München: Als ein Dorf Weltstadt wurde

Montag, 25. November 2013

Im 19. Jahrhundert wandelte sich München zur schönsten Stadt Deutschlands

Frierend steht Franz Baumer, Studiosus der Rechte in München, an diesem kalten Februartag im Jahr 1848 mit seinen Kommilitonen vor dem kleinen Palais in der Barer Straße. Mehr als tausend Studenten und andere Bürger haben sich zu der ersten Protestdemonstration in der Geschichte der Stadt versammelt. „Fort mit der spanischen Fliege“, rufen sie immer wieder, „die Universität muss sofort wieder aufgemacht werden!“

Auch in anderen Städten gehen die Menschen in diesem Revolutionsjahr auf die Straße. In Berlin errichten sie Barrikaden, in Konstanz rufen sie eine Republik aus, in Wien vertreiben sie sogar den Kaiser. Überall geht es um Freiheit, die Beseitigung absolutistischer Fürstenwillkür, Bürgerrechte, Abschaffung der Pressezensur und Einschränkung der unbegrenzten Macht der Polizei. Den Bayern dagegen missfällt, dass ihr König den Reizen einer zweifelhaften Dame erlegen ist. Sie heißt Dolores Porris y Montez, stammt aus einer englisch-spanischen Mesalliance, ist in Irland geboren, zweimal geschieden, Tänzerin und unter dem Namen Lola Montez weltbekannt. Die Münchner nennen sie nach einem damals sehr beliebten Aphrodisiakum „die spanische Fliege".

Diese Affäre schadet dem Ruhm eines Monarchen, der mehr als jeder andere für München getan hat. Ludwig I. hat die dörflich geprägte Kleinstadt an der Isar mit knapp 40 000 Einwohnern in drei Jahrzehnten in eine Weltmetropole verwandelt. Wo einst Äcker und Gemüsegärten grünten, ragen jetzt einige der schönsten Bauwerke Deutschlands in den weißblauen Himmel: Odeon, Max-Palais, Staatsbibliothek, Feldherrnhalle und Siegestor. Den architektonischen Meisterwerken ist eines gemeinsam. Sie wirken alle wie aus dem antiken Griechenland über die Alpen nach Bayern gezaubert.

Schon als Kronprinz hat Ludwig davon geträumt, ein architektonisches Gesamtkunstwerk zu schaffen. Seinen wichtigsten Helfer. Leo von Klenze, holt er aus Paris. Als erstes muss der renommierte Architekt 1816 für Ludwigs auf zahlreichen Reisen gesammelte Statuen die Glyptothek bauen. Nördlich des Schwabinger Tors baut er eine neue Stadt. Ihre zentrale Achse, die Ludwigstraße, trägt des Königs Namen bis heute. Der finanziert die Bauarbeiten zum großen Teil aus seiner Privatschatulle. Insgesamt gibt er die Riesensumme von 30 Millionen Gulden aus. Das ist ungefähr soviel wie heute 30 Milliarden Mark. Dafür knausert er am Personal. Als ersten wirft er seinen Kammerdiener raus. Am liebsten klettert er auf Baugerüsten herum, misst Fenster nach und nervt seinen Architekten.

Trotz seines pockennarbigen Gesichts, seines Stotterns, seines in München gar nicht geschätzten südhessischen Dialekts und seiner Schwerhörigkeit ist der Monarch ein erfolgreicher Schürzenjäger. Bis er schließlich selbst zur Strecke gebracht wird - von Lola Montez. Ihrer Macht über den 61jährigen bewusst, treibt sie das Volk zur Weißglut. Mal bedenkt sie Demonstranten mit vulgären Schimpfwörtern, mal bewirft sie wütende Münchner mit Konfekt oder bespritzt ihre Feinde mit Champagner. Und wenn sich der Monarch ihr nähern will, muss er der 29jährigen vorher Einblick in die Regierungsakten gewähren. Minister, die dagegen aufbegehren, werden entlassen. Weil auch Studenten protestieren, schließt der Herrscher kurzerhand die Universität.

Als Franz Baumer mit anderen Studenten und aufgebrachten Bürgern zornig das Palais der „spanischen Schlampe" umstellt, erscheint Lola Montez plötzlich mitten in der Menge und zückt eine Pistole. Die Volksseele kocht, ein Aufstand fegt die polizeiliche Autorität beiseite. Zwei Tage später muss Lola Montez die Koffer packen. Der Monarch dankt ab. Er stirbt 20 Jahre später als Pensionär in Nizza.

 

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