Als Hamburg eine Urwaldfestung war

Freitag, 22. November 2013

Vor 1000 Jahren lebten hier so viele Menschen wie heute in einem Hochhaus

Fröstelnd zieht der junge Diakon Marcellus den wollenen Umhang fester um die Schultern. Es ist nicht nur der kühle Abendwind, der ihn schaudern lässt, sondern auch der Anblick des Ortes, der ihm und seinem Herrn zur neuen Heimat bestimmt wurde. Es ist eine Ansammlung windschiefer Hütten auf einer sandigen Kuppe über versumpften Marschen. Ein primitiver Palisadenwall bietet nur wenig Sicherheit. Dahinter breitet sich bis zum Horizont dichter Urwald aus.

Der Ort heißt Hamburg und liegt an der äußersten Grenze christlicher Zivilisation. Die Besucher kommen aus deren Hauptstadt Rom. Und ihr Anführer hat noch vor kurzem auf dem Stuhl Petri gesessen. Als Papst Benedikt V. war er für kurze Zeit der bedeutendste Gegenspieler Kaiser Ottos des Großen. Benedikts römische Landsleute haben den Priester und Gelehrten gewählt, um ihre Unabhängigkeit von den Deutschen zu dokumentieren. Aber Otto der Große, der mächtigste Mann der Welt, hat eigene Pläne. Im Jahr 964 erobert er Rom und setzt seinen eigenen Papst ein. Benedikt muss ins Exil. Otto übergibt ihn dem Hamburger Bischof Adaldag mit den Worten: „Soll er sein bei euch Hyperboreern da oben im Norden!“ Hyperboreer heißen in den Schriften der Antike die Angehörigen eines Sagenvolks, das „jenseits des Nordwinds“ wohnt. Hamburgs Palisadenzaun bildet die Grenze des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, dass den größten Teil Mitteleuropas umfasst. Im Westen erstreckt es sich bis Verdun, Lyon und Marseille. Im Osten bis Prag und Wien, im Süden bis kurz vor Neapel. Hinter Hamburg hausen nur Heiden. Die Dänen beten noch immer zu Odin, die Aboditen zu ihren menschenfressenden, slawischen Götzen. Die Randlage verschafft Hamburg eine besondere Rolle. Von hier aus wird Nordeuropa missioniert. Der abgesetzte Papst und seine Begleiter können kaum glauben, dass diese Umwälzung der nördlichen Welt von einem solchen Nest ausgehen soll. Rom zählt mehr als 100 000 Einwohner. In Hamburg aber hausen kaum 300 Menschen. Sie säen auf dem schmalen Geestrücken (Schwemmland) zwischen Alster und Elbe Roggen, Gerste oder Hafer an und treiben ihr Vieh in die Marschen an der Elbe.

Der Vogt der Siedlung empfängt die unfreiwilligen Gäste am Tor. Auf dem Weg zur Kirche und ihren Nebengebäuden rollen die Wagen des Zuges durch knöcheltiefen Morast. Zwischen den ärmlichen Häusern machen sich struppige, schwarzbraune Schweine über Küchenabfälle her. Das ist für Marcellus ein tröstlicher Anblick. Denn Schweinefleisch ist teuer. Und die Zucht des Borstenviehs signalisiert einen bescheidenen Wohlstand. Die Hamburger sind bärtige Riesen sächsischer Abstammung. Vor eineinhalb Jahrhunderten haben ihre Vorfahren sogar Karl dem Großen getrotzt. Die meisten Einwohner leben noch immer von der Landwirtschaft. An einer Schiffsanlegestelle aus in den Schlick gerammten Klobenhölzern dümpeln zwölf Meter lange Boote reisender Kaufleute. Sie bringen Wein von Rhein und Mosel, dazu die in ganz Skandinavien begehrten Mühlsteine aus dem Basalt des Eifelortes Mayen. Auf dem Rückweg entlang der Nordseeküste transportieren sie die beiden wichtigsten Exportgüter des wilden Nordens: Getreide und Menschen. Die meisten Sklaven sind auf Kriegs- und Raubzügen gefangene Dänen und Slawen. Junge blonde Frauen erzielen die höchsten Preise. Sie sind als Handelsware im Orient begehrt.

Hamburgs 300 Meter langer Stadtwall aus dem Holz von 8000 Bäumen und 20000 Kubikmetern Erde wird „Heidenmauer“ genannt. Die Christen, die er schützen soll, sind aber keineswegs besser als ihre Feinde. So wie sie immer wieder unter Überfallen der heidnischen Nachbarn zu leiden haben, ziehen sie auch selbst plündernd nach Holstein und Mecklenburg. Für sie sind Heiden minderwertige Menschen und nicht viel besser als Tiere. Grenzen sind nicht wie heute klar festgelegte Linien, sondern breite Streifen öden Niemandslands, in denen fast ständig gekämpft wird. Bischöfe sind nicht nur geistliche Führer, sondern besitzen fast uneingeschränkte weltliche Macht. Adaldag ist der höchste Gerichtsherr in seiner Diözese und entscheidet über die Verwendung der Steuern. Das tägliche Leben ist hart. Die Deutschen jener Jahre werden durchschnittlich nur 45 Jahre alt. Wer nicht im Kampf fällt, stirbt an Krankheiten oder Hunger. Dem entthronten Papst sind die Hamburger von Anfang an unsympathisch. „Bei euch Eismenschen", klagt er, „kann kein italienisch Herz warm werden!“ Nach zweijähriger Verbannung stirbt er. Die Legende macht später aus Papst Benedikt V. einen Propheten, den Rom sogar heiligspricht.

 

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