Als in Braunschweig der prächtigste Hof Europas war

Sonntag, 1. Dezember 2013

Wie sich unter Heinrich dem Löwen die Stadt an der Oker im 12. Jahrhundert zu einer mächtigen Metropole entwickelt

Robert von Lisbourne ist beeindruckt. Der junge englische Ritter hatte es belächelt, dass die Trauung seiner Herrin Mathilde im Jahr 1168 mit diesem seltsamen sächsischen Herzog Heinrich nicht in dessen Hauptstadt Braunschweig, sondern in Minden stattfinden sollte. Weil dort eine prächtige Kathedrale steht, während man sich in Braunschweig in ein viel kleineres Kirchlein hätte drängen müssen. Und so ein Provinzfürst ließ sich von seinen Leuten „Löwe“ nennen! Wahrscheinlich war seine Burg auch nur ein besserer Gutshof, kaum groß genug, um darin anständig zu tafeln und Ritterturniere abzuhalten.

Nun aber blickt der Engländer vom Rücken seines Pferdes, über das dichte Menschengewimmel des Braunschweiger Marktplatzes hinweg auf den Fürstensitz, der den Vergleich mit einem kaiserlichen Palast nicht zu scheuen braucht. Die Burg Dankwarderobe bedeckt, ganz aus hellem Backstein gemauert, eine Fläche von 28000 Quadratmetern. Zu der imposanten Residenz gehören der Palast als Repräsentationsraum, die von Kaminen beheizten Privatgemächer des Herzogs und seiner Familie, Wirtschaftsgebäude, Stallungen, Wohnhäuser für die Dienstmannen, ein Gerichtsgebäude, eine Kapelle, eine Vogtei zur Verwaltung, Küchenhof, Magazine und Speicher sowie tiefe Kerkergewölbe für die Gefangenen.

Die Oker ist in Braunschweig so breit, dass darauf Handelsschiffe fahren können. Ein Steg führt zum „Jägerhof“, einer künstlichen Insel. Dort werden im Schutz hoher Palisaden prächtige Feste gefeiert. Zuweilen fängt der Herzog zur Entspannung Singvögel mit Netz und Leimrute. Noch größer wird Sir Roberts Staunen, als er mit anderen vornehmen Herren in Herzog Heinrichs Privatgemächer geführt wird. Sie zeigen allen Prunk, den sich ein reicher des Jahres 1168 leisten kann: Fenster aus farbigem Glas, kostbar gestickte Vorhänge, geschnitzte Tische, Pokale aus Silber und Gold, üppig gepolsterte Ruhebetten, erlesen gewirkte Teppiche auf dem mit Marmorplanen belegten Boden.

Braunschweig ist unter der Herrschaft des Löwen binnen weniger Jahre zu einer Weltmetropole geworden. Er hat die ursprünglich fünf verschiedenen Siedlungen am Ufer zu einer Stadt zusammengefasst und mit einer starken Mauer umgeben. 5000 Bürger wohnen hier. Viele davon sind flandrische Tuchweber, die der Herzog anwarb, um eine heimische Textilindustrie aufzubauen.

Heinrich bedeutet wörtlich „Herr eines kleinen Besitzes". Den Zeitgenossen des Löwen erscheint der Name wie Hohn. Der Herzog herrscht über Sachsen und Bayern, nennt außerdem riesige Güter in Schwaben, Ober- und Mittelitalien sein Eigentum. Nicht einmal der Kaiser ist so reich.

Die Hochblüte des Rittertums beginnt. Der Franzose Chretien de Troyes setzt die Artus-Sage in Verse. In Südwestfrankreich, das damals zu England gehörte, schart die schöne Königin Eleonore von England einen romantischen Kreis von Minnesängern um sich. Die Tochter dieser von Rittern aus ganz Europa angehimmelten Fürstin hat ihre Heimat verlassen müssen, um nach Braunschweig zu ziehen. Es ist jene Prinzessin Mathilde, die ihr Vater Heinrich II. von England vor drei Jahren mit Herzog Heinrich aus politischen Gründen verlobt hat. Sachsen und Angelsachsen wollen im Norden ein Gegengewicht zu den Staufern schaffen. Da spielt es keine Rolle, dass der Herzog schon fast 40. seine Braut dagegen erst zwölf Jahre alt ist. Mathilde hat, wie Ritter Robert, das Schlimmste befürchtet. Der größte Teil Norddeutschlands ist immer noch von dichtem Urwald bedeckt. Vor drei Jahren hat eine Sturmflut die Küsten verheert. In Braunschweig aber erkennt die Prinzessin bald, dass der Bräutigam nicht etwa nur auf die kostbare Mitgift aus Gold, Silber und Juwelen erpicht war, sondern selbst ohne Mühe in der Lage ist, eine angemessene Hofhaltung zu finanzieren. So reift Mathilde zu einer hochgewachsenen blonden Frau heran, die sechs Kinder zur Welt bringt und es sogar schafft, dem schwerblütigen Braunschweiger ein Stück von der Leichtigkeit des französischen Hoflebens zu vermitteln.

 

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