Aachen um das Jahr 800: Als Karl der Große Europa vereinte

Mittwoch, 27. November 2013

Wie sich das Kurbad der alten Römer zum Zentrum des Reiches entwickelte

Ein Hornstoß übertönt das Stimmengewirr auf dem Platz vor der kleinen Burg. "Sie kommen!" ruft es vom Palisadentor. Rasch bilden die Neugierigen ein Spalier. Der junge Mönch Modoin drängt sich geschickt in die vorderste Reihe. Fränkische Panzerreiter lenken ihre schweren Schlachtrosse auf die Wartenden zu. Hinter ihnen rumpeln 16 riesige Lastwagen über die Reste des römischen Pflasters, jeder von vier mächtigen Ochsen gezogen. 

Ein Knappe eilt in das roh gemauerte Gebäude. Hinter dem Bau schwimmen bärtige Männer in einem großen Marmorbecken um die Wette. Als erster taucht ein Riese von 1,92 Metern aus den dampfenden Fluten, über denen der Gestank von faulen Eiern liegt. Wasser rinnt durch seinen blonden Seehundsbart.

"Sie sind da!" ruft der Knappe schon von weitem. Der Hüne steigt nackt aus dem Becken, wickelt sich ein grobes Tuch und eilt in den Palast. Kurz darauf tritt er verwandelt wieder hervor: Sein prächtiger viereckiger Mantel wird von einer goldenen Spange zusammengehalten, die Schuhe an den großen Füßen funkeln vor Edelsteinen. Mit großen Schritten überquert er den Platz und tritt auf der anderen Seite in eine Kapelle.

Als der Hofstaat Aufstellung genommen hat, dürfen auch die schweren Wangen vor die kleine Kirche rollen. Der Anführer des Zuges, Markgraf Erich von Frivol, ruft scharfe Befehle. Dann öffnen sich die Türen. Umringt von den Vornehmen des Frankenreiches, sitzt der blonde Schwimmer auf seinem Thron: König Karl, den man den Großen nennt, Herr der Franken, Sieger über Sachsen, Aaren und Langobarden, Herrscher über ein Reich von der Elbe bis zu den Pyrenäen, von der Bretagne bis nach Rom, ist zur Audienz bereit… Der Mönch wird, was er in diesem Jahr 795 in Aachen erlebte, niemals vergessen. Der Markgraf hat die Königsburg der Aaren in der ungarischen Steppe erobert. Nun schickt er seinem Herrn den Schatz des Khans: römische Goldmünzen und griechische Silberbecher, Schmuckstücke aus gotischen, hunnischen und awarischen Werkstatten glitzern im Sonnenschein.

Das Aachen jener Zeit ist kaum 50 000 Quadratmeter groß und zählt höchstens 1000 Seelen. Der König betrachtet die Stadt praktisch als sein Privateigentum. Die Römer nannten die Siedlung "Aqua Granni" ("Wasser des Grannus") und bauten sie zum Kurort für die Legionäre der germanischen Front aus. 

Jetzt, acht Jahrhunderte später, ist der von der Römerstadt kaum etwas übrig. Aber die Quellen sprudeln noch immer, und König Karl genießt die Wärme, die sein auf zahllosen Kriegszügen erworbenes Rheuma lindert. Fast jeden Winter kehrt der Franke in Aachen ein, bis er beschließt, den kleinen Ort zur Hauptstadt seines Imperiums zu machen.

Die dunklen Jahrhunderte nach dem Untergang des Römerreichs nähern sich ihrem Ende. Missionare aus Irland haben den wilden Germanen im Herzen des Kontinents das Licht des Glaubens gebracht. Mit dem Christentum kommt die Kultur.

Der König, den man später den „Schöpfer Europas" nennen wird, fordert nicht nur die Frömmigkeit: Die Menschen seines Reichs sollen auch lesen und schreiben lernen. Fr richtet die erste Schule Mitteleuropas ein. Gelehrte kommen nach Aachen. Der König ist ihr eifrigster Zögling: tagsüber nimmt er Unterricht in Grammatik, Rhetorik und Dialektik. Im Schlaf hütet er Tafel und Büchlein unter dem Kopfkissen. Wenn er aufwacht, setzt sich der Herr des Abendlandes auf und müht sich, wie sein Lehrer berichtet, „Hand an das Nachmachen von Buchstaben zu gewöhnen".

Viel lieber aber steigt Karl in die Stiefel, packt einen schweren Spieß und jagt in den Wäldern Wisent und Auerochse für seine Tafel. Weit muss er nicht reiten: Die Wildnis beginnt gleich hinter der Stadt; im Winter dringen Wölfe bis zum Marktplatz vor.


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