „Teletäglich“-Kolumnen, welche Themen das Fernsehen vor 25 Jahren wichtig nahm und was es daraus machte. Heute: Die Ausgabe vom Sonntag, 27.März 1988.

In einem ARD-„Weltspiegel"-Bericht am Sonntag aus den von der UdSSR okkupierten baltischen Staaten sagten:

ein junger Lette: „Den Sozialismus, der 1940 kam, den wollte niemand, und einen solchen Sozialismus brauchen wir auch nicht."

Ein Sprecher der litauischen Freiheitsliga: „Tief in der Seele haben wir kein Vertrauen zur russischen Regierung ... Aber sie können nichts gegen uns ausrichten. Sie können uns nur töten, sonst nichts. Der KGB ist nicht allmächtig."

Bert Brecht: „Die Wahrheit ist etwas Kriegerisches. Sie bekämpft nicht nur die Unwahrheit, sondern bestimmte Menschen, die sie verbreiten."

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In den „Tagesthemen" vom Montag sagte ARD-Reporter Pelletier zur Diskussion um mögliche Nachfolger Jenningers: „Wie Staubsaugervertreter fahnden Spitzenpolitiker in der Regierungsfraktion um Interessenten. Auch ein Entsorgungsproblem: Alfred Dregger, den ungeliebten Fraktionschef, würde der Kanzler gern ins hohe Amt wegloben ..."

Danach ARD-Kommentator Pütz: „Über Alfred Dregger weiter zu diskutieren, ist im Grunde obszön. Mag ja sein, dass der alte Herr sich noch immer für einen Fels in der politischen Brandung hält — aber ihn nach oben loben, nur weil sich keiner traut, ihm die Wahrheit zu sagen?"

So viel zur ARD-Unterscheidung von Bericht und Kommentar.

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Am Dienstag übertrug RTL plus das Bundesliga-Spitzenspiel München - Stuttgart: Erstklassige Kommentatoren, hervorragende Kameraführung, sofortige Wiederholung der packendsten Szenen, laufend Interviews mit ausgewechselten Spielern an der Seitenlinie, zwei Sekunden nach dem Schlusspfiff bereits Stellungnahmen von Trainern, Torhütern, Torschützen. Münchens Trainer Heynckes: „Eine Werbung für den Fußball."

Und für das Privatfernsehen.

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Der rumänische KP-Chef Ceausescu lässt sein Volk hungern und unterdrückt die deutsche und die ungarische Minderheit in seinem Land.

Am Donnerstag berichtete die „Tagesschau", „DDR"-Staatspräsident Honecker habe Ceaucescu den Karl-Marx-Orden überreicht und dabei den „eindrucksvollen Aufbau des Sozialismus" in Rumänien hervorgehoben.

Danach meldete Sprecher Veigel: „Nach Angaben unseres Wiener Korrespondenten entsprechen die Angaben über Dorfzerstörungen in Rumänien nicht der Wirklichkeit ... Westliche Darstellungen über die Vernichtung von Ortschaften bestünden aus Halbwahrheiten, Gerüchten und Falschmeldungen."

Wahrheit à la SED & ARD.

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Am Donnerstag verlieh die ARD den von ihr zusammen mit dem ZDF gestifteten TV-Preis „TeleStar" und zeigte Ausschnitte aus belobigten Unterhaltungssendungen. Kostproben:

„Ich finde, jede Fernsehsendung sollte einen Garten haben." - „Du meinst, damit über manche Sendung schneller Gras wachsen kann?"

„Deine Glatze fühlt sich an wie der Hintern von meiner Frau." - „Stimmt."

„Was hast du für schöne Zähne - gibt's die auch in Weiß?"

„He, du alte Schabracke - die Bank ist frisch gestrichen!" - „Wie?" - „Grün!"

Schwamm drüber.


Anmerkungen

Gerd H. Pelletier arbeitete 1971-1974 als WDR-Auslandsredakteur und 1974-1978 als ARD-Auslandskorrespondent in Washington. 1982–1988 berichtete er aus Japan und Korea. 1989-1995 gehörte er dem ARD-Fernsehstudio Bonn an, danach leitete er bis 2000 das ARD-Studio in Brüssel.

Der CDU-Politiker Alfred Dregger (1920-2002) war 1956-1970 Oberbürgermeister von Fulda 1982-1991 Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Der CDU-Politiker Philipp Jenninger war 1982-1984 Staatsminister im Bundeskanzleramt und 1984-1988 Bundestagspräsident. Er trat zurück, als die Opposition Teile seiner vielbeachtete Rede zu den Novemberpogromen 1938 absichtlich missverstand und ihm Nazi-Nähe vorwarf.

Werner Veigel (1928-1995) war seit 1966 und seit 1987 Chefsprecher der ARD-Tagesschau. Seine Fehlerlosigkeit, Präsentation und Aussprache gelten bis heute als vorbildhaft.

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