Passau, 1189: Als Kaiser Barbarossa ins Heilige Land zog

Mittwoch, 4. Dezember 2013

3000 Kreuzritter verwandeln die Dreiflüssestadt in ein riesiges Heerlager

Seit Stunden stehen vornehme Bürger, aber auch Handwerker, Bauern und viele einfache Leute aus Passau als Begrüßungskomitee vor den Toren ihrer Stadt. Vor vier Tagen ist Kaiser Friedrich Barbarossa in Regensburg zum Kreuzzug aufgebrochen. Die ersten Schiffe seiner Flotte haben die Dreiflüssestadt schon erreicht. Jetzt endlich nähert sich auch das gewaltige Heer: Helme, Panzer, Waffen schimmern in der Ferne, wehende Fahnen tauchen aus dem dichten Wald auf. Und schließlich lenken die ersten Ritter des Zugs ihre schnaubenden Rosse auf das Tor zu. An ihrer Spitze reitet der Kaiser. Friedrich von Hohenstaufen, wegen seines einst rotblonden Bartes „Barbarossa“ genannt, ist längst ein weißhaariger Greis, aber der mächtigste Mann des christlichen Abendlandes. Sein Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation umfasst im Jahr 1189 ganz Zentraleuropa mit Südfrankreich und Norditalien, Böhmen und Holland. Dreitausend Ritter folgen ihm. Jeder von ihnen trägt, wie der fast 70jährige Kaiser, ein großes weißes Kreuz auf seinem Umhang.

Passau ist kein Provinznest. Schon Jahrhunderte vor Christi Geburt haben Kelten in „Boiodurum“ gesiedelt. Die Römer bauten „Castra Batavis“ zu einem bedeutenden Stützpunkt aus. Der heilige Severin errichtet im Jahr 453 ein Kloster. Im 7. Jahrhundert herrschen hier bayerische Herzöge und bald auch ein Bischof. Seit dem frühen Mittelalter ist „Bazzawa“ das deutsche Tor zum Orient. Kaufleute fahren von dort auf der Donau bis ins Schwarze Meer und weiter nach Byzanz. Missionare aus Passau bekehren die wilden Völker des Ostens. Auch die sagenhaften Nibelungen zogen hier durch, bevor sie in König Attilas Burg ihr Blut vergießen. Dieses Schicksal erwartet auch viele der Ritter, Knappen und Knechte, die mit Barbarossa nach Osten marschieren. Aber daran denkt kaum einer, als das Heer in Passau Station macht.

Die Stadt ist mit ihren knapp 4000 Einwohnern natürlich viel zu klein, um rund 15 000 Menschen in ihren Mauern aufnehmen zu können. So entsteht an der Donau ein riesiges Zeltlager. Die Passauer sind geschickte Handwerker und schlaue Händler. Bald herrscht auf den sonst nur zur Viehweide genutzten Wiesen am Strom ein Treiben wie in einem orientalischen Bazar. Und die Passauer machen gute Geschäfte. Denn der Kaiser hat dafür gesorgt, dass jeder Mann in seinem Heer genug Geld bei sich hat, um zwei Jahre lang auf eigene Kosten leben zu können. Das teuerste Gerät sind Waffen. Jeder staufische Ritter schleppt mit dem Helm, dem mit vielen kleinen Eisenringen besetzten Panzerhemd und der ebenso gefertigten Hose ein Gewicht von einem halben Zentner mit sich herum. Darunter werden dicke Unterwäsche und eine Leibbinde, darüber das bunte Wappenhemd und der wollene Umhang getragen. Jetzt, Mitte Mai, ist das gut auszuhalten. In der Glut Anatoliens werden viele der Gepanzerten an Kreislaufzusammenbrüchen sterben. Schwert, Schild und Speer bringen noch einmal 15 Kilogramm auf die Waage.

Die Passauer haben keine Angst vor den martialischen Besuchern, denn drakonische Gesetze sorgen für Disziplin. Dieben werden die Hände abgehauen, Plünderer werden geköpft und Vergewaltiger zu Tode gepeitscht. Außerdem duldet der Kaiser im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht jenes Gesindel um sich, das sich solchen Kreuzzügen nur anschließt, um in der Fremde bedenkenlos rauben und morden zu können.

Barbarossa ist zu diesem Kreuzzug auf gebrochen, weil Sultan Saladin Jerusalem erobert hat. Von Passau marschiert der Kaiser über Wien, Preßburg und Belgrad nach Anatolien. Ein Erzbischof, acht Bischöfe, ein Herzog, drei Markgrafen und 29 Grafen folgen ihm. Aber noch ehe der Zug das Heilige Land erreicht, stirbt Barbarossa in Kleinasien beim Sturz in einen Fluss. Das durch riesige Verluste geschwächte Heer löst sich auf. Von acht Passauer Domherren kehrt nicht ein einziger nach Hause zurück.

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt