Schillers Weimar: Die Blütezeit der deutschen Klassik

Dienstag, 10. Dezember 2013

Weimar hatte für die Literatur die Bedeutung wie heute Hollywood für den Film

Über die staubige Straße rollt eine Kutsche auf das Stadttor von Weimar zu. Der Wächter verlangt die Pässe zu sehen. In dem Wagen aus Landau sitzen der Kammerrat Alexander von Kalb und Friedrich Schiller, der auf Einladung des Herzogs Karl August nach Weimar kommt. Der Torwächter ahnt nicht, dass er an diesem 21. Juli 1787 den neben Goethe berühmtesten deutschen Dichter abgefertigt hat. 1782 wurden seine „Räuber“, 1784 „Kabale und Liebe“ in Mannheim uraufgeführt. Beide Theaterstücke haben in ganz Deutschland Aufsehen erregt. Weimar ist zwar eine von etlichen sachsen-thüringischen Residenzen, aber nur ein verschlafenes Landstädtchen mit 6000 Seelen.

Starke Mauern aus dem 15. Jahrhundert schützen die Stadt. Noch immer werden die vier Tore jeden Tag bei Sonnenaufgang geöffnet, damit die Ackerbürger mit Pflug und Egge hinauskönnen. Ihre Felder dehnen sich bis weit hinauf zur Windmühle und zum Galgenberg. Der städtische Hirte treibt jeden Tag eine ansehnliche Herde von Kühen, Ziegen und Schafen hinaus. Sorgsam auf pünktliche Rückkehr bedacht, denn sobald es dunkel ist. Werden die Tore wieder geschlossen. Und wer dann noch draußen ist, muss im Freien übernachten. Das beschauliche Leben hat auch seine Reize. Herzog Karl August garantiert die Freiheit der Kunst. Was damals in Deutschland keine Selbstverständlichkeit war. Schillers früherer Landesherr, Herzog Karl Eugen von Württemberg, hat den freiheitlichen Dichter Christian Friedrich Schubart sogar einkerkern lassen. Die Weimarer Liberalität lockt große Geister in die kleine Stadt. Der Philosoph Johann Gottfried von Herder ist Generalsuperintendant des herzoglichen Theaters. August von Kotzebue schreibt für ihn Theaterstücke. Und Christoph Martin Wieland übersetzt Shakespeares Dramen ins Deutsche.

Vor zwölf Jahren hat der Herzog auch Johann Wolfgang von Goethe geholt, der seit acht Jahren als Geheimer Rat Mitglied der Regierung ist. Die Dichter der Stadt treffen sich meistens in einem Club. Er ist nach englischer Art nur einfacher eingerichtet. Herder lässt sich allerdings nie blicken, weil „dort nur gespielt oder Tobak geraucht wird". Schiller kommt nicht ungern, bemerkt aber missvergnügt „einige seichte hiesige Kavaliers" unter den Anwesenden. Am liebsten spielt er Whist, ein dem Bridge ähnliches Kartenspiel der gehobenen Stände. Im Herbst wird eine Mittvochsgesellschaft gegründet, speziell für Nichtadelige. Erstaunlicherweise haben auch Damen Zutritt. Später entsteht auf Schillers Initiative ein Freitagsclub für Ledige.

Die Zeiten sind bewegt. Acht Jahre zuvor hat die Französische Revolution die alte Ordnung Europas erschüttert. Überall versammeln sich Bürger, um den Fürsten neue Rechte abzutrotzen: Freiheit von Fronarbeit. Gleichheit vor dem Gesetz. Mitsprache bei der Regierung. Empört vernehmen die Weimarer Freigeister die Nachricht, dass der Herzog von Württemberg ein Regiment nach Südafrika an die holländische Kap-Kompanie vermietet hat. Aber es ist auch eine Zeit großer technischer Neuerungen. In Preußen steht die erste deutsche Dampfmaschine. Diese neue Kraft revolutioniert die Textilindustrie. In England arbeitet der erste mechanische Webstuhl. Gaslampen beleuchten die Häuser. Ein Jahr später kehrt Goethe von seiner Italienreise zurück. Mit der ersten Begegnung von Goethe und Schiller beginnt eine tiefe Freundschaft. Zu dieser Zeit beginnt Weimars Aufstieg zum kulturellen Mittelpunkt. Zwanzig Jahre später nennt man es „das deutsche Athen“.

 

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