Der Schwarzwald im 3. Jh.: Germanen, Götter und Dämonen

Samstag, 30. November 2013

Die wilden Bräuche, die die Römer schreckten, leben in der Fastnacht weiter

Auf dem kleinen Platz zwischen den niedrigen Häusern im Schwarzwald tanzen Männer, Frauen und Kinder um ein loderndes Feuer. Plötzlich wird das Prasseln der Reisigbündel von lautem Wolfsgeheul übertönt. Dann brechen gespenstische Gestalten aus den engen Gassen hervor, stürzen sich auf die Zuschauer, die kreischend fliehen. Dem Kaufmann Marcus Metellus aus Mailand fährt beim Anblick der Dämonen mit den Tierköpfen der Schrecken in die Glieder. Der junge Christ ist zum ersten Mal im alten „Decumatenland“, wie es die Römer noch immer nennen, und nicht mit den uralten heidnischen Bräuchen vertraut, mit denen die Alemannen den Winter vertreiben.

Sein Geschäftspartner, ein keltischer Fernhändler, hat ihn im Jahr 300 n.Chr. nach Basilea (Basel) eingeladen. Von dort wollen die beiden Männer durch den Schwarzwald bis nach Aquae (Baden-Baden) reisen.

Die Römer sind vor ihren neuen Nachbarn auf der Hut. Sie fürchten Alemannen, ein aus mehreren Germanenstämmen zusammengewürfelter Haufen, als grausame Krieger, die immer wieder plündernd in die reichen Provinzen der Weltmacht einfallen. Einmal kommen sie dabei sogar bis kurz vor Rom. In Arae Flaviae hat sich im Jahr 250 n.Chr. ein Alemannenhäuptling niedergelassen. Die hochgewachsenen Männer mit blonden Locken und langen Bärten tragen Mäntel aus grober Wolle mit Wolfspelz auf den Schultern. Sie essen Jagdwild und gießen in rauen Mengen den aus Honig gegorenen Met hinterher. Ihre Götter heißen Wotan und Donar. Einem Krieger, der in der Schlacht fällt, winkt nach ihrem Glauben ein immerwährendes Gelage in der himmlischen Götterburg Walhall.

Rom hat den Zenit seiner Macht überschritten, aber noch hat das reich Kraft genug, sich gegen die vielen raubgierigen Germanenstämme zu wehren: Seine Herrscher sind in diesen Jahren fähige, einst von den eigenen Truppen auf den Thron gehievte Generäle. Sie werden Soldatenkaiser genannt und stammen oft gar nicht mehr aus Rom, sondern aus entfernten Provinzen. Keiner von ihnen blieb länger als sechs Jahre im Amt. Alle verbrachten ihre Regierungszeit größtenteils im Feldlager oder an der Front. Und alle finden ein gewaltsames Ende. Innerhalb von nur einer Generation kommen drei Dutzend Kaiser, Gegenkaiser und Usurpatoren um.

Aber auch ohne Purpur lebt es sich in diesen Zeiten gefährlich. Im Jahr 250 n.Chr. dringt die Pest von Äthiopien aus durch das ganze Reich und rafft Millionen Menschen dahin. Die Not lässt viele an den alten Göttern verzweifeln und zum Christentum übertreten, das sich auch in den Provinzen ausbreitet.

Nach kurzer Zeit kehren die wilden Tiergestalten auf den Hauptplatz von Arae Flaviae zurück. Nun werden auch sie verfolgt. Nie zuvor hat Marcus Ähnliches gesehen. Dieselben Figuren tauchen leicht verändert bis heute in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht auf. Wölfe und Bären stellen Winterdämonen dar. Im Lauf der Zeit sind daraus die „Schantle" (Schandkerle) geworden: Totenschädel, Hexen und Teufel wie der Elzacher „Schuddig" mit der Satansfratze aus Lindenholz oder der „Schneckenhänsle"' aus Zell am Harmersbach. Ihre Verfolger sind Fruchtbarkeitsdämonen. Sie toben heute als grüne Wildmänner wie die „Tannchriesler" oder „Stechpälmler" durch die Fastnacht. Rottweils „Federehannes", der mit Vorliebe Mädchen neckt, erinnert an den Hahn, der seit dem Altertum Zeugungskraft symbolisiert. Ebenso wie der Hase, dessen Bild bis heute viele Kostüme verziert.

Auf dem Höhepunkt der wilden Feier wird eine große Strohpuppe verbrannt. In Leibertingen kehrt dieses Sinnbild des besiegten Winters in jeder Fastnacht als „Strohglonki" wieder. Auch der heutige Narrenbaum stand schon im alten Arae Flaviae - als Lebensbaum dem aufgerichteten Penis nachgebildet. Rüssel-Masken sind ebenfalls Phallussymbole und erinnern an alte Fruchtbarkeitsriten.

Tief beeindruckt reist Marcus Metellus am nächsten Morgen weiter. Er hat etwas von der urwüchsigen Kraft gespürt, die in diesem Volk steckt. Andere Germanenstämme werden bald die Grundfesten des Römerreichs erschüttern, bis nach Spanien oder Afrika vordringen und schließlich untergehen. Die Alemannen aber bleiben wo sie sind. Und mit ihrem Land wird auch ihr Brauchtum zwei Jahrtausende erhalten bleiben.

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt