Potsdam im Jahr 1779: Als der Adel seine Privilegien verlor

Samstag, 7. Dezember 2013

Der reformfreudige Preußenkönig Friedrich II. hinterließ ein zauberhaftes Erbe: Schloss Sanssouci

Es war ein langer, beschwerlicher Weg. Schon vor drei Wochen ist der kleine Kurt mit seinen Eltern und Geschwistern in dem kleinen schlesischen Dorf aufgebrochen. Auch aus Pommern und Brandenburg sind Tausende von Bauern nach Potsdam gekommen. Nun stehen sie vor dem Schloss und stimmen Sprechchöre an: „Es lebe unser König!“

Die Augen der Menschen glänzen. Viele können ihre Tränen nicht zurückhalten. Ein Erlass König Friedrichs II., den man schon lange den Großen und seit kurzem den Alten Fritz nennt, bewegt sie so. Am Dienstag, dem 14. Dezember 1779, hat der Herrscher eine Erklärung zur Rechtspflege veröffentlicht. Im letzten Satz heißt es, der König wünsche auf das Nachdrücklichste, dass in Zukunft mit „Egalité“ (Gleichheit) gegen alle Leute verfahren wird, die vor die Justiz kommen, sei es ein Prinz oder ein Bauer.“

Die Neuigkeit verbreitet sich wie ein Lauffeuer in ganz Preußen. Ja, in ganz Europa! Es ist die revolutionärste Proklamation des 18. Jahrhunderts. Nur zehn Jahre vor der Französischen Revolution. Nun jubeln alle fortschrittlichen Geister des Kontinents Friedrich zu. Zarin Katharina lässt die Erklärung übersetzen und an alle russischen Justizbehörden verteilen. Unter der armen preußischen Landbevölkerung aber verbreitet sich die Nachricht in Windeseile. Immer mehr Menschen ziehen nach Potsdam, um ihrem König zu danken.

Und um auch einmal mit eigenen Augen zu sehen, wovon sie schon so viel gehört haben: Das neue Schloss des Alten Fritz. Sanssouci ist Preußens Klein-Versailles, ein Weltwunder seiner zeit und Mittelpunkt der Stadt Potsdam mit ihren 30 000 Einwohnern. Weitere Anziehungspunkte sind 32 Wirtshäuser, 99 Bierschenken und von Italienern geleitete Kaffeehäuser sowie Austernkeller und Billardstuben.

Am 24. August 1743, in der kurzen Friedensspanne zwischen den beiden Schlesischen Kriegen, hatte Friedrich einen kleinen Weinberg, eine halbe Fußstunde vom Stadtzentrum entfernt, bestiegen. Dabei war ihm zum ersten Mal die Schönheit der Landschaft bewusst geworden. Ein Jahr später hatte der König den Berg gekauft und den berühmten Baumeister Georg von Knobelsdorff beauftragt, ihm ein Landhaus zu errichten. Es wurde ein Schloss: der schönste Bau des deutschen Rokoko. Staunend stehen die Bauern nun davor. Im Dunst des frühen Morgens wirken Kuppel und Statuen, Ehrenhof und Terrassen, Orangerie und Weinspaliere wie verzaubert. Die Pracht im Inneren bekommen sie allerdings nicht zu Gesicht. Erst ihre Nachfahren werden als Touristen die Deckengemälde des berühmten Franzosen Antoine Pesne, den lichtdurchfluteten Speisesaal und das in Weiß und Gold gehaltene Musikzimmer des Königs besichtigen dürfen.

Friedrich hat sich in Sanssouci eine Oase der Ruhe geschaffen. Dort könne er, so hat er auf französisch gesagt, endlich „sans souci", ohne Sorgen, sein. Sein Soldatenleben war hart genug. Noch schlimmer haben seine Untertanen unter den dauernden Kämpfen gelitten. Allein im Siebenjährigen Krieg, der vor 16 Jahren zu Ende ging, kamen 160 000 Soldaten und 400 000 Zivilisten, ein Zehntel der Bevölkerung Preußens, ums Leben, und 21 000 Häuser winden zerstört. Seither aber ist Friede, und das Land hat sich längst erholt. Friedrichs Reich ist mit 200 000 Quadratkilometern doppelt so groß, sein Volk mit fünf Millionen Menschen doppelt so stark, der Staat mit 50 Millionen Talern in der Kasse viermal so reich wie zu Beginn seiner 46jährigen Regierungszeit.

Als die Sprechchöre der Bauern nach einer Stunde noch nicht verstummt sind, tritt der große kleine König auf die Terrasse. In seiner Jugend war er ein schöner Mann, dem die Frauen zu Füßen lagen. Jetzt hat ihn das Alter gebeugt. Als der König von der Terrasse ins Schloss zurückkehrt, machen sich die Bauern langsam auf den Heimweg. Kurt aber wird den forschenden Blick aus den blauen Augen niemals vergessen. An seinem Geburtstag tritt er als Freiwilliger bei den Grenadieren ein.

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt