Fulda im 8. Jh.: Als Bonifatius die Donar-Eiche fällte

Freitag, 6. Dezember 2013

Wie der „Apostel der Deutschen“ die Germanen zum Christentum bekehrte

Blitze zerreißen die Dunkelheit, Donner rollt durch den Urwald. Unter einer großen Buche kauert sich im Jahr 744 ein hagerer Mann in den Schutz eines Leder-Zeltes. Der junge Mann fürchtet die heidnischen Götter dieses Landes. Vor allem jenen schrecklichen Rotbart, dessen Hammer gerade den Himmel spaltet: Donar, den Gott des Gewitters. Mit zitternder Stimme singt der Mönch: „Verlass mich nicht, mein Herr ...“ Als die Sonne am nächsten Tag aufgeht, entdeckt er in der Nähe einen kleinen Wasserlauf. Beim Näherkommen verraten ihm Wagenspuren, dass dort eine Straße das flache Bachbett kreuzt. Prüfend mustert der Mönch die Umgebung. Ein vor Überschwemmungen sicherer Hügel erhebt sich über dem Flüsschen. Und der Boden ist fruchtbar. Der Mann hebt die Arme zu einem Dankgebet. Genau an jener Stelle, an der bis heute die Stadt Fulda steht.

Der Mönch heißt Sturmius und kommt aus Bayern. Sein Herr, Bonifatius, hat ihn ausgeschickt, um einen Platz für ein neues Kloster zu suchen. Mitten im Land der wilden Chatten, die immer noch an die germanischen Götter glauben. Bonifatius stammt aus Südengland. Der hochgebildete Adlige war Vorsteher einer Klosterschule, hat gelehrte Bücher verfasst und setzt sein Leben für die Bekehrung der Heiden ein. Der Papst weiht ihn zum ersten Erzbischof in Germanien. Deshalb wird er später „Apostel der Deutschen" genannt werden.

In den hessischen Urwäldern erzählen die Einheimischen ehrfurchtsvoll, wie Bonifatius bei Fritzlar die heilige Eiche Donars fällte. Und wie machtlos der allgewaltige Gott dagegen war. Seither dürfen die Menschen kein Pferdefleisch mehr essen. Das heilige Opfertier der alten Götter gilt jetzt als Teufelsgeschöpf. Das Verbot des Bonifatius bewirkt dass Rossbraten bis heute von unserem Speiseplan verschwunden ist.

Das achte Jahrhundert ist das letzte jener dunklen Epoche zwischen Antike und Mittelalter. Das Rom der Cäsaren mit seinen drei Millionen Einwohnern ist untergegangen, das Rom der Päpste nur noch eine ärmliche Ansiedlung von vielleicht 30 000 Seelen. Die mächtigste Metropole der Christenheit ist Byzanz am Bosporus. Aber mit dem Frankenreich bildet sich ein Gegenpol in Mitteleuropa.

Deutschland ist zu über 95 Prozent von dichtem Urwald bedeckt. Nur an Rhein, Donau und einigen anderen Flüssen haben von Römern gegründete Städte die Stürme der Völkerwanderung überstanden. Zu Land sind Kaufleute oft tagelang unterwegs, ehe sie die nächste Siedlung erreichen. Die Wagenspuren, die Sturmius im Wald entdeckt hat, markieren die Fernhandelsstraße von Thüringen zum Rhein. Um die Chatten zum Christentum zu bekehren, braucht man einen Stützpunkt im Herzen ihres Landes. Schon im Jahr 742 hat Bonifatius deshalb Sturmius mit drei Begleitern in die hessischen Wälder geschickt. Schon zweimal sind sie zurückgekehrt. Doch Bonifatius war mit ihren Vorschlägen nicht zufrieden. Beim dritten Mal verweigerten die ängstlichen Begleiter den Gehorsam, und Sturmius ritt allein.

Ein Jahr später ist der Hügel an dem Flüsschen von fleißigen Händen gerodet und mit einem Palisadenzaun umgeben worden. Aus niedrigen Erdhütten steigt dünner Rauch. Ziegen und Schafe blöken in den Pferchen. Kanäle entwässern das sumpfige Umland. Die rund hundert Mönche haben Kornfelder und einen Kräutergarten angelegt. Bald wird hier auch eine Steinkirche stehen, mit einem wehrhaften Turm. Zehn Jahre später wohnen und arbeiten in Fulda schon mehr als 500 Menschen. Und eine Generation später zählt das Kloster Fulda zu den geistigen Zentren Mitteleuropas. Der über dem Grab des Bonifatius errichtete Dom ist die größte Basilika nördlich der Alpen.

 

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