Jena, 1816: Als Turnvater Jahn zur Revolte aufrief

Dienstag, 26. November 2013

1816 herrscht in Jena Aufbruchstimmung an der Uni. Es geht um Einigkeit und Recht und Freiheit

Durch das Gasthaus „Zur Tanne“ hallt der Lärm der Revolution. 150 Studenten der Universität haben sich zu einer Sitzung versammelt. Sie stammen aus verschiedenen deutschen Ländern und haben ein kühnes Ziel: Aus ihrer von nicht weniger als 38 Staats- und Zollgrenzen geteilten Heimat soll wieder ein geeintes Deutschland werden.

Wortführer ist der Preuße Friedrich Ludwig Jahn. Wie viele seiner Mitstreiter hat er gegen Napoleon gekämpft. Vor zwei Jahren, bei seiner Rückkehr aus dem besiegten Frankreich, hat er ins Gästebuch der Wartburg geschrieben: „Großes ist geschehen, aber noch Größeres wird kommen. Jetzt scheint die Zeit dafür reif.“

Die Männer erheben sich und berühren ehrfürchtig die schwere seidene Fahne in ihrer Mitte. Drei breite Streifen aus doppeltem Atlasstoff und den Farben Purpur-Schwarz-Rot werden von goldenen Fransen gesäumt. Auf beiden Seite ist schräg über die Mitte ein goldener Eichenzweig gestickt. Auf dem unteren Streifen steht die Widmung derer, die die Fahne schufen: „Von den Frauen und Jungfrauen zu Jena am 31. März 1816.“

Schon die Studenten, die im „Lützowschen Freikorps“ gegen Napoleon kämpften, trugen an ihrer schwarzen Litewka rote Aufschläge und goldene Knöpfe. Jetzt sind diese drei Farben zum ersten Mal auf einer Flagge vereint. „Ha, wie das blitzt und rauscht und rollt! Hurra, du Schwarz, du Rot, du Gold!" singen,die jungen Männer begeistert. „Pulver ist schwarz, Blut ist rot, golden flackert die Flamme!"

Jena bietet dem nationalstolzen Kampf gegen Fürstenwillkür und Kleinstaaterei eine besonders günstige Basis. Seine Universität ist alt und berühmt, spiegelt aber als Landesuniversität gleich mehrerer thüringischer Zwergfürstentümer die ganze Zerrissenheit des einstigen Reichsterritoriums wieder:

Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Gotha-Altenburg, Sachsen-Coburg-Saalfeld, Sachsen-Hildburghausen, Sachsen-Meiningen. Die Hochschule ist in einem alten Klostergemäuer untergebracht, die Professoren werden schlecht bezahlt, aber das Studentenleben in Jenas Mauern ist billiger als irgendwo sonst. Deshalb haben sich viele Söhne aus ärmeren Familien hier eingefunden, in denen die Hefe der Revolution am heftigsten „gärt". Schon hat Großherzog Carl August seinem Minireich als erstem deutschen Land eine Verfassung gegeben. Und in der Nähe der Stadt, in der berühmten Schlacht bei Jena und Auerstädt, ist 1806 durch Napoleon das alte Preußen untergegangen.

Jetzt soll sich Deutschland vom gleichen Ort aus zu neuer Größe emporschwingen.

Jahn will das hohe Ziel vor allem durch eine Rückbesinnung auf „altdeutsche Werte" erreichen. Seine Leute lehnen die üblichen bunten Studententrachten ab und kleiden sich in einen bürgerlich schlichten schwarzen Rock mit offenem weißem Kragen. Sie schwärmen für den germanischen Freiheitshelden Arminius und lassen sich lange Barte sprießen. Sie legen großen Wert auf Leibesübungen, um auch ihre körperliche Tüchtigkeit in den Dienst des Vaterlandes stellen zu können. Später bekommt Jahn den Beinamen „Turnvater."

Das Jahr 1816 markiert eine Zeitwende. Neue Industrien stärken die wirtschaftliche Macht des Bürgertums. Um so verbissener verteidigt der Adel seine politischen Privilegien. Der liberale „Rheinische Merkur" wird schon zwei Jahre nach seinem Erscheinen verboten. Der deutsche Bund tagt unter der Führung Österreichs in Frankfurt. Die Grenzen seiner Mitgliedsstaaten schließen Luxemburg, Südtirol und Slowenien ein.

Einige Monate nach der Zusammenkunft in der „Tanne" marschieren die Jenaer Studenten mit Gleichgesinnten aus ganz Deutschland zum Wartburg-Fest und hissen die schwarz-rot-goldene Fahne auf Luthers Burg. Aber noch ist der Absolutismus der Fürsten stärker. Jahn kommt für sechs Jahre in Haft. Auch andere Studentenführer werden verfolgt, viele fliehen ins Ausland. Jena verliert seine Bedeutung als nationales Zentrum, als alle preußischen und österreichischen Studenten die Stadt verlassen müssen. Die Universität der ersten deutschen Revolution wird, wie es der Landesherr Carl August ausdrückt, „als eine durchlöcherte Schießscheibe zur Seite gestellt."

Aber die Lunte des Aufruhrs glimmt weiter. 1833 weht die schwarz-rot-goldene Fahne über dem Hambacher Schloss, 1848 in der Frankfurter Paulskirche. 1949 wird sie Staatsflagge der Bundesrepublik Deutschland.

 

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