Als Goslar die Hauptstadt Europas war

Sonntag, 8. Dezember 2013

Zur Zeit Heinrichs IV. lag hier die Zentrale der stärksten Macht Europas und das älteste Bergwerk der Welt. Eine Reise durch die Geschichte der schönsten Altstadt Deutschlands

Als Odilo sein Pferd durch das Tor der mächtigen Kaiserpfalz lenkt, wird es schon dunkel. Dem jungen Mönch tun alle Knochen weh. Er hat den ganzen tag im Sattel gesessen, um die 60 Kilometer von seinem Kloster in Hildesheim nach Goslar zurückzulegen. Weil Heinrich IV. im Jahr 1080 in Goslar Hoftag hält und einer seiner Schreiber mit Fieber im Bett liegt, soll Odilo den Kranken vertreten. Der Erzbischof von Trier, der die Kanzlei des Kaisers leitet, wartet schon auf ihn. Briefe sind zu schreiben, Urkunden auszufertigen, Verträge zu kopieren.

Jahrein, jahraus reitet der Kaiser kreuz und quer durch die Herzogtümer und Marken des Deutschen Reiches, gefolgt von Fürsten und Diplomaten, Kriegs- und Kirchenleuten, Frauen und Kindern. Es ist ein großes Reich, das sich über halb Europa erstreckt. Im Westen reicht es bis Marseille, im Süden fast bis Neapel, im Norden bis Schleswig, im Osten bis Preßburg. Erst drei Jahre zuvor hat Heinrich IV. Aufsehen erregt, als er im Winter barfuß nach Canossa ging, um den Papst zu zwingen, den Kirchenbann gegen ihn aufzuheben. Dieser hätte ihn sonst leicht seinen Thron kosten können.

Der Streit zwischen Kaiser und Papst über die Frage, wer von Gott als Herr der Welt eingesetzt worden sei, spaltet eine bedrängte Christenheit. Auch durch den deutschen Klerus geht ein Riss. Heinrich IV. hat durchgesetzt, dass Priester auf die Ehe verzichten müssen. Das Zölibat bleibt bis heute umstritten. Auch Odilo und die anderen Mönche in der Kanzlei diskutieren darüber hitzig bei kaltem Braten und rotem Wein, ehe sie sich auf ihre Strohsäcke betten.

In einer Welt voller Feinde zieht sich Heinrich IV. gern in seine Stammlande zurück. Der bis in die Täler herab dicht bewaldete Harz ist das bevorzugte Jagdgebiet der sächsischen Kaiser. Von Knechten und Hunden begleitet, setzen sie hoch zu Ross Wölfen, Bären, Hirschen, Wisenten und Auerochsen nach. Aber Heinrichs Heimatverbundenheit hat noch einen anderen Grund. Für seinen Kampf gegen den Papst braucht er viel Geld. Und das „sprudelt" aus dem Rammelsberg vor Goslars Toren wie aus einer Quelle. Denn vor mehr als 300 Jahren wurde dort eine Silberader entdeckt. Bergleute treiben immer tiefere Stollen in das Gestein, um das wertvolle Metall für die kaiserliche Münzanstalt zu gewinnen.

Seither ist Goslar die wichtigste „Pfalz" des Reichs. Vor drei Menschenaltern hat Kaiser Heinrich der Heilige den Bau beginnen lassen. Der Palast besteht aus einem großen Mittelbau und zwei Kapellen. An den Hoftagen treffen sich hier hohe Würdenträger aus allen Teilen Europas und des Orients. Zur Weihe des Goslaer Doms im Jahr 1056 machte sich sogar Papst Viktor II. persönlich auf den beschwerlichen Weg über die Alpen.

Am nächsten Morgen betrachtet Odilo das bunte Menschengewirr vor der Pfalz. Hirten treiben Schlachtvieh für die kaiserliche Tafel herbei. Fuhrleute lenken große Karren mit Broten. Würsten und Wein für das viele hundert Köpfe zählende Gefolge durch knöcheltiefen Morast. Handwerkerbessern Waffen und Zaumzeug der weit gereisten Herren aus. Ritter und vornehme Frauen beäugen die Buden der fahrenden Händler. Und mancher Reisende lässt sich von Frauen in eine Badestube winken.

Zwei Tage später sitzt Odilo wieder im Sattel. Der Kaiser möchte die Stätten seiner Ahnen besuchen. Erst reitet der Zug auf schmalen

Wegen drei Tage lang durch den Urwald nach Osten. In Quedlinburg fing Herzog Heinrich von Sachsen vor eineinhalb Jahrhunderten schmackhafte Singvögel, als fränkische Boten ihm die Königswürde antrugen, In Halberstadt steht einer der ältesten deutschen Dome. Das Bistum geht auf Karl den Großen zurück. In Wallhausen am Südrand des Harzes ist Otto der Große geboren, der Gründer des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Noch Barbarossa und Friedrich II. werden in Goslar Hofhalten. An Odilo erinnert dann nur noch ein Grabstein auf dem Friedhof seines Klosters.

 

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