Lüneburg im Jahr 956: Wie das „Weiße Gold“ Wohlstand brachte

Donnerstag, 28. November 2013

Mit dem Salzzoll machte Otto der Große der Stadt ein königliches Geschenk

Laut knallt die Peitsche des Fuhrmanns über die Rücken der sechs starken Ochsen, die den schwerbeladenen Karren durch die Furt des Flüsschens Ilmenau ziehen. Schnaufend stemmen die Zugtiere ihre breiten Hufe in den schlammigen Boden, kämpfen sich Meter für Meter die Böschung empor. Weitere Wagen folgen. Zufrieden schaut der Anführer des kleinen Handelszugs auf das Bild, das sich ihm am anderen Ufer bietet: Der Weg schlängelt sich in sanften Windungen durch ein liebliches Tal, dahinter erhebt sich ein steiler Berg. Über den Palisadenwall einer starken Festung ragt der von einem Kreuz gekrönte Turm einer Klosterkirche empor.

Die Burg gehört zu einem Festungsgürtel, der das Land der Sachsen gegen die wilden Wenden des Ostens schützt. Schon als vor eineinhalb Jahrhunderten Karl der Große hier auf seinem Zug zur Elbe ein Lager aufschlug, wird der Platz „Hliuni“ (Zufluchtsort) genannt. Jetzt hat der berühmte Sachsenherzog Hermann Billung auf dem Kalkberg seinen Hauptsitz errichtet: die Hliuniburg, deren Name sich erst in späteren Jahrhunderten zu „Lüneburg“ wandelt.

Billung ist einer der Männer, die den heidnischen Osten mit Feuer und Schwert bekehren wollen. Im Auftrag Ottos des Großen reitet er immer wieder mit seinen Rittern in die Urwälder östlich der Elbe und brennt die Dörfer der Wenden und anderer slawischer Stämme nieder. Den Besiegten predigten dann Priester von den Segnungen des Christentums. Viele dieser Missionare kommen aus sächsischen Klöstern; auch die Abtei von Lüneburg leistet dazu ihren Beitrag.

Zur Belohnung hat König Otto (Kaiser wird er erst sechs Jahre später) dem Kloster in diesem Jahr 956 des Herrn sein Recht am Salzzoll abgetreten. Das Schriftstück ist bis heute erhalten geblieben; es gilt als Gründungsurkunde Lüneburgs und beweist das mehr als 1000jährige Alter der Stadt. Erst durch dieses wahrhaft königliche Geschenk kann sich an der Ilmenau ein blühendes Gemeinwesen entwickeln. Denn der Salzzoll ist damals praktisch so viel wert, wie heute die Erlaubnis, Geld zu drucken.

Die Salzquelle liegt gleich neben dem Berg; sie ist die reichste Europas. Schon zur Zeit Christi Geburt wurde das „weiße Gold" gefördert, damals noch von den Langobarden, die dort siedelten, bevor sie in den Wirren der Völkerwanderung nach Ungarn und Italien zogen.

Der kleine Handelszug aus Goslar hat sein Ziel erreicht. Staunend stehen die Fuhrknechte vor dem größten Industriebetrieb ihrer Zeit. In niedrigen Hütten arbeiten Hunderte von hörigen Knechten. Sie schütten das stark salzhaltige Wasser, die Sole, in große Bleipfannen und erhitzen es über großen Feuern so lange, bis das Mineral getrocknet ist und wie weißer Sand in den Behältern liegt. Andere Arbeiter füllen das Salz für den Transport in große Fässer.

Die „Sülze", wie das Salzbergwerk genannt wird, besitzt alle Eigenschaften eines modernen Unternehmens: kontinuierliche Produktion, fremde Anteilseigner (Fürsten, Ratsherren) und einen Manager, den Sülfmeister, der für den gesamten Ablauf verantwortlich ist. Auch haben sich Zulieferer angesiedelt: Küfner stellen tagein, tagaus immer neue Fässer her. Holzschläger wandern jeden Tag in die Eichen- und Buchenwälder der Umgebung, um Brennstoff für die Salzsiederei und Rohmaterial für die Verpackung zu liefern. Schon jetzt müssen sie zum nächsten Wald acht Kilometer weit laufen. In den nächsten drei Jahrhunderten schlagen sie das Land bis nach Celle kahl - die Lüneburger Heide entsteht.

Otto der Große kann es sich trotzdem leisten, auf seinen landesherrlichen Anteil am Gewinn zugunsten des St.-Michaelis-Klosters zu verzichten: Seit seiner Hochzeit mit seiner zweiten Frau Adelheid vor fünf Jahren ist er auch Herrscher von Norditalien und Burgund.

Mit dem Machtzuwachs der Deutschen bessern sich auch Lüneburgs Geschäfte. Im 16. Jahrhundert lassen die reichen Patrizier sogar die Geschichte ihrer Stadt umschreiben: Sie heuern einen Historiker an, der prompt die Fabel ersinnt, dass schon Cäsar mit seinem Heer bis an die Ilmenau gekommen sei. Auf dem Kalkfelsen habe er ein Opfer dargebracht, und zwar dem Mond, den die Römer als weibliche Gottheit verehrten und „Luna" nannten. Seither glauben manche Lüneburger, dass der Name ihrer Stadt nicht von einer profanen Fluchtburg, sondern von einer glanzvollen heidnischen Göttin stammt.

 

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