Die Wahrheit über den Rattenfänger von Hameln

Sonntag, 24. November 2013

Ein Landstrich mit vielen Legenden: Wie der Treck im Jahr 1284 die Sage vom Rattenfänger auslöste

Eine dichte Menschenmenge drängt sich um die kleine Karawane auf dem Marktplatz von Hameln. Die jungen Leute auf und hinter den vollgepackten Wagen nehmen Abschied von ihren Familien. Auch die Tochter des Bürgermeisters ist dabei. Wie alle anderen weiß sie nicht, ob sie sich freuen oder traurig sein soll. Ihre Eltern und Geschwister wird sie nie wiedersehen. Aber dort, wo sie jetzt hinfährt, wartet eine neue Heimat auf sie. Und ein Leben mit besseren Chancen als in der drangvollen Enge der überbevölkerten Stadt mit ihren vielen Kranken, den Bettlern und den zahllosen Ratten, die in den Mühlen an der Weser den Menschen das Mehl wegfressen.

Die aus Frankreich eingeführte Dreifelderwirtschaft hat die Ernten in Deutschland verbessert, aber auch zu einer Bevölkerungsexplosion geführt. Hamelns Einwohnerzahl hat sich auf 4000 verdoppelt. Dazu kommt die unsichere politische Lage des Sommers 1284. Die kaiserlose, „schreckliche Zeit“ ist zwar vorüber. Als erster Habsburger sitzt Rudolf auf dem Thron. Doch er musste seine Macht gleich mit dem Schwert gegen den ehrgeizigen Ottokar von Böhmen verteidigen.

Der Anführer der Auswanderer steigt auf sein Pferd. Anders als die Umstehenden, die Leibröcke aus grober Wolle tragen, ist er in ein buntscheckiges Gewand gekleidet. Er heißt Sigismund und ist ein Siedlungsunternehmer aus Siebenbürgen. König Ladislaus IV. von Ungarn, dessen Reich sich von Kroatien bis zu den Karpaten erstreckt, will sein über weite Strecken menschenleeres Land mit Deutschen füllen. Sein Angebot ist verlockend: Steuerfreiheit auf zwanzig Jahre, Jagd-, Fischerei- und Marktrechte sowie Befreiung vom Kriegsdienst. So gut haben es die Bauern zu Hause an der Weser nicht, wo Adels- und Kirchenleute ihre Untertanen wie Sklaven ausbeuten.

Der Mann aus Siebenbürgen hebt die Hand. Der Stadtpfeifer bläst eine Abschiedsmelodie. Langsam rollt der Zug aus vierzig Wagen durch das Osttor und auf die Fernstraße, die über Hildesheim, Braunschweig und Magdeburg nach Böhmen führt. „Nach Ostland wollen wir reiten", singen die Auswanderer, „dort über der grünen Heiden, da liegt ein besseres Land." Über hundert, junge Frauen, Männer und Kinder, die niemals zurückkehren werden, ein Fremder in buntem Kleid, das Abschiedslied des Stadtpfeifers und eine Hungersnot wegen zu vieler Ratten.

In der Erinnerung der Hamelner verformt sich die Geschichte im Lauf der Jahrhunderte zu der berühmten Sage vom Rattenfänger. Es ist nicht die einzige Legende im Weserbergland, die sich auf einen historischen Kern zurückfuhren lässt.

Freiherr von Münchhausen zum Beispiel, der von 1720 bis 1797 im nahen Bodenwerder gelebt hat. hieß Karl Friedrich Hieronymus und war ein eher wahrheitsliebender Mensch. Trotzdem wurden gerade ihm von dem Dichter E. R. Raspe alle Aufschneidereien unterschoben, zu denen sich seine Gäste beim Wein verstiegen. Der Freiherr soll sehr erbost gewesen sein, als er das Buch las.

Im Schwalmstadter Ortsteil Ziegenhain wird die Heimat Rotkäppchens vermutet. Das Märchen entstand im 16. Jahrhundert, als das abergläubische Landvolk der Gegend schreckliche Furcht vor Werwölfen hatte. Die Monster lauerten angeblich in den Wäldern Kindern auf.

In Kassel erinnert das Brüder-Grimm-Museum an die beiden Männer, die dort von 1816 bis 1830 lebten und die Märchen sammelten, die noch heute jedes Kind kennt.

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt