Als Heine für die Freiheit des Geistes kämpfte

Dienstag, 3. Dezember 2013

Mit der Bürgerbewegung und der industriellen Revolution beginnt in Düsseldorf 1820 eine neue Zeit.

 Der junge Mann, der an dem sonnigen Septembertag auf der Düsseldorfer Königsallee spazieren geht, ist trotz seiner 23 Jahre schon viel herumgekommen: kaufmännische Lehre in Frankfurt, Banklehre in Hamburg, Jurastudium in Bonn. Noch ein paar Tage, dann wird er die Residenz am Rhein für immer verlassen und sie dennoch niemals vergessen.

„Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön“, wird er später schreiben, „und wenn man in der Ferne an sie denkt, wird einem wunderlich zumute. Ich bin dort geboren, und es ist mir, als müsste ich gleich nach Hause gehen Und wenn ich sage nach Hause, so meine ich die Bolkerstraße und das Haus, worin ich geboren bin.“ – Diese sentimentalen Sätze stammen von einem Dichter, der eigentlich als unsentimentaler Spötter und glühender Verfechter der Französischen Revolution berühmt geworden ist: Heinrich Heine. Und die Industrie- und Handelsmetropole Düsseldorf, die heute fast 600 000 Einwohner zählt, ist in jenem Jahr 1820 nur ein Provinznest mit 23000 Seelen. Wo heute die nordrhein-westfälische Landesregierung arbeitet, langweilt sich vor 170 Jahren der bescheidene Hof eines niederrheinischen Herzogs. Wo heute moderner Straßenverkehr lärmt, zockelt damals nur ab und zu eine Kutsche über die ungepflasterten Straßen zwischen grünenden Gärten.

Erst im Jahr 1288 hat Düsseldorf das Stadtrecht bekommen. Seit 1511 herrschten hier die Herzöge von Berg und später von Pfalz Neuburg, seit 1614 die von Kurpfalz. 1820 ist das Städtchen schon seit vier Jahren preußisch. Heine stammt mütterlicherseits aus der jüdischen Familie van Geldern, deren Mitglieder schon seit dem 17. Jahrhundert als Hoflieferanten großes Ansehen genießen. Ihr Palais an der Neußer Straße ist ein Zeugnis ihres Reichtums. Großonkel Simon ist als Abenteurer durch die Welt gezogen. Mutter Betty van Geldern hat den Luftikus Samson von Heine aus Hamburg geheiratet, der an der Bolkerstraße einen Textilhandel betreibt. Der Neubürger spielt bald eine bedeutende Rolle in der Bürgerwehr, der Armenpflege oder im Lotteriegewerbe. 1814 befallen ihn epileptische Anfälle und Geistesgestörtheit. Sohn Heinrich muss erleben, wie der Vater bankrott macht und entmündigt wird.

Es sind bewegte Zeiten. Deutschland besteht aus rund 200 Staaten, meist winzigen „Duodez-Fürstentümern", deren kleinstes, Reuss in Thüringen, gerade mal 12 000 Einwohner in 60 Dörfern zählt. Die Herrscher behandeln ihre Untertanen mit unnachgiebiger Härte. Doch nach dem Sieg über Napoleon haben sich überall Bürgerbewegungen gebildet, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit fordern. Die Reaktion der absolutistischen Fürsten: Nach den Karlsbader Beschlüssen von 1819 werden demokratische Versammlungen verboten und Zeitungen zensiert. Strenge Polizeigesetze bieten die Handhabe, alle politischen Gegner ins Gefängnis zu werfen. In Preußen wird sogar das Turnen verboten. Heinrich Heine schreibt seine ersten Gedichte und muss später wegen seiner revolutionären Schriften in ständiger Angst leben. 1835 werden sie verboten.

Aber die Macht der Monarchen gerät immer mehr ins Wanken: Das Industriezeitalter hat begonnen. Es macht aus den Deutschen andere Menschen. Friedrich Engels, in diesem Jahr 1820 geboren, schreibt schon bald über das neue Proletariat der Fabrikarbeiter und wird zum Mitbegründer des Kommunismus. Noch weit rascher als die gesellschaftliche schreitet die technische Entwicklung voran. Karl Friedrich von Drais erfindet das Laufrad. Die „Savannah“ fährt als erstes Dampfschiff in 26 Tagen von Nordamerika nach Europa. André Marie Ampére entdeckt die Kraft elektrischer Ströme.

Im beschaulichen Düsseldorf ist von alldem wenig zu spüren. So hinterwäldlerisch ist das Rheinstädtchen aber nicht, dass die Damen nicht schon nach der neuesten Mode ginge: langer Rock mit kurzem Oberteil und bauschige Ärmel. Die Herren tragen enge Hosen zum Frack.

Die Zeit des Biedermeier hat begonnen. Anders als in anderen deutschen Städten sind Düsseldorfs Juden nicht gezwungen, in einem Getto zu hausen. Hier herrscht der französische Geist einer liberalen Gesetzgebung vor. Nach seinem letzten Besuch geht Heine nach Göttingen und später nach Frankreich, wo er 1856 in Paris stirbt. Die Verbindung mit seiner Heimatstadt lässt er jedoch nie abreißen. 1837 schreibt er seinem Bruder: „Ich werde wahrscheinlich die Zahl jener edelsten und größten Männer Deutschlands vermehren, die mit gebrochenem Herzen ins Grab steigen. In Düsseldorf wird mir dann wohl ein Monument gesetzt werden."

 

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