Stralsund im Dreißigjährigen Krieg

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Als Wallenstein 150 000 Taler erpressen will, kapituliert die Hansestadt nicht. Wie es den Bürgern gelingt, den Ansturm der Angreifer abzuwehren.

 

Vor dem Rathaus von Stralsund hat sich eine erregte Menschenmasse versammelt. Die Nachricht, dass ein Bote des kaiserlichen Feldherrn Wallenstein gekommen ist, verbreitet sich in der Stadt wie ein Lauffeuer. Immer mehr Bürger lassen ihre Arbeit liegen und scharen sich um den Advokaten Jusquinus von Gosen, der eine Ansprache hält. Der große Krieg, den man später den Dreißigjährigen nennen wird, hat nun auch die Handelsmetropole an der Ostsee erreicht. Die Folgen sind den Stralsundern klar. Er wird sie entweder viel Geld kosten – oder Ströme von Blut.

Die Forderung Wallensteins ist eindeutig erpresserisch. Der Rat soll eine kaiserliche Besatzung in der Stadt aufnehmen, 150 000 Taler zahlen und außerdem einen großen Posten Gold- und Silberzeug, Stoffe und Bänder abliefern. Andernfalls werde der Feldherr die Stadt erobern und keinen Stein auf dem anderen lassen.

Während die Ratsherren noch diskutieren, meldet sich ein weiterer Bote, diesmal vom Herzog von Pommern entsandt. Seine Botschaft: Der Fürst habe von der Forderung Wallensteins erfahren und könne wohl voraussehen, wie die Stadt durch Einquartierung einer wilden Truppe leiden müsse. Wenn die Stralsunder aber stattdessen ein paar Fähnlein seiner eigenen Soldaten aufnehmen wollten, könne er sich beim Kaiser für die Sicherheit der Stadt verbürgen.

„Da stehen wir nun wie die Lämmer zwischen Wolf und Fuchs“, seufzt einer der Ratsherren, „und wissen nicht, ob die spitzeren Zähne oder der größere Rachen mehr zu fürchten sind.“ Am liebsten will er überhaupt kein fremdes Kriegsvolk dulden. Stralsund nennt sich zwar kaiserlich und freie Reichsstadt, ist aber in Wirklichkeit eine Republik, sogar eine ziemlich radikale. Die 5000 Einwohner beugen sich vor keinem Fürsten.

Die Macht der Hansestadt gründet sich auf Hafen und Hinterland. Der Handel hat Stralsund reich gemacht. Die Patrizier residieren in prächtigen Backstein-Palästen, fahren in Sechsspännern durch die Straßen, kleiden sich in Zobel. Aber es gibt auch soziale Reibereien. In allen vier Stadtteilen haben sich die ärmeren Einwohner politisch organisiert. Seit zehn Jahren wird ein Volksparlament gewählt, dessen redegewandtestes Mitglied der populäre Anwalt Gosen ist. In der Ablehnung der Forderung Wallensteins sind sich alle einig. Gosen bringt den Volkszorn in Wallung. „Besser ehrlich gestorben, als sich in schändliche Dienstbarkeit stürzen“, ruft er der Menschenmenge zu. Er fordert, die vernachlässigten „Verteidigungswerke“ instand zu setzen. Neue Bastionen und Außenwerke müssen gebaut werden.

Die Ratsherren übernehmen persönlich die Führung der jeweils 350 Mann starken Bürgerkompanien. Gleichzeitig versuchen die Stralsunder, Wallenstein hinzuhalten. 30 000 Taler würden sie freiwillig zahlen, wenn er auf die Einquartierung kaiserlicher Truppen verzichte. Aber Wallenstein lässt seinen General Arnim die Insel Dänholm besetzen. Die Stralsunder bangen nun nicht mehr nur um ihre Freiheit, sondern um ihr Leben. Doch dann trifft im Rathaus ein Brief König Gustav Adolfs von Schweden ein, der verspricht, den bedrängten evangelischen Glaubensbrüdern zu Hilfe zu kommen. Tatsächlich gehen kurz darauf 600 Schweden an Land. So wird die Ostseestadt zum Fanal des reformatorischen Widerstands.

Ein Sänger dichtet: „Steh Stralsund fest, verzage nit, thut Dir der Feind schon dräuen ...“ Die wackeren Vorpommern halten sich an den Rat. Im Juli 1628 befiehlt Wallenstein zornig den Sturm. 25 000 Mann rennen gegen alle vier Tore an. Und werden zurückgeschlagen. Verhandlungen führen zum Frieden und zum Abzug der Angreifer. Stralsund scheint gerettet, doch statt der kaiserlichen feinde machen sich jetzt die Retter aus dem Norden breit.

 

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