Als die Wall Street in Augsburg lag

Samstag, 23. November 2013

Der reichste Mann der Welt machte diese Stadt einst zur prächtigsten in ganz Europa

Drei Wochen lang war der 20jährige Bankierssohn Giovanni im Jahr 1520 von Venedig nach Augsburg unterwegs. Er soll einen Kreditbrief seines Vaters an den Mann übergeben, den man den mächtigsten seines Jahrhunderts nennt. Beeindruckt tritt der Besucher durch das reich geschmückte Portal des großen Patrizierhauses. Diener geleiten ihn in jenen Raum, den Kaiser und Könige ehrfurchtsvoll "Goldene Schreibstube" nennen. An ihrer Rückwand steht ein riesiger Schrank. Die zahllosen Wechsel, Schuldzettel, Freibriefe und Goldrollen in seinem Inneren sichern dem Besitzer uneingeschränkte Macht über fast alle Geldgeschäfte Europas.

Jakob Fugger II. aus Augsburg hat so viel Macht, als läge heute die gesamte Finanzkraft der Wall Street in einer Hand. Ein Zeitgenosse hat den Sechzigjährigen als "stattlichen, schlanken Mann" beschrieben, "dessen klugblickende Augen voll milden, ruhigen Feuers schimmern und durchdringend in die Ferne schauen." Großzügig bewirtet der reichste Mann der Welt seinen weitgereisten Gast mit Augsburger Spezialitäten. Zuerst kommt eine fein mit Zimt gewürzte saure Brotsuppe auf den Tisch. Es folgen mit Spinat umwickelte Würste. "Laubfrösche" genannt, ein weißer Kapaun (kastrierter Masthahn) und zum Nachtisch "Pfaffenhütlein" aus Mürbeteig und Mandeln. Während des Essens erzählt der Gastgeber. Von der Zeit, da Großvater Hans Fugger noch in einer armseligen Bauernhütte auf dem Lande lebte, als Weber mit ein paar Morgen Flachs. Wie er sich eines Tages freikaufte und nach Augsburg zog. Wie sein Sohn Jacob I. aus Ägypten importierte Baumwolle mit deutschen Leinen zu „Barchent" verarbeitete und damit reich wurde. Vor allem aber, wie der jetzige Herr des Hauses gekrönte Häupter durch Kredite finanziell von sich abhängig machte, Zahlungsunfähigen Schürfrechte abpresste und sein Vermögen im Edelmetallgeschäft versiebzigfachte.

Augsburg ist zu dieser Zeit schon eineinhalb Jahrtausende alt. Bereits der Römer Tacitus hat es als „überaus glänzende Hauptstadt" der Provinz Rätien gepriesen. Baumeister haben den Lech durch ein aus geklügeltes System kleiner Kanäle in die Stadt geleitet. Das Wasser liefert 2000 Webereien und unzähligen anderen Handwerksbetrieben Energie. Wegen seiner 500 Brücken und Stege wird Augsburg „Venedig des Nordens" genannt.

Erstaunt registriert Giovanni in den Kontoren, dass man dort die Geheimnisse der doppelten Buchführung genauso gut kennt wie in Venedig. Und bewundernd blickt er auf die Glasfenster des Doms. Sie zeigen Daniel, Hosea, Jonas, David sowie Moses und gelten als die ältesten der Welt. Vom hohen Kulturniveau der oft als Barbaren gescholtenen Deutschen ist Giovanni überzeugt, als er die Familienporträts der Fugger betrachtet. Gemalt von Tizian, Bellini. Hans Holbein und Albrecht Dürer.

Im Jahr 1520 stehen Augsburg und Jakob Fugger auf dem Gipfel ihrer Macht. Die Stadt zählt 50 000 Einwohner. Alle bedeutenden Handelsfirmen der Welt haben am Lech Niederlassungen eröffnet. Jakob Fugger besitzt zwei Millionen Gulden und das Kupfer-Monopol für ganz Europa. Als Neider ihm mit Hilfe willfähriger Reichsrichter an die Kasse wollen, schreibt er unverblümt an Karl V.: „Es ist wissentlich und liegt am Tage, dass Eure Kaiserliche Majestät die Römisch Krön außer Mein nit hätte erlangen können." Damals hatte Jakob Fugger die Stimmen der Kurfürsten für 900 000 Gulden gekauft. Der Kaiser hat das nicht vergessen und befiehlt, das Urteil aufzuheben. Seinen Kredit aber zahlt er nicht zurück. Im Jahr 1978 wird ein ferner Nachfahre Jakobs ausrechnen, dass die Schulden der entmachteten Habsburger mit Zins und Zinseszins mittlerweile auf 250 Milliarden Mark gestiegen sind.


Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt