Als Berlin schon einmal das Herz Europas war

Freitag, 29. November 2013

In den Goldenen zwanzigern bestimmte die Stadt Geist der Zeit: Nirgendwo sonst lebten so viele Künstler, Dichter und Gelehrte

Die Berliner haben den ersten Weltkrieg und die Inflation gerade hinter sich. Jetzt lebt, wer kann, in Saus und Braus. Trotzdem herrscht nirgendwo eine solche Kluft zwischen elender Armut und neureicher Prasserei. Thomas Manns Sohn Klaus schreibt: „Millionen von unterernährten, korrumpierten, wütend vergnügungssüchtigen Männern und Frauen torkeln und taumeln dahin im Jazz-Delirium. Die Börse hüpft, die Minister wackeln, der Reichstag vollführt Kapriolen. Die Girls der neuen Revuetheater schütteln animiert das Hinterteil. Man tanzt Foxtrott, Shimmy, Tango, den altertümlichen Walzer und den schicken Veitstanz. Man tanzt Hunger und Hysterie, Angst und Gier, Panik und Entsetzen. Ein geschlagenes, demoralisiertes Volk sucht Vergessen im Tanz.“

Das Jahr 1929 ist der Höhepunkt jeder Zeit, die man später die „Goldenen Zwanziger“ oder die „Roaring Twenties“ nennt. Berlin, erst neun Jahre zuvor durch das „Gesetz zur Bildung einer neuen Stadtgemeinde“ aus acht Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken geschaffen, ist mit fast 900 Quadratkilometern Fläche größer als London oder Paris und mit 4,3 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt der Welt. Über den Potsdamer Platz fließt der Verkehr dichter als irgendwo sonst. Die Stadt ist das bedeutendste Handels-, Banken- und Börsenzentrum des Deutschen Reiches, aber auch die Stadt mit den meisten Handwerksbetrieben. Und ein wichtiger Industriestandort: Mehr als eine Million Berliner (46 Prozent) sind Arbeiter. Dazu kommen 665000 Beamte und Angestellte, 336000 Selbstständige und immerhin noch 132000 Hausangestellte. Durch die Wirtschaftskrise sind die Grundstückspreise in den Keller gefallen. Eine weitsichtige Verwaltung nutzt das aus und kauft 1929 für knapp 80 Millionen Reichsmark 3705 Hektar als Baulandreserve. Denn die 150 000 in den letzten Jahren neu gebauten Wohnungen reichen bei weitem nicht aus.

Berlin ist die geistige und kulturelle Metropole Europas. In keiner anderen Stadt leben so viele Nobelpreisträger. In der Haberlandstraße Nr. 5 hat Albert Einstein vor wenigen Jahren die berühmte Relativitätstheorie aufgestellt. Der anspruchslose Gelehrte, der niemals Socken trägt und bei Einladungen mit Schnürstiefeln zum Smoking erscheint, wird derart von Autogrammsammlern bestürmt, dass er nach Auskunft seines Briefträgers „sogar noch mehr Post bekommt als der Gerichtsvollzieher".

Besonders reich ist das sogenannte Spree-Athen an Schriftstellern, Journalisten und Theaterleuten. In der Bar des „Eden" haben Heinrich Mann und Erich Maria Remarque ihren Stammtisch. Alfred Polgar und Ferenc Molnar treffen sich dort mit prominenten Schauspielern. Bertolt Brecht geht oft ins Restaurant „Aschinger", wo die Brötchen kostenlos sind. Thomas Wolfe nennt den Kurfürstendamm das „größte Cafehaus Europas". Bei einem Bummel durch drei Lokale im Umkreis von hundert Metern kann man dort in wenigen Stunden mehreren Dutzend Prominenten begegnen: Dichtern wie Hans Fallada („Kleiner Mann, was nun?"), Malern wie George Grosz, Journalisten wie Kurt Tucholsky, Schauspielern wie Hans Albers und Verlegern wie Ernst Rowohlt. In Rowohlts Druckerei in der Passauer Straße übt der Lehrling Willy Stoph, der spätere Ministerratsvorsitzende der DDR, gerade mit Genehmigung des Chefs die Herstellung von Flugblättern. Am Eckhaus Friedrichstraße 17/18 bringen Arbeiter in diesem Jahr 1929 eine Gedenktafel an, auf der steht: „An dieser Stätte wohnte 1837 bis 1838 Karl Marx, der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus".

Der Glanz bleibt nicht ohne Flecken: Berlin ist, wie heute New York, auch eine Welthauptstadt des Verbrechens. Kriminelle Banden nennen sich „Ringvereine" und arbeiten mit Mafia-Methoden. Einer von ihnen residiert als „Ruderclub" am Ufer des Wannsees. Wachposten schlagen Alarm, wann immer sich ein Polizeiboot nähert. Schließlich greifen die Gesetzeshüter zu einer List. Sie kostümieren sich selbst als Wassersportler, rudern in mehreren Achtern über den See und verhaften die verdutzten Ganoven.

Brave Bürger suchen im zwielichtigen Milieu Nervenkitzel. Berlins Rotlichtviertel ist berühmter als Londons Stadtteil „Soho" oder der Pariser „Place Pigalle". Im Jahr 1929 sind dort über 500 Nachtklubs in Betrieb. Es gibt mehr als 300 Revuen und Cabarets. Über 5000 Liebesdienerinnen sind registriert. Der aus den USA importierte Jazz dringt aus den eben erst erfundenen Radios und liefert die Begleitmusik zu einem Tanz auf dem Vulkan.

Vier Jahre später sind die Nazis an der Macht. Ein großer Teil der Künstler. Literaten und Gelehrten flieht oder wird ermordet. Zehn Jahre später beginnt der Zweite Weltkrieg, an dessen Ende Berlin zerstört und geteilt ist.

 

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