Bamberg,1020: Ein Gottesurteil rettet Kaiserin Kunigunde

Montag, 2. Dezember 2013

Mit nackten Sohlen über glühende Pflugscharen – so beweist die fromme Kaiserin ihre Unschuld

Weihrauchschwaden ziehen durch den riesigen Dom. Vor dem Altar glühen eiserne Pflugscharen in einem lodernden Feuer. Knechte packen mit Zangen zu und legen die heißen Metallplatten vor den Thron auf die steinernen Fliesen. Gespannt beugt sich der Kaiser vor. Seine bärtigen Lippen murmeln Gebete. Priester und Mönche singen laut die sieben Psalmen der Buße. Der Erzbischof reicht der Kaiserin Weihwasser in einem Kelche. Mit geschlossenen Augen nimmt Kunigunde von Luxemburg einen Schluck. Dann breitet sie die Arme aus. Zwei Bischöfe ergreifen ihre Hände und führen sie. Schritt für Schritt geht die Kaiserin mit nackten Sohlen über die glühenden Pflugscharen hinweg. Unmittelbar danach sinkt sie betend nieder. Der Erzbischof beugt sich zu ihr herab, untersucht die Füße, hebt dann segnend die Hand – die Probe ist bestanden, die Kaiserin unverletzt…

So schildern die Überlieferung ein aufsehenerregendes Gottesurteil des Jahres 1020. Überall in Deutschland werden immer wieder Frauen gezwungen, den begründeten oder unbegründeten Verdacht außerehelicher Beziehungen durch eine gefährliche Mutprobe zu widerlegen. Bleiben sie unverletzt, gilt die Anschuldigung als erledigt. Versehrt sie das Feuer aber, werden sie als Ehebrecherinnen hingerichtet. Den Menschen des Mittelalters erscheint das nur gerecht. Dass sich nun aber sogar eine Kaiserin dem Verfahren unterzieht, löst überall Verwunderung aus.

Kunigunde von Luxemburg hat die Prozedur indessen freiwillig auf sich genommen – aus jener Gottliebe, die Heilige schmückt, die auch ihren Ehemann Heinrich II: auszeichnet: Der frömmste Kaiser, den die deutsche Geschichte kennt, hat nicht nur die Kirche reich mit Ländereien beschenkt, er hat sogar trotz seiner Ehe ein Keuschheitsgelübde abgelegt, um ganz im Sinne Jesu zu leben - so, wie man es in jener Zeit versteht. Und nun hat seine geliebte Frau vor aller Augen bewiesen, dass der Kaiser und sie selbst über jeden Zweifel an ihrer selbstgewählten Keuschheit erhaben sind.

Der Ort der Handlung zeigt indes, dass diese Demonstration des Glaubens auch eine politische Dimension hat: Schon vor 20 Jahren hat der Kaiser damit begonnen, aus der kleinen Stadt an der Regnitz ein Rom des Nordens zu machen.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das ganz Mitteleuropa zwischen Oder und Loire, Elbe und Tiber umfasst, besitzt keine Hauptstadt. Seit einem Jahrhundert schon ziehen seine Herrscher von Pfalz zu Pfalz - anders lässt sich das riesige Machtgebilde nicht verwalten. Heinrich H. will nun mit Bamberg wenigstens einen geistigen Mittelpunkt schaffen. Er hat in der Gegend seine Kindheit verbracht; hier will er einst auch begraben sein.

Als Heinrich Kaiser wird, zählt Bamberg knapp 1000 Einwohner. Die meisten sind raue, rauflustige Kriegsleute, denn Burg und Stadt sind ein vorgeschobener Posten an der Ostgrenze des Reichs. Ein paar Meilen weiter beginnen die Länder der Slawen.

Jetzt, einige Jahre später, ist die Stadt kaum wieder zu erkennen. Hinter den mächtigen Wällen drängen sich Häuser und Hütten für mehr als 3000 Menschen zusammen. Die meisten Zuwanderer sind Bauleute: Steinmetze, Maurer und Zimmerleute sind aus dem gesamten Reich zusammengeströmt, um dem frommen Willen des Herrschers in einem gewaltigen Gotteshaus Gestalt zu verleihen. Im Mai 1012 ist der Dom geweiht worden, aber fertig ist er noch lange nicht. Zwar stehen die Altäre, aber der weltberühmte „Bamberger Reiter" zum Beispiel wird erst lange nach Heinrichs Tod, im Jahr 1240, aus Sandstein gemeißelt.

Das Jahr 1020 fällt in eine Zeit schwerer Auseinandersetzungen: König Knut von Dänemark hat England unterworfen, in Sizilien machen sich die Normannen zu Herren, Byzanz hat das Bulgarenreich vernichtet, der Pole Boleslaw kurz zuvor Böhmen besetzt. Der fromme Kaiser muss viele Kriege fuhren, um den Bestand des Reiches zu wahren.

Vier Jahre später ist der Kaiser tot. Seine Nachfolger, die Salier, stammen vom Mittelrhein. Sie machen Speyer zum Mittelpunkt ihrer Macht, wo bald ein neuer Kaiserdom entsteht. Bamberg gerät wieder an den Rand der Geschichte. Aber das von Heinrich II. gegründete Erzbistum bleibt bis heute bestehen. Und auch die Erinnerung an die mutige Kaiserin Kunigunde wird nie vergehen.

 

 

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